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Käfer auf der Semmel#

Insekten entwickeln sich hierzulande immer mehr vom Ekelfaktor zur Delikatesse. Bei einem Pop-up-Imbiss auf dem Naschmarkt kann man die ungewöhnlichen Snacks probieren. Ein Lokalaugenschein.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 11. Mai 2018

Von

Alexander Maurer


Getrocknete Wanderheuschrecken
Getrocknete Wanderheuschrecken sind knusprig wie Chips - und gesünder.
Foto: © apa/Fohringer

Wien. Käfer auf der Semmel. Allein beim Lesen dieses Satzes verzieht sich das Gesicht, und Gedanken an ein ruiniertes Frühstück kommen auf. Mittlerweile muss es sich dabei aber nicht mehr zwingend um unerwünschte Tischgäste handeln. Vielmehr stellen die Insekten den Semmelbelag dar, beispielsweise als Pesto oder Aufstrich.

Der Feinkostladen Berber auf dem Naschmarkt bietet am Freitag und Samstag die Möglichkeit, Delikatessen der anderen Art zu probieren. Denn dort hat das Project "Zirp Insects" seinen ersten Pop-up-Imbiss errichtet und lädt zur Insektenverkostung. Neben vielfältigen Gerichten aus Würmern und Käfern ist Wiens erstes Insekteneis wohl das Highlight des Imbissstands. Das Erdbeereis mit karamellisierten Mehlwürmern wurde extra für das Event vom Eissalon "Schelato" kreiert.

"Zwei Milliarden Menschen essen jeden Tag Insekten. In Uganda sind Heuschrecken sogar teurer als manch andere Delikatesse, weil sie schwerer zu finden sind. Auch in Asien, Australien und Südamerika sind Insekten ein weit verbreitetes Nahrungsmittel. Nur Europa und Nordamerika hinken hinterher", erklärt Christoph Thomann im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Gewöhnungsbedürftiger Snack#

Der studierte Gesundheitsmanager arbeitet mit "Zirp Insects", das mit der Website www.insektenessen.at begonnen hat, seit Jahren daran, das Image von Insekten zu verändern: vom ekligen Ungeziefer hin zur schmackhaften und hochwertigen Eiweißquelle. In seinem Online-Shop bietet er Wanderheuschrecken, Mehlwürmer, Buffalowürmer und Heimchen an - als essfertige Snacks, Proteinriegel, Pesto und Kochgrundlage. "Wir essen nicht, was uns schmeckt, sondern uns schmeckt, was wir essen", sagt Thomann. Er ist sicher, dass es nur ein klein wenig Überzeugung brauche, um sich für Insekten als Snack zu begeistern.

Auch er selbst musste sich bei seinem ersten Bissen Heuschrecke überwinden, wie er sich erinnert. Hemmungen seien da sehr individuell. "Die einen mögen die Mehlwürmer nicht, weil sie die ekelhaft finden, und essen lieber Heimchen. Anderen wiederum sind die Heuschrecken zu groß zum Probieren, die trauen sich über die kleinen Würmer eher drüber", meint Thomann. Dabei sind die Krabbler wahre Proteinbomben. "Dazu sind sie noch bekömmlich, enthalten viele ungesättigte Fettsäuren, Aminosäuren und Vitamine.

Außerdem sind sie verträglicher als beispielsweise Rind- oder Schweinefleisch, weil ihre Proteine jenen des Menschen viel unähnlicher sind", betont er. Heuschrecken und Mehlwürmer seien überdies leicht zu züchten. Angesichts des steigenden Ressourcenverbrauchs insbesondere der westlichen Gesellschaften sei dies Gold wert. Die wechselwarmen Wirbellosen bräuchten nur wenig Platz, Wasser und Nahrung und könnten sich der Umgebungstemperatur anpassen. Sie sind pflegeleicht von der Geburt bis zum Tod.

Tod durch Unterkühlung#

"Rinder beispielsweise werden vor der Schlachtung hochgradig nervös und müssen mit Medikamenten ruhig gestellt werden. Außerdem brauchen sie Antibiotika, um gesund zu bleiben. Bei Insekten ist das nicht notwendig", erklärt Thomann. Getötet werden die Krabbler durch Unterkühlung, wie es in der Natur im Winter geschehe. "Dann werden sie blanchiert, um keimfrei zu sein und Hygienestandards zu entsprechen, bevor sie verarbeitet werden."

Heuschrecken auf Bestellung#

Seine Insekten bezieht Thomann neben Österreich auch von Lieferanten aus ganz Europa, beispielsweise Belgien, Großbritannien, Deutschland und Holland. Kaufen kann man die blanchierten Insekten vorwiegend online. Bei Vorbestellung lassen sie sich auch in einigen Geschäften in Wien beziehen, beispielsweise bei "Berber" auf dem Naschmarkt oder im LGV-"Gärtnerg’schäftl".

Aktuell befindet sich auch der Aufbau einer Insektenzucht in Wien in Planung, verrät Thomann. Aber nicht nur Nährwert und Qualität sind wichtig. Denn nicht zuletzt isst auch das Auge mit. Daher werden die Speisen beim Pop-up-Imbiss von Sternekoch Sebastian Müller als Tapas angerichtet: als Wurm-Pesto mit Wildkräutern, als Karamell-Heimchen auf Blattsalat, als Eintopf oder eben in Form von Speiseeis.

"Wir wollen den Leuten zeigen, wie gut Insekten schmecken können, wenn ein Haubenkoch sie zubereitet", erläutert Thomann dazu. Denn die richtige Verarbeitung sei bei Insekten entscheidend. Daher veranstaltet "Zirp Insects" als Teil der Aufklärungsarbeit auch eigene Kochkurse zum Thema Insekten.

Weitere Informationen unter:

Wiener Zeitung, 11. Mai 2018