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»Generalplan Ost« und die Slowenen.
Karawankengrenze.at
Buchcover Drava Verlag
Die ersten Planungsdokumente erschienen im Februar
1940 und betrafen die annektierten polnischen Gebiete.
Nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni
1941 entstanden in rascher Folge weitere, radikalere
Fassungen des »Generalplans Ost«. Während in der im
Reichssicherheitshauptamt entstandenen Version vom
November 1941, unter SS-Standartenführer Dr. Hans
Ehlich, ohne Umschweife die Vernichtung von über
30 Millionen Slawen angekündigt wurde – durch De-
portation, Aushungern oder Ermordung –, bedienen
sich die aus der Werkstatt von Konrad Meyer stam-
menden Versionen einer wissenschaftlich-rationalen
Sprache, in der sich die erwünschte Reduktion der
»fremdvölkischen Bevölkerung« nur indirekt aus der
Differenz von Ist- und Sollzahlen ergibt.
Mit Fortschreiten des Krieges wurden die Planun-
gen mehrfach an die wechselnden, sich radikalisieren-
den Vorstellungen der Nationalsozialisten angepasst.
So legte Konrad Meyer Anfang Juni (datiert : 28. Mai
1942) eine nach den Direktiven Himmlers stark er-
weiterte Version unter dem Titel »Generalplan Ost.
Rechtliche, wirtschaftliche und räumliche Grundlagen des
Ostaufbaus« vor. In dieser waren neben den annektierten
Gebieten Polens und des Generalgouvernements auch die eroberten Teile des Baltikums, der Ukraine und
die Region um Leningrad einbezogen. In nur 25 Jah-
ren (zuvor 30 Jahre) sollten diese Gebiete vollständig
»eingedeutscht« werden. Der Plan sah die Schaffung
von drei großen »Marken des Reiches« vor, genannt :
»Ingermanland« (Petersburger Gebiet), »Gotengau«
(das Krim-Gebiet) und das »Memel-Narew-Gebiet«
(Bezirk Białystok und Westlitauen). Diesen sollte eine
Kette von 36 befestigten deutschen Siedlungsstütz-
punkten vorgelagert sein (Generalplan Ost
… 1942).
Für die Besiedlung der Marken und Stützpunkte
sollten 4,8 Millionen Siedler gewonnen werden. Da
der wachsende Bedarf an »rassisch geeigneten« Sied-
lern nicht mehr allein durch reichsdeutsche Bauern und
»Volksdeutsche« gedeckt werden konnte, sollten Siedler
nun auch aus Übersee (rückkehrwillige Auswanderer),
bei anderen »germanischen« Völkern oder durch »Um-
volkung« und »Eindeutschung« von Angehörigen an-
derer Völker gewonnen werden. Darüber hinaus sollte
im Osten, als dem neuen »Pflanzgarten des Reiches«,
durch rassische Auslese – der sogenannten »Leistungs-
züchtung« – neues »Menschenmaterial« gewonnen
werden (Mai, 358).
Für die Zeit des Aufbaus sah der »Generalplan Ost«
vor, die Siedlungsmarken aus ihrem bisherigen staats-
rechtlichen Territorialverband auszugliedern und der
Hoheitsgewalt des »Reichsführer-SS« zu unterstellen.
Nach den Prinzipien des Führerstaates oblagen diesem
sowohl Rechtsetzung, Rechtsprechung als auch deren
Vollzug. Gedacht war an eine Belehnung von Grund
und Boden nach mittelalterlichem Vorbild, entweder
als »Zeitlehen«, »Erblehen« oder »Eigentum beson-
deren Rechts«. Für das Aufbauwerk Ost, für das ein
Zeitraum von 25 Jahren vorgesehen war, wurden ins-
gesamt 66,6 Milliarden Reichsmark an Finanzmitteln
kalkuliert. Für die ersten beiden Fünfjahresabschnitte
war der Einsatz von 450.000 Arbeitskräften vorgesehen,
wobei für die Bereiche forstwirtschaftlicher Aufbau,
Landschaftsgestaltung, Straßenbau, Wasserstraßen der
»kolonnenweise Einsatz von Kriegsgefangenen« und
sonstigen »fremdvölkischen Arbeitskräften« geplant
war. Zur Finanzierung war neben Mitteln aus dem
ordentlichen Reichshaushalt auch eine das »Altreich«
treffende Ostaufbausteuer vorgesehen, aber auch Fi-
nanzmittel aus »Tributleistungen« durch den Einsatz
von »fremdvölkischen Arbeitskräften« (Kriegsgefange-
nen, Zivilgefangenen, Polizeigefangenen). Neben his-
torisierenden Rückgriffen auf Germanentum und Mit-
telalter enthielt der »Generalplan Ost« durchaus auch
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Untertitel
- Von den Anfängen bis 1942
- Band
- 1: A – I
- Autoren
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Abmessungen
- 24.0 x 28.0 cm
- Seiten
- 542
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55