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vom 20.03.2020, aktuelle Version,

Klaviersonate Nr. 14 (Beethoven)

Die Klaviersonate Nr. 14 op. 27 Nr. 2 in cis-Moll von Ludwig van Beethoven, vollendet 1801, wird auch als Mondscheinsonate bezeichnet.

Titelblatt der Klaviersonate Nr. 14 aus dem Jahr 1802

Beethoven selbst nannte sein Werk eine Sonata quasi una Fantasia [„gleichsam eine Fantasie“] per il Clavicembalo o Piano-Forte. Die Bezeichnung Fantasia bezieht sich auf die ungewöhnliche Satzfolge der Klaviersonate, deren Sätze in ihren Tempi von der herkömmlichen Sonatenform abweichen. So hat das Werk keinen ersten (schnellen) Satz in Sonatenhauptsatzform, wie ihn Sonaten dieser Zeit üblicherweise enthalten. Es beginnt vielmehr mit einem Adagio, dem ein lebhafteres Allegretto mit Trio folgt, worauf sich ein schnelles, hochdramatisches Finale anschließt, das die Struktur eines Sonatenhauptsatzes aufweist. Auffällig ist hierbei, dass sich das Tempo von Satz zu Satz steigert. Franz Liszt charakterisierte den zweiten Satz als „eine Blume zwischen zwei Abgründen“.[1]

Aufbau

  • Erster Satz, Adagio sostenuto, cis-Moll, alla breve, 69 Takte

  • Zweiter Satz, Allegretto, Des-Dur, 3/4-Takt, 60 Takte

  • Dritter Satz, Presto agitato, cis-Moll, 4/4-Takt, 200 Takte, in diesem Satz wird mehrfach ein Neapolitanischer Sextakkord eingesetzt.

Geschichte und Wirkung

Gärtnerhäuschen auf Schloss Unterkrupa, heute Beethoven-Gedenkstätte

Ludwig van Beethoven unterhielt zur Familie des ungarischen Adelgeschlechts Brunsvik freundschaftliche Beziehungen. In den Jahren 1800, 1801 und 1806 weilte er auf Einladung des Grafen Joseph Brunsvik (1750–1827) auf einem der Herrensitze der Familie, im Schloss Unterkrupa. Während seiner Aufenthalte bewohnte er das Obergeschoss des barocken Gärtnerhäuschens, wo er nach mündlicher Überlieferung der Familie Brunsvik die Mondscheinsonate komponiert haben soll. In diesem in der Nähe des Schlosses gelegenen Gärtnerhäuschen ist heute ein kleines Beethoven-Museum eingerichtet.

Beethoven widmete die Sonate später seiner damals 20-jährigen Klavierschülerin Gräfin Julie Guicciardi (1782–1856),[2] in die er für kurze Zeit verliebt war. Offenbar war diese Widmung als „Vergeltung“ für ein Geschenk gedacht, das Beethoven von Julies Mutter erhalten hatte.[3] Anton Schindler behauptete 1840, Julie sei auch die Adressatin des berühmten Briefs an die „Unsterbliche Geliebte“, was sich später als reine Spekulation erwies.

Schon zu Beethovens Lebzeiten war diese Sonate eines seiner populärsten Klavierwerke – so beliebt, dass er selbst anmerkte, „doch wahrhaftig Besseres geschrieben“ zu haben.[4] Sie gilt mit ihren formalen Freiheiten und ihrem emotionsbestimmten Stil als wichtiger Vorläufer der musikalischen Romantik. Ihr Formschema wurde später unter anderem von Robert Volkmann in seinem Klaviertrio b-Moll op. 5 aufgegriffen.

Von Franz Liszt wird berichtet, dass er die Komposition nicht von seinen Schülern spielen ließ, weil er sie für äußerst anspruchsvoll hielt.[5] Alexander Siloti soll von Liszts Spiel der Sonate auf einem Bechstein-Flügel so angetan gewesen sein, dass er das Stück danach nie wieder von einem anderen Interpreten hören wollte.[6]

Während jener Zeit, in der die Sonate ihren ersten Bekanntheitsgrad erwarb, wurde sie auch „Laubensonate“ genannt, da Beethoven den ersten Satz in einer Laube improvisiert haben soll. Den populären Namen Mondscheinsonate erhielt das Werk erst später, einige Jahre nach Beethovens Tod, von dem Musikschriftsteller Ludwig Rellstab, der sich beim Hören des ersten Satzes an eine Bootsfahrt auf dem Vierwaldstättersee erinnert fühlte.

Einen anderen Interpretationshintergrund lieferte András Schiff, der eine rhythmische Verbindung zu einer Trauerszene aus Mozarts Don Giovanni sieht und die Ansicht vertritt, es handle sich um eine „Todesszene“ bzw. einen Trauermarsch; auch Daniel Barenboim schloss sich dieser These an.[7] Schiff bezieht sich dabei auf Beethovens Exzerpt der Szene mit dem sterbenden Kommendatore im 1. Akt von Mozarts Oper, das Beethoven allerdings erst 1803/1804 anfertigte, und das daher als direkter Bezug zur 1800/1801 entstandenen Sonate op. 27, Nr. 2 ausscheidet.[8]

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch griff im letzten Satz seiner letzten Komposition, der Sonate für Viola und Klavier op. 147, Motive aus der Mondscheinsonate auf und setzte damit kurz vor seinem Tod Beethoven ein weiteres Denkmal. Die Wirkungsgeschichte der 1800/1801 komponierten Klaviersonate ist jedoch nicht auf Werke der Musik beschränkt. Als Inspirationsquelle diente sie darüber hinaus sowohl in der Literatur wie auch in der bildenden Kunst. So war sie Gegenstand zahlreicher romantischer Interpretationsversuche, die sich meist auf den langsamen ersten Satz konzentrieren.

Streitpunkte der Interpretation

Pedal

Für den ersten Satz steht die Spielanweisung Si deve suonare tutto questo pezzo delicatissimamente e senza sordini (auf deutsch: Man muss dieses ganze Stück sehr zart und ohne Dämpfer spielen). „Ohne Dämpfer“ bedeutet „mit Pedal“, jedoch bleibt die Frage offen, ob das ganze Stück generell mit Pedal oder in einem einzigen Pedal gespielt werden soll. Relativ selten wird dieser Satz tatsächlich in einem durchgehaltenen Pedal gespielt wie in András Schiffs Beethoven-Interpretation.[9] Carl Czerny, Beethovens Schüler, schreibt hingegen: „Das vorgezeichnete Pedal ist bei jeder Bassnote von Neuem zu nehmen.“[10]

Tempo

Die Tempobezeichnung alla breve wird in unterschiedlichen Interpretationen auf die Viertelnoten oder auf die halben Noten bezogen. Obwohl die Bezeichnung alla breve eindeutig eine halbtaktige Zählweise (also in halben Noten) verlangt, schlägt Carl Czerny ein Tempo von MM 54 je Viertel vor und dass das ganze Tonstück in mäßigem Andante-Tempo zu spielen sei.[10] Die Interpretation von András Schiff nimmt in der Tempo- wie Pedalfrage die Anweisungen Beethovens wortwörtlich.

Charakter

Der Deutung der Sonate von Rellstab als romantisches Werk inspiriert durch eine nächtliche Bootsfahrt wurde unter anderem von Wilhelm von Lenz widersprochen: er meint, dass Beethoven den 1. Satz an der Bahre eines [verstorbenen] Freundes improvisiert habe.[11] Folglich wäre der punktierte Rhythmus der Melodie der eines Trauermarsches, was dem gesamten Satz einen gänzlich anderen Charakter verliehe.

Musikalische Stilmittel

Eine romantische Wirkung erzeugt die Cadenza Doppia in ihrer archaischen Form mit einer quarta consonans auf der zweiten Zählzeit in Takt vier über einer lang ausgehaltenen Bassklauselpenultima und erinnert an deren primäre Verwendung im 16. Jahrhundert.[12] Dieser Gedanke, sich auf Kompositionsweisen vergangener Jahrhunderte zu beziehen, entspricht den Weltbildern einiger Komponisten des 19. Jahrhunderts. Beethoven war mit seinem Kompositionsstil zwar das Ideal vieler Romantiker, aber er selbst vertrat deren Weltbilder nicht.

Trivia

Im achtzehntletzten Takt beginnt im dritten Satz der Sonate 14 eine Cadenza mit einem Vorhaltsquartsextakkord. Im vierzehntletzten Takt befindet sich die Auflösung in einen quintlosen Dominantseptakkord über „gis“. Dort befindet sich eine bestimmte Tonfolge, die mit dem Triller auf dem Ton „a“ anfängt und mit dem „gis“ in der kleinen Oktave endet. Die gleiche Tonfolge wird in Chopins Fantaisie-Impromptu im Takt 7 auf der zweiten Sechzehntel „a“ der Zählzeit drei bis zur zweiten Sechzehntel „gis“ der Zählzeit vier im achten Takt verwendet.

Literatur

  • Wilibald Nagel (Hrsg.), Beethoven und seine Klaviersonaten, Langensalza: Hermann Beyer & Söhne 1903, Band 1, S. 206–225
  • Michael Ladenburger und Friederike Grigat, Beethovens „Mondschein-Sonate“. Original und romantische Verklärung. Begleitpublikation zu einer Ausstellung des Beethoven-Hauses, Bonn: Beethoven-Haus 2003, ISBN 978-3881880770
  • Rita Steblin, ‘A dear, enchanting girl who loves me and whom I love’: New Facts about Beethoven’s Beloved Piano Pupil Julie Guicciardi. In: Bonner Beethoven-Studien, Band 8 (2009), S. 89–152
  • Kurt Dorfmüller, Norbert Gertsch, Julia Ronge (Hrsg.), Ludwig van Beethoven. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis, München 2014, Band 1, S. 160–165
Commons: Klaviersonate Nr. 14 (Audio)  – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
Commons: Klaviersonate Nr. 14 (Noten)  – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Altösterreich heute

Beethoven in Dolná Krupa

Einzelnachweise

  1. Beethovens Klaviersonaten, zum musikalischen Inhalt. Raptusassociation.org; abgerufen am 26. Juni 2019.
  2. Steblin (2009, S. 96) wies nach, dass Julie Guiccardi nicht, wie bis dato angenommen, 1784, sondern zwei Jahre früher geboren wurde. Sie wurde von ihrer Verwandtschaft auch nicht „Giulietta“ genannt – als solche ist sie aufgrund des ausschließlich in italienischer Sprache gehaltenen Titels der ihr von „Luigi van Beethoven“ gewidmeten sog. Mondscheinsonate in die Literatur eingegangen – sondern „Julie“. (Steblin 2009, S. 90).
  3. Steblin 2009.
  4. Klaus Martin Kopitz, Rainer Cadenbach (Hrsg.) u. a.: Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen in Tagebüchern, Briefen, Gedichten und Erinnerungen. Band 1: Adamberger – Kuffner. Hrsg. von der Beethoven-Forschungsstelle an der Universität der Künste Berlin. Henle, München 2009, ISBN 978-3-87328-120-2, S. 218.
  5. Christoph Rueger: Franz Liszt: des Lebens Widerspruch, Seite 206, Verlag Langen Müller, 1997, ISBN 978-3-7844-2607-5.
  6. Volker Hagedorn: Stimme seines Herrn. In: Die Zeit, Nr. 13/2002.
  7. Dieser Zusammenhang wurde von András Schiff in seinen Vorlesungen propagiert András Schiff: the lectures | Classical and opera | guardian.co.uk Music.
  8. Murray Perhia: Vorwort. In: Norbert Gertsch, Murray Perahia (Hrsg.): Ludwig van Beethoven Klaviersonate Nr. 14 cis-moll op. 27 Nr. 2 (Mondscheinsonate). G. Henle-Verlag, München 2012, S. III. PDF Online; abgerufen am 6. Januar 2020.
  9. Die Mondscheinsonate vernebelt sich. In: Berliner Zeitung.
  10. 1 2 Carl Czerny: Über den richtigen Vortrag der sämtlichen Beethoven’schen Klavierwerke. ISMN M-008-00101-7, S. 51.
  11. Jürgen Uhde: Beethovens Klaviermusik II. Reclam, ISBN 3-15-010147-6, S. 361.
  12. Johannes Menke: Die Familie der cadenza doppia. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie [Journal of the German-speaking Society of Music Theory]. Band 8, Nr. 3, 2011, ISSN 1862-6742 (gmth.de [abgerufen am 24. August 2018]).