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Das 2018er Jahr#

(Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft in Wechselwirkung)#

von Martin Krusche

Wir haben aus den letzten drei Jahren heraus Praxisschritte gesetzt, die sich vor dem Hintergrund einer Vierten Industriellen Revolution als tauglich erweisen sollen. Zu Großes Thema für einen Kreis kleiner Kulturinitiativen? Das denke ich nicht! Diese globalen Prozesse erreichen längst jeden Winkel der Welt und unseres Lebens. Was daher von unseren Aktivitäten als Veranstaltungen an den Tag kommt und sich an ein Publikum richtet, braucht angemessene sachliche Fundamente.

Installation „The Forest“ von Robert Gabris – (Foto: Martin Krusche)
Installation „The Forest“ von Robert Gabris – (Foto: Martin Krusche)

Das 2018er Kunstsymposion Interferenzen von Kultur.at mit der Entwicklungsarbeit aus dem Labor Kunst Ost wird wie gewohnt gegen Ende des Kalenderjahres stattfinden. Das hat seinen Grund in der bewährten Art, eine Kette von Ereignissen und Aktivitäten quer durchs Jahr zu legen, um das jeweilige Themenspektrum zu bearbeiten und um in der Region verschiedene Orte zu bespielen. Daraus ergibt sich eine prozesshafte Wissens- und Kulturarbeit.

Diese Art der kollektiven Kulturpraxis ermöglicht es uns unter anderem, verfügbare Ressourcen besser zu nutzen, Synergieeffekte herbeizuführen. Das hat auch einen wichtigen kulturpolitischen Aspekt. Wo wir öffentliche Mittel verwenden dürfen, spreche ich vorzugsweise von Kofinanzierung seitens des Staates, weil es dabei zu einem Leistungsaustausch kommt, den alle Beteiligten in verschiedenen Währungen bedienen. Wir realisieren dabei eine Zusammenarbeit der "Drei Sektoren" Staat, Markt und Zivilgesellschaft. Das sind
1) Politik & Verwaltung,
2) Wirtschaftstreibende und
3) Privatpersonen & Vereine.

Das bedeutet auch, wir vervielfachen durch unsere Arbeit jeden Euro, den der Staat einbringt. Das geschieht durch die erwähnten Synergieffekte, durch die Kombination mit ehrenamtlicher, also unbezahlter Arbeit, und dadurch, daß wir attraktive Vorhaben umsetzen, bei denen oft Fachkräfte ihr Know how weit unter üblichen Marktpreisen oder sogar kostenlos einbringen.

Zeichnende Maschine von Niki Passath – (Foto: Martin Krusche)
Zeichnende Maschine von Niki Passath – (Foto: Martin Krusche)

Dabei hat sich für uns das Prinzip der autonomen Ortsformation (Location Crew) bewährt. Das bedeutet, wir kooperieren anlassbezogen mit anderen Gruppen, wobei jeweils eine Schlüsselperson gegenüber Kultur.at für die Zusammenarbeit da ist, die Formationen aber in sich vollkommen eigenständig agieren, ohne sich in Details mit anderen abstimmen zu müssen. Dieser Modus zielt auf jenes Maß an Handlungsspielraum und Selbstbestimmung, ohne den die Dinge erfahrungsgemäß nicht gut vorankommen.

Drei Genres#

Wo Kultur.at und Kunst Ost eine Drehscheibe ergeben, ist derzeit eine Zusammenschau der Schnittpunkte und Wechselwirkungen zwischen drei Genres in Arbeit: Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst. Es ist etwas Typisches in den Biographien der 1950er- und 1960er-Jahrgänge, worin sich Umbrüche im Kunstgeschehen und Kulturbetrieb ergaben, die sehr markante Wirkungen auf das Menschen- und Weltbild unserer Gesellschaft hatten. Wir sind noch mit den trüben Kategorien „Schmutz und Schund“ groß geworden, sollten zwischen E und U unterscheiden, also ernsten und unterhaltenden Stoffen, bekamen von einer Hochkultur erzählt, die sich über Volkskultur und Trivialem erhoben habe. (Diese bipolare Kultursicht hat sich erledigt.)

Ich habe vor Jahren das „Kuratorium für triviale Mythen“ initiiert, um solchen Zusammenhängen nachzugehen. Das handelt von Hintergründen, die in der Klassischen Moderne wurzeln, für die im, wissenschaftlichen Diskurs das Zeitfenster 1880 bis 1960 markiert wurde. Hier ein kurzer Überblick. Uwe M. Schneede, vormals Direktor der Hamburger Kunsthalle, stellt zur Orientierung einen kleinen, recht nützlichen Raster zur Verfügung. Er sieht zwischen 1880 und 1900 „Die großen Erneuerer“, zwischen 1900 und 1920 „Die Epoche der Avantgarden“. In der Zeit zwischen 1900 und 1930 sieht er „Die angewandte Moderne“ in Kraft, hebt zwischen 1920 und 1940 „Die Welt des Surrealen“ hervor.

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Schneede benennt schließlich als Jahrhundertkünstler speziell Picasso, Matisse, Beckmann und Brancusi. 1920 bis 1940 sieht er als eine Zeit der „Wirklichkeit im Bild“. Inzwischen haben Menschen in Deutschland und Österreich aus den Traumata des Großen Krieges (1914-1918) heraus diese Katastrophe vertieft und in Gefolgschaft der Nazi zum „Zweiten Dreißigjährigen Krieg“ erweitert, während dem das Regime jegliche kritische Intelligenz verfolgt hat, damalige Gegenwartskunst a) als entartet“ bewertet, b) entweder zerstört oder c) für gutes Geld teuer verkauft hat. In diesen Zusammenhängen spricht Schneede von „Mit der Kunst bei Null anfangen: Europa, USA. 1940 bis 1960“. Jenseits dieser Markierung ist meine eigene Biographie schon in Gang, machten wir Erfahrungen mit einer Massenkultur, die auf Massenmedien gestützt ist wie nie zuvor. Pop Art und Popkultur fuhren mächtig in alte Auffassungen. Siehe dazu auch: Was ist Kunst?“ (Einige Hinweise für unbeschwerte Zugänge) Für meine Generation sind Jahrhundertkünstler, die hervorzuheben wären, sicher Duchamp, Warhol, Beyus und Cage, aus deren Schatten wir alle herauskommen mussten.

Ausstellungsaufbau mit Aquarellen von Radenko Milak– (Foto: Martin Krusche)
Ausstellungsaufbau mit Aquarellen von Radenko Milak– (Foto: Martin Krusche)
Mark Blaschitz vom SPLITTERWERK (links) und Künstler Niki Passath (rechts) bei Ewald Ulrich (Fokus Freiberg, Mitte) und dem Artefakt von „Fiat Lux“ – (Foto: Martin Krusche)
Mark Blaschitz vom SPLITTERWERK (links) und Künstler Niki Passath (rechts) bei Ewald Ulrich (Fokus Freiberg, Mitte) und dem Artefakt von „Fiat Lux“ – (Foto: Martin Krusche)
Aufbau einer Installation von Jelena Juresa – (Foto: Martin Krusche)
Aufbau einer Installation von Jelena Juresa – (Foto: Martin Krusche)

Es hat gute Gründe, dass ich in derlei Retrospektiven und in der laufenden Arbeit das Thema Volkskultur einbeziehe. Das liegt nicht nur in der konkreten kulturellen Entwicklung, sondern auch am deutlichen Rechtsruck Europas, bei dem sich allerhand politische Kräfte seit Jahren auf kulturelle Kategorien und speziell Volkskultur berufen, ohne dabei einen seriösen Umgang mit dem Thema nachzuweisen. Ich hab in Volkskultur: Etwas Unschärfe als nächste Klarheit“ (Ein kleiner Rückblick auf die letzten 60 Jahre) skizziert, woran wir da arbeiten.

Regionale Verankerung, überregionale Verzweigungen#

Zu all dem kommt nun über einige Jahre eine bewährte Kooperation mit den Bürgermeistern dreier kleiner oststeirischer Gemeinden, woraus sich für die regionale Umsetzung ein nennenswerter Rückhalt ergibt. Werner Höfler (Hofstätten an der Raab), Peter Moser (Ludersdorf-Wilfersdorf) und Robert Schmierdorfer (Albersdorf-Prebuch) sind heute mit unseren Modi vertraut und tragen unsere Themenentwicklungen mit. Sie haben diese Zusammenarbeit unter den Titel „Dorf 4.0“ gestellt. Siehe dazu: Die erste Praxiszone: Dorf 4.0“ (Eine Kooperation)
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Andrerseits gibt es manche Organisationen sowie manche Infrastruktur nur im Landeszentrum Graz. So etwa das von Wissenschafter Hermann Maurer initiierte Austria-Forum, in dem diese Themenleiste des Kuratorium für triviale Mythen verankert ist. Jenes Docuverse im Internet hat auch seine Schnittstelle zu den Ereignissen im analogen Raum, denn Netzkultur kommt bei uns nicht ohne reale soziale Begegnung aus. Hier also: Austria-Forum live.

Zu den laufenden Prozessen gehören auch Publikationen. Das setzten wir primär in einer Reihe von Kleinschriften um. Die Booklets werden je nach Anlass und Budget entweder gedruckt (und/) oder als elektronische Publikationen online gestellt. Dafür sind derzeit drei Themenblöcke definiert:
1) Sozial- und Technologiegeschichte,
2) Gegenwartskunst und Popkultur und
3) Wissens- und Kulturarbeit.
Die Übersicht der ersten Serie: Die Edition

Das drückt sich gelegentlich auch in Projektteilen aus, wie etwa „Die Quest“ ganz bewußt dieses alte kulturelle Motiv der Suche als „Heldenreise“ aufgreift. Damit markieren wir schon eine Weile jeweils den ersten Halbjahresschwerpunkt als Gäste beim „Aprilfestival“ (kuratiert von Winfried Lehmann, getragen von Fokus Freiberg). Siehe dazu: Pathos und Ethos“ (Überlegungen zum Projekt Die Quest)!

Denkmuster Zentrum-Provinz#

Diskurs und Vermittlung: Ursula Glaeser (Kulturbüro Stainz) & Künstler Robert Gabris– (Foto: Martin Krusche)
Diskurs und Vermittlung: Ursula Glaeser (Kulturbüro Stainz) & Künstler Robert Gabris– (Foto: Martin Krusche)
Diskurs und Vermittlung: Die Künstler Selman Trtovac (links) und Martin Krusche – (Foto: Ursula Glaeser)
Diskurs und Vermittlung: Die Künstler Selman Trtovac (links) und Martin Krusche – (Foto: Ursula Glaeser)
Eingespielte Muster und Bilder: Stadt und Land, Graz und die Regionen, Zentrum und Provinz. Daran hat die sich verändernde Mediensituation viel bewirkt, nachdem sich Ende der 1950er Jahre eine Volksmotorisierung durchgesetzt hatte. Erst also eine soziale Revolution durch die Veränderung individueller Mobilität, dann eine vollkommen neue Info-Sphäre, die uns umgibt, weil die Digitale Revolution für eine verblüffende Medienkonvergenz gesorgt hat.

In diesen Kräftespielen entstanden verschiedene Facetten einer Netzkultur, die allerdings auch sehr problematische Seiten entwickeln konnte; von Hass-Postings bis zu „Fake News“ und irritierenden Propagandamethoden seitens Politik wie Wirtschaft. Wie auch immer, wir sind gefordert, das Verhältnis Zentrum-Provinz neu zu klären und dabei überholte Denkmuster loszuwerden. Siehe dazu auch den Text Da gibt’s kein Dort“ (Über Veränderungen im Verhältnis von Zentrum und Provinz), in dem der Aspekt von Netzkultur einbezogen ist.

Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst#

Das Themengefüge Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst bietet uns Schnittpunkte, deren Bearbeitung auch im Blick auf zwei spezielle Zeitfenster nützt. Aktuell ist der Bogen 1918-2018 zu beachten, da das Ende des Großen Krieges quasi das Tal einer Modernisierungskrise Europas betonte, wie wir derzeit eventuell wieder einen Umbruch krisenhafter Natur erleben, ohne noch zu wissen, wann und worin das Tal erreicht sein wird. Andrerseits beruht diese Entwicklung auf Kräftespielen innerhalb von 1814-1914-2014, da Europa ab dem Wiener Kongress permanent um Neuordnungen rang und dabei augenblicklich – mild ausgedrückt – einen starken Retro-Kurs zeigt, der uns sicher nicht für die kommenden Anforderungen ausreichend rüstet.
LEADER-Managerin Iris Absenger Helmli und die Bürgermeister (von links) Robert Schmierdorfer, Werner Höfler, Peter Moser – (Foto: Martin Krusche)
LEADER-Managerin Iris Absenger Helmli und die Bürgermeister (von links) Robert Schmierdorfer, Werner Höfler, Peter Moser – (Foto: Martin Krusche)
Mobilitätsgeschichte als Kulturgeschichte Martin Krusche (links) und Werner Höfler bei der Eröffnung von „Mythos Puch“ – (Foto: Ursula Glaeser)
Mobilitätsgeschichte als Kulturgeschichte Martin Krusche (links) und Werner Höfler bei der Eröffnung von „Mythos Puch“ – (Foto: Ursula Glaeser)
Gruppe Skart beim Projekt “From Diaspora to Diversities“ in der Akademie Graz – (Foto: Martin Krusche)
Gruppe Skart beim Projekt “From Diaspora to Diversities“ in der Akademie Graz – (Foto: Martin Krusche)

In diesem Zusammenhang ist die Entwicklung dessen, was man unter Volkskunde versteht, sehr interessant. Das Genre ist ab dem Ende des 18. Jahrhunderts beschrieben und hat naturgemäß starke Wandlungen in seinen Funktionen, Zuschreibungen und Bedeutungen erlebt. Der umfassende Paradigmenwechsel nach der Nazi-Ära war dann unumgänglich.

Für unsere Arbeit sind bezüglich dieses Paradigmenwechsels zwei Werke wesentlich. Dieter Kramer verfasste 2013 das Buch „Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaften“ erschienen in der Reihe „Grazer Beiträge zur Europäischen Ethnologie“. Hermann Bausinger legte 1961 erstmals seine „Volkskultur in der technischen Welt“ vor. Denkanstöße aus diesen Gebieten treffen sich mit Fragen zur Kunstgeschichte. Das hilft in unserer aktuellen Orienterung.

Koexistenz mit Maschinen#

Im Voranschreiten der Vierten Industriellen Revolution müssen wir Menschen unsere Koexistenz mit Maschinen neu klären. Wir stehen auch vor Entscheidungen, was mit jenen handwerklichen Kompetenzen geschehen soll, die derzeit nicht mehr marktfähig sind, weil sie in der Produktion unserer Güter kaum noch gebraucht werden. (Hieße das auch, unserer Vorstellung von Kunsthandwerk zu überarbeiten?)
“Dürer, Meese, Tod und Teufel...“ von Nikolaus Pessler – (Foto: Archiv Pessler)
“Dürer, Meese, Tod und Teufel...“ von Nikolaus Pessler – (Foto: Archiv Pessler)

Wir können in unseren Vorhaben jedenfalls weder bezüglich der Gegenwartskunst, noch im Zusammenhang mit regionaler Wissens- und Kulturarbeit, auf Bezüge zu diesen Feldern verzichten. Siehe dazu auch: Die Ehre des Handwerks“ (Ein Blick auf die nächsten Umbrüche des Metiers)

Der Geist des Transports – (Graphik: Österreichische Nationalbibliothek, Public Domain)
Der Geist des Transports – (Graphik: Österreichische Nationalbibliothek, Public Domain)

All das hat also seine Ereignislinien in den Recherchen, den laufenden Diskursen, führt heuer wieder zum erwähnten Kunstsymposion, das in seiner Umsetzung auf mehrere Ort verteilt wird. Dazu kommt eine Serie von Zusammenkünften, um kontinuierlich an den Inhalten zu arbeiten. Dafür habe ich heuer den Modus einer „Konferenz in Permanenz“ wieder eingeführt. Eine Verfahrensweise mit mehr als einem Jahrzehnt Vorgeschichte. Siehe dazu: Konferenz in Permanenz“ (Anlässlich einer Jahrhundert-Markierung: 1918-2018)

Die Auftakt-Konferenz hatte ihren Schwerpunkt bei der Kunst, denn einen der künstlerischen Schwerpunkte für das 2018er Kunstsymposion wird Maler Nikolaus Pessler liefern, was sich nicht bloß auf seine kraftvollen Gemälde beschränkt, denn Pessler teilt mein Interesse für Zeit- und Kunstgeschichte.

Für des Aspekt von Handwerk und Volkskultur in der technischen Welt ("Mythos Puch V") hab ich ein Bild nach einem Gemälde als Ausgangspunkt genommen. „Der Geist des Transports“ zierte am 29. Mai 1921 das Cover der „Allgemeinen Automobil-Zeitung“. Dazu hieß es, das amerikanische Fachblatt „Motor“ habe zwölf Maler eingeladen, das Thema „The Spirit of Transportation“ subjektiv zu bearbeiten. Der Maler R. F. Heinrich habe „den scharfen Kontrast von einst und jetzt, vom Ochsenwagen und dem Zugwagen mit Anhängern geschickt herauszuarbeiten“ verstanden. Das war übrigens eine Ära, in der man technische Neuerungen schon rund ein Jahrhundert lang ganz gerne mit üppigen Gemälden und Gedichten begleitete:
For them eacht topic I explore
I cleave the sand of every shore
For them the bullion I refine
Dig sense and virtue from the mine…

(Mechanics Magazine am 20. September 1823)

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