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Der kranke Titan#

Klimaerwärmung, Plastikmüll und Überfischung setzen den Weltmeeren zu.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 29. August 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Edwin Baumgartner


Müllinseln im Meer
Der Müll bildet Inseln.
Foto: © reuters/Enny

Wien. Auf Hawaii züchtet die britische Meeresbiologin Ruth Gates eine Superkoralle. Die Erwärmung der Meere durch den Klimawandel setzt nämlich den Nesseltieren zu. Bleichen die äußeren Enden, stirbt eine Korallenkolonie ab. Das Great Barrier Reef vor Australien erlebt derzeit wieder eine solche Korallenbleiche. Ruth Gates, Direktorin des Hawaii Institute of Marine Biology der University of Hawaii, kreuzt nun die robustesten Exemplare der robustesten Korallenarten, um die Superkoralle zu erzeugen, der keine Meereserwärmung mehr etwas anhaben kann. Schließlich seien nahezu alle Haustierarten aus Züchtungen hervorgegangen, die einen bestimmten Plan verfolgten, argumentiert Ruth Gates, der Mensch greife nun einmal in die Natur ein. Weshalb solle Korallen schaden, was etwa bei Rindern, Katzen oder Hunden an der Tagesordnung sei. Genetische Manipulationen stehen nicht auf dem Plan von Ruth Gates - noch nicht: Notfalls wäre freilich auch das eine Möglichkeit für sie.

Meere des Mülls#

Unter Meeresbiologen ist das Vorhaben der Britin in höchstem Maß umstritten. Es ist nämlich völlig ungeklärt, welche Auswirkungen eine Superkoralle auf schwächere Artgenossen hat. Der Selektion im Rahmen der Evolutionstheorie zufolge riskiert, meinen die Skeptiker, Ruth Gates, dass die Superkoralle alle anderen Korallenarten verdrängt. Zwar stimme das Argument, dass der Mensch Haustiere gezüchtet habe, aber der Mensch habe die Ergebnisse unter Kontrolle gehabt. In freier Wildbahn, zumal in der unkontrollierbaren Weite des Meeres, sei das Spiel mit der Superkoralle indessen eine Gefahr für das Ökosystem.

Die Sucht nach Plastik#

Dass der Mensch überhaupt tätig werden muss, um Teile der Meeresfauna zu retten, schien bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein ein Hirngespinst von Öko-Phantasten und Drehbuchautoren von Science-Fiction-Filmen. Seine schiere Größe schien den Ozean vor allem zu schützen, was der Mensch ihm antun könne. Doch heute wissen wir, dass der Titan sterblich ist und jetzt sogar schon ernsthaft krank.

Nicht allein die Erwärmung setzt dem Meer zu. Ein noch größerer Feind hat sich manifestiert: die Sucht des Menschen nach Plastik.

Der Kampf gegen das Plastiksackerl, den europäische Supermärkte betreiben, um als umweltfreundlich zu gelten, ist da ein fast schon vernachlässigbarer Beitrag. Denn dieselben Supermärkte bieten einen großen Teil ihrer Ware in Plastikverpackungen an, und während das Plastiksackerl wenigstens noch als Mistbeutel ein zweites Leben führen kann, ist die Plastikfolie über der Plastiktasse mit den Gurken, den Zwiebeln oder den Äpfeln ebenso eine Einweg-Verpackung wie der Plastikbecher des Joghurts oder die Plastikflasche der Limonade oder des Mineralwassers. Selbst die meisten Papp-Tetrapacks haben Plastiköffnungen mit Plastikverschlüssen.

Und das ist nur das sichtbare Plastik, das der Konsument wenigstens artgerecht entsorgen kann. Das unsichtbare Plastik ist das sogenannte Mikroplastik, das sich in Zahnpasten, Zahnweißmachern, Duschgels und Peelingprodukten versteckt und nahezu unweigerlich in den Wasserkreislauf gerät. Die größten Plastiksünder sind dabei die USA, China, Indien und Afrika, wobei wenigstens einzelne afrikanische Staaten, etwa Kenia, gegen die Flut an Plastikmüll vorgehen.

Laut der Meeresschutzorganisation Oceana gelangen 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll pro Jahr ins Meer. Mittlerweile schwimmt im Ozean sechs Mal mehr Plastik als Plankton. Der Müll ist im gesamten Meer verteilt, doch Strömungen und Wirbel konzentrieren ihn an sechs Stellen: dem west-, ost- und südpazifischen Plastikstrudel, dem nordatlantischen und südatlantischen Plastikstrudel und dem Plastikstrudel des indischen Meeres. Der ostpazifische Plastikstrudel im ersten Drittel der Strecke von der Westküste der USA in Richtung Hawaii wird auf ein Gewicht von drei Millionen Tonnen geschätzt. Wobei der Ausdruck Plastikstrudel nicht die ganze Wahrheit wiedergibt, denn der Müll, den das Meer an diesen Stellen zu riesigen Feldern konzentriert, besteht zwar überwiegend, aber nicht allein aus Plastik.

Das größte Problem sind die Abbauzeiten. Zum Vergleich: Während das Meer etwa 6 Wochen braucht, um Papier abzubauen, braucht es für Aludosen 200 Jahre, für Plastikflaschen 450 Jahre und für Angelschnüre 600 Jahre.

Das Plastik wird beim Abbau vorerst einmal in kleine Partikel zerrieben. Dadurch gelangt es in die Nahrungskette von Fischen und Seevögeln. Das Plastik ist unverdaulich, die Tiere verhungern bei vollem Magen. Mehr als eine Million Seevögel verenden dadurch in einem Jahr, die Zahl anderer Meereslebewesen kann nicht einmal geschätzt werden.

Die Aachener Architektin Marcella Hansch hat eine Reinigungsanlage entworfen, die täglich rund 50 Tonnen Plastikmüll aus dem Meer fischen und recyclen soll. Ein anderes vergleichbares Projekt stammt vom Niederländer Boyan Slat. Doch Slats Versuch mit einem Prototypen musste eingestellt werden, und Hanschs Projekt ist in der Entwicklungsphase.

Die leere See#

Während der Müll im Meer stetig zunimmt, nehmen die Fischbestände ab. 93 Prozent sind überfischt, zahlreiche Haiarten akut bedroht - wobei der Hai das große Korrektiv der See ist. Ohne Hai droht das Ökosystem Meer zu kippen. Doch die chinesischen Feinschmecker kümmert das wenig, sie verlangen weiter nach Haifischflossen. Soeben wurden an Bord der "Fu Yuan Yu Leng 999" 6623 getötete Haie entdeckt, darunter zahlreiche von bedrohten Arten. Auch die Treibnetzfischerei, die nicht unterscheidet zwischen verwendbarem Fisch und wertlosem Beifang, setzt den Fischbeständen zu, und die Fischerei mit Grundschleppnetzen verwandelt den Meeresboden in Unterwasserkarst.

Dass der Mensch durch den Raubbau am Meer die Lebensader des Planeten gefährdet, ist immer noch zu wenig ins Bewusstsein gedrungen. Den krank gemachten Titanen zu heilen, ist die größte Herausforderung der Zukunft.

Wiener Zeitung, Dienstag, 29. August 2017

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