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Strom sparen wie in Corona-Zeiten gelernt?#

Das geplante Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz wird sonst kaum erfolgreich sein. Geschummelt wird schon heute.#


Von der Wiener Zeitung (16. Dezember 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Gero Vogl


Die gute Nachricht zuerst, auch wenn sie zynisch klingen mag: Corona hat geholfen; im Jahr 2020 gab es einige Wochen, in denen unser Stromverbrauch so niedrig war, dass wir sogar Strom exportieren konnten. Corona hat uns auf ganz besonders pikante Art gelehrt, Strom einzusparen.

Gero Vogl habilitierte sich an der Technischen Universität München. Von 1977 bis 1985 war er Professor an der Freien Universität Berlin, von 1999 bis 2001 Direktor am heutigen Berliner Helmholtz-Zentrum für Materialien und Energie sowie von 1985 bis 2009 Ordinarius für Physik an der Universität Wien
Gero Vogl habilitierte sich an der Technischen Universität München. Von 1977 bis 1985 war er Professor an der Freien Universität Berlin, von 1999 bis 2001 Direktor am heutigen Berliner Helmholtz-Zentrum für Materialien und Energie sowie von 1985 bis 2009 Ordinarius für Physik an der Universität Wien.
Foto: © Erich Leonhard

Die weniger gute Nachricht: Mittlerweile ist allerdings sogar im tiefsten Lockdown unser Verbrauch höher als die inländische Erzeugung. In den letzten November- und ersten Dezember-Tagen herrschte nämlich "Dunkelflaute" (Nebel und Windstille), und auch der Wasserablauf der Donau ist gering, ein herbstliches und winterliches Phänomen, an dem auch der ehrgeizigste Zubau an Erneuerbaren nichts ändern wird. So müssen wir schon wieder zirka 15 Prozent Strom importieren, so viel wie in normalen Zeiten übers ganze Jahr gemittelt, obwohl unsere Gaskraftwerke voll eingeschaltet sind und einen wesentlichen Beitrag zur inländischen Stromerzeugung leisten. Anfang Dezember kam fast die Hälfte des im Inland erzeugten Stroms aus Gaskraftwerken.

Doch bald werden wir noch wesentlich mehr Stromimport brauchen, wenn nämlich die sogenannte Dekarbonisierung anläuft, also die Gaskraftwerke nichts mehr beitragen dürfen, wie vom EAG, dem von Umweltministerin Leonore Gewessler vorgelegten Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz, vorgesehen.

Mehr Atomstrom aus Tschechien?#

Vor allem werden wir Strom im Spätherbst und Winter importieren müssen, und das wird zum Beispiel Braunkohlestrom und Atomstrom etwa aus Tschechien sein. Vielleicht wäre dies ein Anlass, nicht weiter Zeit und Geld zu verschwenden und zu versuchen, anderen Staaten und deren Energiebehörden am Zeug zu flicken, zum Beispiel beim Ausbau des tschechischen Kernkraftwerks in Dukovany. Es wäre besser, der Realität ins Auge zu sehen und uns klarzumachen, dass in Zukunft noch mehr Stromimport nötig werden wird. Im Sommer wurde Österreichs Einspruch gegen den Ausbau des englischen Kernkraftwerks Hinkley Point in letzter europäischer Instanz abgeschmettert - beliebt werden wir uns mit unserem Vorgehen nicht gemacht haben, eher lächerlich, und die Prozesskosten tragen die österreichischen Steuerzahler.

Doch das EAG träumt bis 2030 von 27 zusätzlichen jährlichen Terawattstunden aus sogenanntem Ökostrom, das wären fast 40 Prozent unseres gegenwärtigen jährlichen Strombedarfs von etwas mehr als 70 Terawattstunden (das sind 70 Milliarden Kilowattstunden). Dieser Ökostrom-Schub soll dazu beitragen, dass wir schon 2030 nur noch Strom aus erneuerbaren Quellen haben werden. In Tagen mit Dunkelflaute und wenig Donauwasser würde uns dieser Ausbau zwar auch nicht helfen, ohne Gaskraftwerke und Stromimport auszukommen, aber übers Jahr (bilanziell) könnte das reichen, wenn wir weiterhin sparen wie jetzt bei Corona gelernt.

Veredelung von "bösem Strom" in Speicherkraftwerken#

Wie sollen 27 zusätzliche Terawattstunden aus erneuerbaren Energiequellen zustande kommen? Na ja: 5 davon wollen wir durch den Ausbau der Wasserkraft gewinnen, und da könnten wir ein bisserl schummeln. Wir könnten "bösen Strom", also Strom aus Kohle- und Gaskraftwerken und Atomstrom, veredeln und als Wasserstrom dazuzählen. Das machen wir jetzt auch schon, wenn wir sagen, 60 bis 70 Prozent unseres Stroms würden aus Wasserkraft stammen.

5 zusätzliche Terawattstunden soll der Ausbau der Wasserkraft bringen
5 zusätzliche Terawattstunden soll der Ausbau der Wasserkraft bringen.
Foto: © apa/Erwin Scheriau

Der Anfang mit der Schummelei ist gerade gemacht: Für das Speicherkraftwerk Kühtai wird die Tiroler Wasserkraft AG (Tiwag) auch noch die letzten Alpenbäche aus dem Stubaital ableiten und dazu noch einige Bäche, die ihr Wasser eigentlich ins Ötztal führen sollten, und mit diesem Wasser ein Hochtal fluten. Die jahrelangen Proteste der Stubaitaler Bürger und der alpinen Vereine wurden am Anfang des Sommers in letzter Instanz zugunsten "übergeordneter allgemeiner Interessen" abgeschmettert. Gewonnen haben die "übergeordneten" Interessen der Tiwag. Es kann also wieder einmal aufgehen mit der Flussverbauung.

Weiß unsere Umweltministerin eigentlich, dass solche Speicherkraftwerke kaum zusätzlichen Strom aus den kleinen Bächen des Stubai- und Ötztals produzieren, sondern vor allem den Grundlaststrom speichern? Und für diesen Grundlaststrom werden wir nach Wegfallen unseres "bösen" fossilen Stroms aus den Gaskraftwerken den importierten Strom zum Beispiel aus Tschechien haben. Der wird veredelt, wenn das Wasser wieder aus dem Speicher runterfällt, und zählt dann als "grüner" Strom, eben etwa "grüner Atomstrom". Den Grundlaststrom brauchen wir aber wegen der Unvorhersehbarkeit des Beitrags von Ökostrom aus Wind und Sonne, solange es nicht genügend Batteriekapazität gibt - also noch lange.

Die Windräder sollen bis 2030 zusätzlich rund 10 Terawattstunden jährlich liefern. Man kann sich leicht im Kopf ausrechnen, dass dazu bis 2030 alle drei Tage ein neues Windrad aufgestellt werden müsste. Wie das praktisch gehen soll, ist völlig schleierhaft und steht natürlich nicht im EAG. Werden zum Beispiel die Weinviertler Bürger plötzlich damit einverstanden sein, dass das Weinviertel, ein echtes "Windradl-Hoffnungsgebiet", wie es in Österreich sonst kaum welche mehr gibt, eine Windradl-Spargel-Landschaft wird? Fahren Sie einmal mit dem Rad durchs Weinviertel, liebe Frau Ministerin Gewessler, und fragen Sie dort die Bürger, so wie ich das mache! Sie werden merken: Zu diesen vielen Windradln führt in einer Demokratie kein Weg.

Willkommen in der Realität#

Auch wenn wir das ganze Weinviertel "verspargeln" und auf allen Bergeshöhen Windrotoren laufen lassen könnten: Bei Dunkelflauten, also wenn über längere Zeit kaum Wind geht und wenig Sonne scheint, brauchen wir den Grundlaststrom. Und wenn wir diesen nicht mehr haben dürfen, wie vom EAG vorgesehen, dann werden wir sehr mit Strom sparen und - Corona hat es uns gelehrt - in Zukunft auf so manche Annehmlichkeit verzichten und unsere Industrie kräftig herunterfahren müssen.

So wird es hoffentlich nicht laufen, und 2030 werden wir einbekennen, dass das EAG aus dem Jahr 2020 ein Flop war. Aber wer wird sich schon in zehn Jahren noch daran erinnern, was für Dekarbonisierungsträume unsere Politiker heuer geträumt haben? An die Versprechungen von Herrn Berlakovich (wer war das noch?) erinnert sich ja auch niemand mehr. Zur Gedächtnisstütze: Nikolaus Berlakovich war einer von Gewesslers Vorgängern, nämlich jener Umweltminister, der vor zehn Jahren 250.000 E-Autos bis 2020 versprach - heute sind es noch keine 40.000. Glücklich ist, wer vergisst.

Wiener Zeitung, 16. Dezember 2020