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Dich, teure Halle, grüß’ ich endlich . . .#

"Elphi" heißt der neue Hamburger Weltstar - Eröffnung der Elbphilharmonie mit großem Aufmarsch der Gäste.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 13. Jänner 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Joachim Lange


Hamburger Elbphilharmonie
Eine gewaltige Lichtinszenierung begleitete das Eröffnungskonzert in der Hamburger Elbphilharmonie.
Foto: © Ralph Larmann

Hamburg. Der Chef des NDR Elbphilharmonie Orchesters, Thomas Hengelbrock, hat es mit Richard Wagner. Für sein Konzert zur Eröffnung des spektakulärsten deutschen Kulturneubaus seit langem (und wohl auch für lange Zeit) hat er "Parsifal" bemüht: "Zum Raum wird hier die Zeit" steht oben drüber. Zu hören ist tatsächlich das "Parsifal"-Vorspiel, wenn auch im zweiten Teil. Dem folgen, kühn und in einem Zug, Rihm und Beethoven. Das muss man sich erst einmal trauen.

Gemeint war mit dem Motto wohl: Zum Klang wird hier der Raum! Denn unter Elbphilharmonie wird man künftig vor allem den Bau im Fluss, mit seinem 2100-Plätze-Saal verstehen. Also das neue Hamburger Wahrzeichen, das als Flaggschiff aus der Ferne prunkt. Ganz einmalig und unverwechselbar. Wie es da grandios als Statement der architektonischen Moderne, aber doch fest gegründet auf einem alten Speicherbau von nun an die Silhouette der Hansestadt prägt. Die Hamburger haben das Schmuckstück längst angenommen und nennen es liebevoll "Elphi".

Alle Hindernisse überwunden#

Blickt man auf die Historie - der Architekt Jacques Herzog nannte sie einen Monster-Marathonlauf -, dann hätte Hengelbrock auch "Dich, teure Halle, grüß’ ich wieder" (aus dem "Tannhäuser") als Motto nehmen können. Verstanden hätte das jeder. Aber nach solch einem Kalauer stand an diesem (gesellschaftlichen) Sonnenscheintermin der ganzen Republik bei ausgemachtem Hamburger Mistwetter niemandem der Sinn.

Wobei sich Bundespräsident Joachim Gauck (der wie die Kanzlerin und die gesamte Staatsspitze angereist war) in seiner launig kurzen Eröffnungsrede den Blick auf die Verwerfungen der überlangen Baugeschichte (und ihre Lehren) nicht verkniff. Dass am Ende zehn Mal so viel wie ursprünglich geplant berappt werden musste, liegt zu einem Gutteil auch daran, dass am Beginn zu knapp kalkuliert wurde. Um die Erfahrung des politischen Verantwortlichen für die Trotz-allem-Vollendung reicher, meinte Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz denn auch, dass so ein Bauwerk an der Grenze des Machbaren nicht unter fünf- bis sechshundert Millionen zu haben ist. Übrigens sind in der gigantischen, rauf und runter kolportierten Endsumme die Privatinvestitionen für Hotel, Eigentumswohnungen und Gebäudemanagement enthalten, die man eigentlich rausrechnen müsste.

Die schönste Rolltreppe#

Aber wer will schon noch von Kosten und Hindernissen reden, wenn man dieses Haus betritt. Was heißt "betreten"? Der Weg auf den Platz im Großen Saal kommt einer Ouvertüre gleich. Bei der man gut zu Fuß sein muss, wenn man keinen der Fahrstühle, die bis auf Niveau 16 hinauffahren, benutzen will. Es beginnt mit der längsten und sicher schönsten Rolltreppe Deutschlands auf die allgemein zugängliche Plaza mit dem Premiumblick über Hafen und Stadt.

Von da aus geht’s die geschwungene, sich verjüngende Freitreppe in Richtung Großer Saal. Hat man sein Portal gefunden, dann ist der schon rein optisch eine Offenbarung. Der 2100-Plätze-Saal nimmt mit der raffiniert versetzten Anordnung der Ränge um das Orchester herum, der fast versteckten Orgel und seiner vom akustischen Effekt her gedachten, warm anmutenden Wandgestaltung sofort für sich ein. Irgendwo zwischen futuristisch, archaisch und gemütlich. Zwischen öffentlich und privat.

Und dann der Klang! Die Akustik ist wirklich überwältigend. Das hat Hengelbrock mit einem spannenden Parforceritt durch die Musikgeschichte überzeugend demonstriert. In der Melange von der Solo Oboe (Aus Benjamin Brittens "Metarmorphosen") und dem grandios aufrauschenden Finale von Olivier Messiaens "Turangalila"-Sinfonie. Von Philippe Jarousskys Engelsstimme mit betörenden, über vierhundert Jahre alten Petitessen zur Harfe vom Rang aus und Sir Bryn Terfels donnerndem Bass, der aus dem Götterfunken Freude ein vokales Feuerwerk macht. Wobei natürlich auch die Wunderakustik die Einschränkung nicht aufhebt, die die Hörer haben, die hinter dem Orchester und den Solisten im Rücken sitzen, wenn die sich in den Schlusschor aus Beethovens Neunter Sinfonie werfen.

Die Stars dienten dem Star#

An diesem Eröffnungsabend aber waren weder der britische Star-Bassbariton, noch Tenor Pavel Breslik, der die Ehre hatte, einer mit der großen Mahler-Geste spielenden, eigens für den Anlass komponierten Novität von Wolfgang Rihm (Reminiszenz in Erinnerung an Hans Henny Jahnn) zur Uraufführung zu verhelfen, Jaroussky, Wiebke Lehmkuhl oder die buchstäblich in letzter Minute eingesprungene Hanna-Elisabeth Müller auf dem Podium, nicht einmal das Orchester und sein Dirigent und schon gar nicht die Prominenz im Saal die Stars des Abends. Sondern dieser grandiose Saal selbst. Mit seinem warmen Klang, der auch Piani und kleinere Stimmen trägt und aus dem Forte keinen Lärm macht. Der den (Zusammen-)Klang entfalten lässt, randvoll wirkt und doch keinen Ton (auch keinen falschen) unterschlägt.

Wenn hier die Berliner oder Wiener Philharmoniker, die Sächsische Staatskapelle oder das Gewandhausorchester Brahms oder Bruckner, Mahler oder Mendelsohn erklingen lassen, dann wird das die Grenzen des heute live Möglichen erreichen. Das NDR Orchester hat mit diesem Saal jedenfalls den wohl besten, heute möglichen Konzertsaalluxus zur Verfügung, an dem es eigentlich nur wachsen kann.

Wiener Zeitung, Freitag, 13. Jänner 2017