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Jagd auf Jagdglas #

Glas ist heute für jedermann ein Allerweltsprodukt geworden. Doch es gab Zeiten, in denen Glasherstellung und -verzierung einen hohen Stellenwert einnahmen. Die Glasschleifer aus dem alten Böhmen genossen Weltruf. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten sie zu uns, um sich in der Weststeiermark, dem Koralmgebiet und in Kärntner Tälern niederzulassen. Grund genug, um sich heute auf das eine oder andere wertvolle Kunstwerk auf die Lauer zu legen ... #


Von

Harald W. Vetter

Freundliche Abdruckerlaubnis: DER ANBLICK, Februar 2021


Jagdglas
Jagdglas
Foto: Y. Pammer-Hudeczek

Man sagt ja immer, dass es eben nur Jäger und Sammler waren, die unser Schicksal bestimmt hätten oder das noch irgendwie tun. Aber so einfach ist das denn doch nicht. Auch Sammler können natürlich schon einmal zu ziemlich leidenschaftlichen Jägern werden, wenn es um Kunstwerke der Hoch- oder Volkskunst geht!

Ranftglas mit springendem Hirsch #

Manches Mal geht es uns wirklich stur durch den Kopf: Es fehlt einem in der Sammlung noch das eine oder andere Stück, also geht man halt auf die entsprechende Pirsch. Aufgrund einer ganz anderen Recherche stieß ich schließlich auf verschiedene Angebote böhmischer Rubingläser, und da stach mir ein Jagdbecher ganz besonders ins Auge. Das relativ günstige Angebot stammte aus der schönen Hansestadt Lübeck und ich konnte diesem nicht widerstehen. Gesagt, getan, nach einigen Tagen brachte die Post das Päckchen vor die Tür. Als ich es auspackte, kam ich mir tatsächlich – Schande über mich – wie ein flotter Jägersmann vor. Dann stand der Jagdbecher vor mir, ein sogenanntes Ranftglas, das zeitlich sicher eher gegen Anfang des 20. Jahrhunderts einzuordnen ist, dennoch mit schöner Farbe und perfekt eingeschliffenen Motiven! Der dicke Fußrand („Ranft“) mit einem „Eierstabrand“, das aufbauchende Glasrund mit zwei Barockrocaillen, die dann sozusagen vereinfacht dem Biedermeierstil zuzurechnen sind, schließlich das eingeschliffene florale Baumgezweig, dazwischen ein abspringender Hirsch und ein einfallender Fasan, oben am Rand noch ein einfaches Schmuckband. Das ist die stereotype Darstellung von zigtausendfachen Glaserzeugnissen, die ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in ganz Europa verkauft worden waren. Gelegentlich wurden auf diesen Gefäßen, Pokalen, Bechern und Schalen auch Jägerfiguren, Schlösser, Wappenschilder oder auch nur Initialen (sogenannte Freundschaftsbecher) dargestellt. Oftmals waren diese Gläser gar nicht in Gebrauch, sondern sollten nur als Schmuck bürgerlicher und adeliger Haushalte dienen.

Rubinrot erfand der Zufall #

Friedrich Egermann (1777-1864), wichtiger böhmischer Glasfabrikant und Erfinder des Rubinglases.
Friedrich Egermann (1777-1864), wichtiger böhmischer Glasfabrikant und Erfinder des Rubinglases.
Foto:, unter PD

Böhmen und Mähren war uraltes Reichsgebiet, das vor allem im Böhmerwald große Reviere bot, dem Adel gerade recht, dort Schalen- und Flugwild ausgiebig zu bejagen. Auch das eingestellte Weidwerk war hier gang und gäbe. Viele mythologische Geschichten um die dortigen Glasmacher sind an uns überkommen. Unter anderem „Das kalte Herz“ vom früh verstorbenen Wilhelm Hauff oder der wunderbare Roman Hans Watzliks, „Die Leturner Hütte“. Der bedeutende Zeichner Alfred Kubin hat diese wunderbare Landschaft mit all ihrem vielfältigen Getier immer wieder leidenschaftlich abgebildet. Der wirklich geniale Glasmacher und Vertreiber im damaligen alten Böhmen war wohl Friedrich Egermann (1777-1864), der ganz durch Zufall dieses typische Rubinrot erfand. Fast alle damaligen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein stammenden Erzeugnisse werden darum auch zumeist als „Egermann-Gläser“ bezeichnet. Egermanns „Rotbleierze“ wurden ihm übrigens als seine ureigene Erfindung gestohlen, aber bis zur Vertreibung der Deutschböhmen im Jahr 1945 und darüber hinaus blieb die Glasmacherkunst als eben diese spezielle Marke bestehen. 1927 wurde ihm in Haida übrigens sogar ein Denkmal gesetzt. Bemerkenswert ist überdies, dass viele Glasbläser, vor allem Glasschleifer aus Böhmen, als Meister und Gesellen ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Steiermark einwanderten, um sich in der Weststeiermark, dem Koralmgebiet und in Kärntner Tälern niederzulassen. Dies alles ist längst vorbei und damit nur mehr Geschichte. Einige wenige Zeugnisse künden noch von den Glashütten, welche insbesondere durch das große Quarzvorkommen und den Waldreichtum für Bekanntheit und Reichtum sorgten. So manche Trinkgeschirre und Spiegel wurden bis nach Russland und sogar in den Nahen Osten gehandelt. Die schimmernden Jagdgläser, Pokale und Ranftbecher schmücken und stehen jedoch seitdem in Kredenzen, Buffets oder Museen unserer Heimat und erscheinen fast wie ein wehmütiger Gruß aus dem alten Böhmerland. Und so soll schließlich dieser jagdkulturelle Erwerb auch in meiner Vitrine in der Abendsonne aufleuchten und daran erinnern!