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Zu Hoffmanns mährischen Wurzeln #

In Josef Hoffmanns Geburtshaus in Brtnice lassen sich nach einer behutsamen Revitalisierung Eindrücke von der privaten Lebenswelt des großen Architekten und Designers des Wiener Jugendstils gewinnen. #


Text und Fotos

Michaela Schlögl

Aus der Zeitschrift morgen 4/2016


Von Josef Hoffmann umgestaltete Räume
Von Josef Hoffmann umgestaltete Räume bilden in Brtnice den Rahmen für zahlreiche Beispiele aus dem reichen Werk des Künstlers.

Als einen „Rückzugsort vor der eigenen Künstlichkeit“ bezeichnete der tschechische Kulturjournalist Jan Tabor das Geburtshaus Josef Hoffmanns in Pirnitz (Brtnice), das der berühmt gewordene Sohn nach dem Tod der Eltern 1907 neu gestalten ließ. Hoffmann renovierte den barocken Bau in seinem mährischen Heimatort und ließ die Zimmer farbig ornamental ausmalen; ganz ähnlich den Räumen der Wiener Werkstätte, die in der k. u. k. Reichshaupt- und Residenzstadt unter seiner Aufsicht gestaltet wurden.

Ein Großteil der neuen Möblierung wurde ebenfalls aus der Wiener Werkstätte in die mährische Provinz transportiert, wenige Kilometer von Iglau entfernt.

Elterliche Sessel und Bänke erhielten zum Teil modische Kleider aus Stoffen der Wiener Werkstätte.

So entstand ein Interieur im bunten Stil der Wiener Moderne – im Gehäuse des soliden, alten mährischen Bürgerhauses – das dem berühmten Architekten und seiner Schwester forthin als Sommerhaus dienen sollte.

Josef Hoffmanns Vorfahren waren Gastwirte und Baumwollfabrikanten der Collalto’schen Fabrik (das Schloss der Collaltos überragt bis heute den Ort). Hoffmanns Vater bekleidete – fast schon in einer Familientradition – 36 Jahre lang das Amt des Bürgermeisters im Markt Pirnitz.

Hoffmann hing an seinem Elternhaus, übrigens dem einzigen, das der Architekt je besessen hatte. Er baute Villen und Gebäudekomplexe für andere (beispielsweise das Sanatorium Purkersdorf, die Villa Primavesi, Wohnhausanlagen in Wien und das Palais Stoclet in Brüssel). Selbst bewohnte er nie Eigentum, sondern logierte stets in Wiener Mietobjekten. (Ganz im Gegensatz zu seinem Kollegen Otto Wagner, der seine eigenen Prachtvillen potenziellen Kunden und Auftraggebern gerne als Werbung und Muster zeigte!).

Hoffmann hingegen war bemüht, sein privates Leben nicht nach außen zu kehren. Sein Geburtsort Pirnitz blieb für ihn zeitlebens märchenhafter Ort der Kindertage, aber auch Schauplatz von Schul-Dramen. In der k. k. deutschen Staatsgewerbeschule in Brünn war er kreativ und interessiert, aber unfähig, große Mengen an Lehrstoff in sich aufzunehmen. Er fiel in mehreren Gegenständen durch.

Hinweis: Josef Hoffmann
Hinweis: Josef Hoffmann Museum
Werke von Hoffmann
Werke von Hoffmann in einem Ambiente, das ihm als bevorzugter Sommersitz gedient hat.
Werke von Hoffmann
Werke von Hoffmann

Mit dem Baumeister unterwegs. #

„Meine Violine wurde mir entzogen“, klagte er. Auch andere Ferienfreuden strich man dem Schulversager, allerdings durfte er im Sommer den Pirnitzer Ortsbaumeister begleiten und mit dessen Maurern auf die Gerüste klettern. So kam er auf den Bau-Geschmack und lernte die Region noch besser kennen.

In einem autobiographischen Essay, nach dem Zweiten Weltkrieg niedergeschrieben, schildert Hoffmann seinen mährischen Heimatort liebevoll: „Mitten durch den Ort fließt die Pirnitz … Drei barocke Brücken verbinden den unteren Platz. Die größte, die mittlere Brücke, trägt auf ihren ziemlich hohen Seitenwänden je 3 barocke Heiligenfiguren, etwas überlebensgroß und weihevoll den Ort beschützend.“

Eine Brücke über die Pirnitz, die von Hoffmann detailliert beschrieben wurde
Eine Brücke über die Pirnitz, die von Hoffmann detailliert beschrieben wurde: „Auf ihren ziemlich hohen Seitenwänden je 3 barocke Heiligenfiguren, etwas überlebensgroß und weihevoll den Ort beschützend.“

Hoffmann spricht von den „größeren Häusern“, in denen „die wenigen Deutsch sprechenden Bürger“ lebten: der Apotheker, der Kaufmann, der Bäcker. Zwei Wirtshäuser durften nicht fehlen, denn die Markttage füllten den Platz mit einer dicht gedrängten Menge, und endlich und schließlich wollten sich die vielgeplagten Bürger dann und wann bei einem Glase Pivo aussprechen.

Die Brücke mit den Figuren steht noch in Brtnice, auch das Bier schmeckt immer noch hervorragend! Das Hoffmann- Haus findet man auf dem großen Platz sofort – die Fassade leuchtet in barockem Gelb. Seit 2006 wird das Gebäude in einer Kooperation der Mährischen Galerie in Brünn und des Wiener MAK, das die größte Hoffmann-Sammlung der Welt beherbergt, als „Josef-Hoffmann- Geburtshaus“ geführt.

Neu gestaltet wurde nach der Wende nicht nur das Innere, sondern auch die Gartenlaube mit den Arkaden. Jedes Jahr gibt es, ebenfalls gemeinsam mit dem MAK, eine Sonderausstellung. In der aktuellen, thematisch an die MAK-Personale „JOSEF FRANK: Against Design“ anschließenden Schau werden erstmals die gestalterischen Positionen von Josef Frank und Josef Hoffmann einander gegenübergestellt.

Private Lebenswelt. #

Frank, der wohl unkonventionellere, freiere Gestalter, wurde von Hoffmann zeitlebens unterstützt, Frank war an Projekten Hoffmanns beteiligt und blieb dessen Werk bis zu seiner Emigration nach Schweden 1933 verbunden. In der aktuellen Sonderschau finden sich gemeinsame Pläne zur Errichtung der Wiener Werkbundsiedlung, aber auch für das Landhaus Skywa-Primavesi.

Parallel zur aktuellen Sonderausstellung findet man in der tschechisch-österreichischen Museums-Expositur Entwürfe und ausgeführte Objekte Hoffmanns. Einen Raum neben der Toreinfahrt im Erdgeschoß arrangierte der Architekt als Arbeits- und Schlafzimmer. Weiters kann man das ehemalige Speise-, Musik- und Empfangszimmer besichtigen. Auch der Linzer Bauernschrank aus 1800, in dem Hoffmann seine Sammlung volkstümlicher Stoffe und Stickereien – Inspirationsmittel für seine Entwürfe – aufbewahrte, steht im Haus.

1945 wurde das Gebäude enteignet und diente zeitweise der kommunistischen Partei. Die Gemeinde hat es für verschiedene Zwecke verwendet. Ab 2003 ging man daran, mittels EU-Subventionen systematisch wieder den Geist Hoffmanns zurückzubringen. Entstanden ist dabei ein atmosphärisches Individual- Museum, das in seiner stilistischen Uneinheitlichkeit viel von der Biographie Hoffmanns, der Wiener Werkstätte und den politischen Unbilden des 20. Jahrhunderts zu erzählen vermag.

Anlässlich des Todestages Josef Hoffmanns, der sich heuer im Mai zum 60. Mal jährte, veranstaltet das MAK auch eine Schau in Prag, betreut von Kurator Rainald Franz in Kooperation mit dem Österreichischen Kulturforum. Dort zeigt man Hoffmanns bedeutendste Projekte sowie Fotos der privaten Wohnungseinrichtung in Wien und seinem Geburtsort in Mähren.

morgen 4/2016