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Der skeptische Allrounder Arik Brauer #

Zum Tod von Arik Brauer, Maler, Protestsänger, Bühnenbildner und leidenschaftlicher Demokrat.#


Von der Wiener Zeitung (25. Jänner 2021) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Brigitte Borchhardt-Birbaumer


Arik Brauer im Dezember 2018 bei einer Ausstellung im Jüdischen Museum in Wien.
Arik Brauer im Dezember 2018 bei einer Ausstellung im Jüdischen Museum in Wien. - © APA / ROBERT JAEGER

Kaum jemand hat die Kunst in Österreich seit 1945 so vielschichtig geprägt wie er: Arik (Erich) Brauer, der 1929 in Wien-Ottakring als Sohn eines jüdischen Handwerkers und einer Sozialdemokratin in Wien geboren wurde. Nach einer wilden Kindheit auf der Gasse kam ab 1938 die Verfolgung seiner Familie durch die Nationalsozialisten, die Flucht seines Vaters nach Riga endete mit dessen Ermordung im Konzentrationslager.

Er selbst musste ab 1944 Zwangsarbeit verrichten, tauchte unter und wurde auch von einer Nationalsozialistin versteckt und gerettet, was er unermüdlich in vielen Interviews, die er bis zuletzt gab, erzählte. Immer war sein Blick auf Versöhnung und auf einen Traum von der "Weltdemokratie" gerichtet, was er vor allem mit einer 1971 veröffentlichten Schallplatte seiner Lieder als Österreichs bekanntester Protestsänger bewies. Universalkünstler Arik Brauer mit 92 Jahren verstorben.

Mit dem Rad nach Paris#

Das Lied über die Menschen, die ihr "Köpferl im Sand" verstecken, ist so aktuell wie damals, als Brauer sich in seinen Bildern mit Atomwaffen und Vernichtung der Natur auseinandersetze.

Nur in den Jahren nach 1945, als er mit 16 an die Akademie kam und zuerst bei Robin Christian Andersen, danach bei Albert Paris Gütersloh studierte, waren seine kleinen altmeisterlich gemalten Bildtafeln stark von den Kriegserlebnissen geprägt, wie auch bei den Gleichgesinnten Rudolf Hauser, Ernst Fuchs und Anton Lehmden, die er in der Klasse traf. Wie Schulkinder lieferten sich Fuchs und er Zeichenduelle zu Wildwestsujets.

Paris war das Traumziel der Gruppe, die mit Wolfgang Hutter eine Orientierung am Surrealismus vertrat und auch im internationalen Art Club bald Furore machte. Brauer fuhr aus Geldmangel als Einziger mit dem Rad bis Paris, aber auch durch Nordafrika und Israel, was ihm neben seiner Fröhlichkeit den Ruf des Unverwüstlichen einbrachte.

1957 lernte er Naomi Dahabani kennen, mit der er zuerst in Paris und Israel lebte, schließlich aber nach Wien zurückkehrte und drei Töchter großzog, von denen zwei heute in der Kunstszene so bekannt sind wie er.

Die damals orientalisch anmutenden Szenen seiner Bilder voll trauriger Aufarbeitung, wie der "Mann im Gas" 1946/52, änderten sich 1955 in einen speziellen Malstil Brauers, der zwar von Marc Chagall und Salvador Dali sowie von Hieronymus Bosch, Pieter Brueghel und Joachim Patinir Anleihen bezog, aber völlig eigenständig ist. Aus dunklem, meist braunem Grund tauchen sehr bunte, organische Figuren in einer fantastischen Natur auf, sie wirken beweglich wie Fische und Kraken in Unterwasserparadiesen, die Formen verfließen sanft und alles scheint märchenhaft.

Glühwürmchenkosmos#

Doch die Idylle eines "Glühwürmchenkosmos" vor dem Turmbau von Babel trügt und ist geprägt von kritischen Themen gegen Krieg, Atomwaffen oder Naturzerstörung. Das gesellschaftliche Engagement ist dominant, nicht nur wenn Brauer zum Thema Verfolgung und Antisemitismus arbeitete. Die fünf Protagonisten der "Wiener Schule des Phantastischen Realismus" (Johann Muschik) setzen sich in den 1960er Jahren neben den abstrakten Malern international durch, Wieland Schmied war ihr Förderer in Deutschland, der Erfolg war so groß, dass sogar Bruno Kreisky eine Ausstellung im 20er Haus 1972 eröffnete.

1980 löste sich die lose Gruppe immer mehr auf und eine Überproduktion der Nachahmer brachten den Phantasten große Ablehnung ein, die lange anhielt. Brauer nahm es als Einziger locker und wechselte in Musik und Bühnenbild. 1993 baute er ein Wohnhaus in der Gumpendorfer Straße, das den Prämissen seines Kollegen Friedensreich Hundertwasser entspricht, für den er schon 1968 bei skandalisierten Protestauftritten die Musik beisteuerte.

In den letzten Jahren bekam der heitere Skeptiker viele Auszeichnungen, 2014 eine Personale im Leopold Museum, 2019 feierte ihn das Jüdische Museum zum 90er und in der ersten Schau der Albertina modern, "The Beginning", war er 2020 mit seinen malerischen Aufarbeitungen der Nazizeit vertreten.

Wiener Zeitung, 25. Jänner 2021