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Archivar aus Leidenschaft#

Poet, Bibliothekar, Kaiser-Lexikograph und Begründer der Literaturstatistik in Österreich: Vor 200 Jahren, am 11. April 1818, wurde der vielfach talentierte Constantin Wurzbach geboren.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 8. April 2018

Von

Brigitte Biwald


Constantin von Wurzbach
Ordnung war das Hauptgeheimnis seiner Arbeit: Constantin von Wurzbach.
Foto: Wikimedia/public domain

"Mein Lexikon ist ein Nationalwerk, es umfasst alle Stände und alle Nationen der österreichischen Monarchie", stellte Constantin von Wurzbach am Höhepunkt seiner Schaffenskraft selbstbewusst fest. Gab er doch über einen Zeitraum von 35 Jahren, von 1856 bis 1891, das "Biographische Lexikon des Kaiserthums Österreich" samt seiner eigenen Biographie in sechzig Bänden heraus. Parallel zu den 24.254 Biographien, davon 21.406 von in verschiedenen Kronländern des Kaiserstaates Geborenen, legte er eine Sammlung von Zeitungsartikeln über bedeutende Persönlichkeiten an. Dazu kamen 347 Stammtafeln. Subventioniert wurden alle Bände von der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften mit insgesamt 17.850 Gulden (rund 170.000 Euro).

Die Historikerin Elisabeth Lebensaft hat das Multitalent genauer erforscht. Sie weist auf die Vielfalt seiner Tätigkeiten und seine überdurchschnittlichen Sprachkenntnisse hin. Nach einer kurzen Offizierslaufbahn entdeckte der junge Wurzbach seine Freude am Dichten. Inspiriert von der Poesie Nikolaus Lenaus schrieb er gemeinsam mit seinem Bruder Karl deutsche Gedichte. Daneben entwickelte Wurzbach einen Hang zum Sammeln und Archivieren. Wie die Autorin ausführt, war nicht nur sein beruflicher Bogen weit gespannt, sondern auch der geographische Rahmen. Dieser reichte von Laibach bis ins bayrische Berchtesgaden. Dazwischen lagen Stationen in Graz, Krakau, Lemberg und Wien.

Constantin Wurzbach Ritter von Tannenberg entstammte einem in Deutschland weitverzweigten Geschlecht, das seinen Ursprung in einem evangelischen Pfarrhaus des frühen 17. Jahrhunderts, im ehemals reußischen Ort Wurzbach (Thüringen), hatte. Er wuchs in einem gutsituierten Elternhaus heran. Sein Vater Maximilian war ein angesehener Laibacher Rechtsanwalt, seine Mutter Josefine, geb. Pinter, war die einzige Tochter eines wohlhabenden Laibacher Kaufmannes. Im Haus Wurzbach mit zehn Söhnen und einer Tochter, wo in mehreren Sprachen Konversation gepflegt wurde, waren Schriftsteller und Dichter gern gesehene Gäste.

Constantin besuchte 1828- 1833 das Akademische Gymnasium in Laibach. Zeitgleich verkehrte er mit Literaten und startete seine ersten poetischen Versuche. "Nur widerstrebend", so sein Biograph Bettelheim, "fügte sich der angehende Poet dem väterlichen Gebot, an der Grazer Universität Jura zu treiben". Von 1835 bis 1837 studierte der junge Wurzbach Rechtswissenschaften. Dann folgte er dem Beispiel seines Großvaters und entschloss sich für die militärische Laufbahn.

Am 5. September 1837 trat der 19-Jährige in das galizische Infanterieregiment Nr. 30 ein und wurde Kadett. Das Regiment garnisonierte zu dieser Zeit in Krakau, einer Stadt, zu der Wurzbach eine enge geistige Beziehung entwickelte. Hier erschien unter dem Pseudonym W. Constant im Jahre 1841 seine erste Gedichtsammlung "Mosaik". In dieser verherrlichte er die Geschichte Polens, soweit sie mit der Stadt Krakau in Beziehung stand. Auch die Monographie "Die Kirchen der Stadt Krakau" befasst sich mit der Geschichte dieser Stadt.

1841 zum Unterleutnant der Infanterie befördert, kam er im selben Jahr nach Lemberg in Garnison. Hier vollzog sich die entscheidende zweite Wende seines Lebens. "Nicht zum Krieger sondern zum Literaten geboren", wie sein Biograph Bettelheim es ausdrückte, promovierte Wurzbach an der Lemberger Universität zum Doktor der Philosophie.

Noch im selben Jahr, am 9. Dezember 1843, wurde er Skriptor (wissenschaftlicher Beamter) an der Lemberger Universitätsbibliothek und trat damit aus dem Armee- in den Zivildienst über. Dennoch veröffentliche Wurzbach noch ein Handbuch für Militärzöglinge. Er sah den Dienst in der Armee nicht als verlorene Zeit an, denn dieser machte ihn mit der Sprache und Kultur Polens gründlich vertraut. Außerdem vermittelte der Armeedienst Kenntnisse über polnische und ukrainische Volkslieder sowie polnische Sprichwörter, die er in einer Zusammenstellung verwertete.

Entscheidend für Wurzbachs Zukunft war die Begegnung mit Graf Franz Stadion (1806-1853). Im liberal gesinnten Grafen, seit 1847 Gouverneur von Galizien, hatte er einen Förderer gefunden. Wurzbach wurde Mitarbeiter in der Redaktion der Lemberger "Amtlichen Deutschen Zeitung". Auch im Revolutionsjahr 1848 gehörte er als Adjutant der Akademischen Legion zu den Vertrauten Stadions. Wurzbach spielte eine wesentliche Rolle bei dem gelungenen Versuch, die Bewaffnung der Nationalgarde auf dem Lande zu verhindern. Stadion schickte ihn daraufhin als Vertrauensmann nach Wien - offiziell als Urlaub deklariert -, von wo aus Wurzbach auch als politischer Journalist, etwa für die "Augsburger Allgemeine Zeitung", "für Recht und Ordnung" tätig war.

Hier zeigt sich schon sein politisches Selbstverständnis. Er vertrat im Jahr 1848 und auch sonst antiklerikal-liberale Auffassungen, wurde aber von Regierungsseite zum Kremsierer Reichstag geholt (Kremsier, Tschechien). Wurzbach war unbedingter Anhänger der Dynastie, Zentralist und glaubte bis zuletzt an den österreichischen Einheitsstaat.

Beamter in Wien#

Im Oktober 1848 wurde Wurzbach formell der Wiener Hofbibliothek zugeteilt, arbeitet publizistisch weiter an der Seite Stadions. Im Dezember 1848 vollzieht sich eine neuerliche Wende: Stadion, nunmehr Minister des Innern, überträgt ihm den Posten eines provisorischen Archivars im Innenministerium. Ab April 1849 arbeitete Wurzbach als Vorstand der Administrativen Bibliothek des Ministeriums des Innern (ehemalige Böhmische Hofkanzlei in Wien 1, Wipplingerstraße 7).

Nun zeigte sich seine Akribie: Er entwarf die "Instruktion für den Bibliotheksdienst", ordnete und katalogisierte die rasch anwachsenden Bestände, baute Sammlungen aus. Dieses Sammeln und Ordnen kam auch seinen eigenen Forschungen entgegen: Die für 1853-1855 erschienene "Bibliographisch-statistische Übersicht der Literatur des österreichischen Kaiserstaates" begründete die Literaturstatistik in Österreich; ihre bahnbrechende Bedeutung für Europa wurde auf internationalen statistischen Kongressen anerkannt.

Im Jahr 1859 bekam Wurzbach einen neuen Minister als Vorgesetzten: Agenor Romuald Graf Goluchowski (1812-1875). Dieser stufte die Bibliothek als bloße interne Dienststelle herunter. Das Hilfspersonal wurde reduziert und die bibliographischen Arbeiten eingestellt. Politisch hat der in Lemberg geborene Pole Goluchowski 1860 das "Oktoberdiplom", welches als Verfassung die Staatsform einer föderalen, konstitutionellen Monarchie vorsah, durchgesetzt. Wurzbach bezeichnete dieses "als wuchtigsten Schlag auf das halbe Jahrtausend alte Gefüge der Monarchie". Noch in seinem Testament verfolgte Wurzbach, obwohl er ansonsten Polen liebte und die Sprache beherrschte, den Grafen Goluchowski mit tiefer Abneigung.

Wurzbach war zweimal verheiratet. Aus erster Ehe mit Antonie Hinzinger stammten die Kinder Alfred (Kunsthistoriker), Theodore (Künstlerin) und Franz (Rechtsanwalt). Aus zweiter Ehe mit Karola Varga entstammte die hochmusikalische Tochter Constanze. Als fürsorglicher Vater unternahm Wurzbach mit seinen Kindern ausgedehnte Bildungsreisen, archivierte auch diese penibel.

Aber sein ganzes Streben galt seinem gigantischen 60-bändigen Werk, das er am 3. Juli 1891 im Alter von 73 Jahren mit folgenden Sätzen beendete: ". . . ich ganz allein schrieb diese sechzig Bände! Lexikonmüde ruhen aus die Hände." Wie die Historikerin Lebensaft belegt, hatte Wurzbach jahrzehntelang mit großer Selbstdisziplin seine Zeiteinteilung durchgehalten:

"Von 9 bis 3 arbeitete er täglich dienstlich in der Bibliothek, dem Lexikon konnte er nur die Frühstunden von 5 bis 8 und die Zeit von 5 Uhr nachmittags bis 11 Uhr nachts widmen." Nach eigener Aussage war "Ordnung das Hauptgeheimnis" seiner Arbeit.

Ritterstand#

Diese Zeiteinteilung sollte sich ab 1874 ändern, als der 56-Jährige für seine literarischen Leistungen ausgezeichnet und infolge dieser Auszeichnung in den Ritterstand erhoben wurde. Wurzbach zog nach Berchtesgaden. Man hatte ihn vom Dienst freigestellt, damit er sein Lexikon vollenden konnte.

Constantin Wurzbach galt als schwierig, zeigte zeitweise Verbitterung: Zahlreich waren seine Klagen über mangelnde Anerkennung in den Vorworten zu den einzelnen Teilen seines Lexikons. Kritik an Inhalt und Text seines Werkes erfolgte bereits von Zeitgenossen.

Auch heute noch ist "der Wurzbach" ein unverzichtbares Hilfsmittel historischer und kulturhistorischer Forschung. Elisabeth Lebensaft bezeichnet das Lexikon als "eine Art Steinbruch der Biographik, sei es in den Werks- und Quellenverzeichnissen, sei es in den Mitteilungen von biographischen Fakten und Tatsachen". Die Historikerin weist auch daraufhin, dass "Schwächen nicht übersehen werden sollten". Wurzbach war nicht auf allen Gebieten Fachmann, denn es falle auf, "dass er alle Habsburger - von Rudolf I. bis zum jüngsten zeitgenössischen Erzherzog -, jedoch nur einen einzigen Sozialisten aufgenommen hat". Als österreichischer Patriot hielt er am Einheitsstaat von 1855 fest und berücksichtigte bis zum Schluss Länder, die längst nicht mehr der Monarchie angehörten.

Constantin Wurzbach Ritter von Tannenberg starb im Alter von 75 Jahren, zwei Jahre nach Vollendung seines Lebenswerks, am 18. August 1893 in seinem Berchtesgadener Wohnhaus. Er wurde am dortigen Friedhof bestattet. Der Grabstein trägt sein Portraitmedaillon, mit der Inschrift "Verfasser des Biographischen Lexikons Oesterreichs". Nicht erfüllt wurde seine testamentarische Anordnung, man möge auf seinem Grabstein eine ein Buch zernagende Maus einmeißeln - mit folgender Inschrift:"ein Mäuschen ohne alle Stärke bezwingt das größte aller Werke."

Literatur:#

  • Elisabeth Lebensaft, Hubert Reitterer: Wurzbach-Aspekte. In: Wiener Geschichtsblätter 47 (1992), S. 32-44.

Brigitte Biwald, geboren 1951, ist Historikerin und in der Erwachsenenbildung tätig. Veröffentlichungen über die Revolution 1848 (1996) und über das Sanitätswesen im Ersten Weltkrieg (2003). Lebt in Perchtoldsdorf.

Wiener Zeitung, 8. April 2018

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