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Wie das Coronavirus Antikörpern entkommt #

Falls in Tirol hausgemachte Virus-Varianten entstanden sind, könnten diese nicht nur das Immunsystem umgehen, sondern auch noch besonders ansteckend sein.#


Von der Wiener Zeitung (4. Juli 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Cathren Landsgesell


Das relativ rasche Auftreten einer scheinbar hausgemachten neuen Variante von Sars-Cov-2 in Tirol, die auf einen zuerst in Südafrika aufgetretenen Stamm, B.1.351, zurückgeht, ist deshalb so besorgniserregend, weil B.1.351 zwei entscheidende Vorteile für das Virus in sich vereint: Es kann sich leichter an die Körperzellen binden und sich damit schneller verbreiten, und es kann sich besser vor Antikörpern schützen.

Selbst wer schon einmal an Covid erkrankt war, kann sich wieder infizieren. Die Befürchtung ist, dass auch Impfungen bei Varianten von B.1.351 weniger gut wirken. Und weil sich inzwischen herausgestellt hat, dass auch andere Sars-Cov-2-Varianten die Eigenschaften der südafrikanischen Form übernommen haben, befürchten Wissenschafter, dass Sars-Cov-2 relativ schnell besonders erfolgreiche Mutationen entwickeln kann, die besonders infektiös sind und dem Immunsystem leichter entkommen können: "Es sind bereits vielfältige Stämme mit veränderter Immunogenität und vielleicht erhöhter Übertragbarkeit aufgetreten und haben sich verbreitet", heißt es in einer Studie der Universität Pittsburgh.

Aminosäure für Aminosäure#

Was sich in Tirol innerhalb von nur wenigen Wochen an B.1.351. genau verändert hat, weiß man noch nicht, nur, dass es relativ schnell ging: B.1.351 ist erst Anfang Jänner dort angekommen. Die Genomsequenzierung der Tiroler Varianten liegt derzeit noch nicht vor.

Warum wären eigene Mutationen in Tirol so problematisch? B.1.351 ist eine von inzwischen vermutlich rund 4.000 verschiedenen Sars-Cov-2-Varianten und seit Oktober 2020 bekannt, als es zum ersten Mal in Südafrika identifiziert wurde.

Bei B.1.351 und auch bei der brasilianischen Variante P.1 findet man die Mutation E484K, von der man vermutet, dass sie es vorhandenen Antikörpern schwermacht, sich an das Spikeprotein zu binden, um so das Eindringen von Viruspartikeln in die Zellen zu verhindern. Es ist eine sogenannte Escape Mutation, eine Fluchtmutation.

Mutationen passieren zufällig, indem zum Beispiel eine Aminosäure des Proteins - in der RNA ist die gesamte Erbinformation des Virus, die eine bestimmte Abfolge dieser Aminosäuren codiert - durch eine andere ersetzt wird. Diese Ersetzungen sind eigentlich Fehler bei der Reproduktion, werden sie nicht durch das Korrekturprogramm des Virus korrigiert und erweisen sich auch für das Überleben eines einzelnen Viruspartikels als Vorteil, bleiben sie bestehen und sind dann Teil des Programms.

Bei E484K wurde an der 484sten Stelle die Aminosäure Glutamin (E) durch die Aminosäure Lysin (K) ersetzt.

Die Ersetzung war so erfolgreich, dass E484K sich in vielen Sars-Cov-2-Varianten findet: Nicht nur B.1.351 und P.1. haben sie, sondern auch die britische Variante, B.1.1.7. Weil bei jeder Variante mehrere Mutationen vorliegen, sind die Effekte einer einzelnen Veränderung allerdings nicht genau zu bestimmen.

Mutationen, die wie E484K in der Bindungsregion von Sars-Cov-2, also am Spike-Protein, stattfinden, sind generell besonders brisant für den weiteren Verlauf der Pandemie. Besonders problematisch wird es aber anscheindend, wenn eine Mutation nicht durch Ersetzung passiert, sondern durch Deletion, also Löschung, entweder von einzelnen Aminosäuren oder von ganzen RNA-Sequenzen, wie die Forschungen an der Universität Pittsburgh zeigen. Anders als das Ersetzen von Aminosäuren, die durch das relativ simple Korrekturprogramm von RNA-Viren eventuell aufgehalten werden, sind Deletionen für die RNA-Polymerase, die unter anderem für Korrekturen zuständig ist, nämlich nicht zugänglich. Sie werden toleriert, setzen sich also in der Regel durch, wenn sie vorteilhaft sind. Durch diese bestimmte Form der Deletion, auf englisch Recurrent Deletion, gleicht das Virus den vergleichsweise langsamen Takt des Ersetzens wieder aus und kann sich schneller anpassen.

Die Deletionen, das zeigt die Studie, sind in allen besonders problematischen Sars-Cov-2-Varianten vorhanden und scheinen, so die Forscher, besonders relevant für Fluchtmutationen zu sein. Weil einige dieser "Problem-Varianten" bereits mutmaßlich auch infektiöser sind, liegt die Vermutung nahe, dass das Virus damit einen Weg gefunden hat, seine Reproduktion zu verbessern. Wie sich das auf die Wirksamkeit von Impfungen auswirkt, ist offen.

Wiener Zeitung, 4. Juli 2020