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Automotive 11: Die Praxis des Kontrastes#

(Quer durch Epochen und Kategorien)#

von Martin Krusche

Alteisen, Edelmetall, auch Schwarzblech darunter, die Fangemeinde hat allerhand Metaphern parat. Seit die Popkultur jene kleinbürgerlichen Kategorienspielchen a la „Hochkultur versus Volkskultur“ gesprengt hat, muß uns auch nicht mehr erregen, daß die Futuristen der Meinung waren, ein Rennauto sei schöner als die Nike von Samothrake; oder so ähnlich.

Der Auburn Speedster im Desing von Gordon Buehrig. (Foto: Martin Krusche)
Der Auburn Speedster im Desing von Gordon Buehrig. (Foto: Martin Krusche)

Der Witz an solchen kulturellen Flausen: Obwohl von den antiken griechischen Skulpturen fast nichts erhalten blieb, regiert das körperliche Schönheitsideal, wie sie es zeigten, bis zum heutigen Tag. Kultur ist eben voller Doppelbödigkeiten. Alte Ansichten und neue Obsessionen geraten gerne durcheinander. Was Automobile betrifft, riecht die Sache oft nach Glaubenskriegen, in denen keine Argumente vorgebracht werden. Standrechtliche Urteile genügen oft: Schön! Supa! Grauslich! Ein Witz! Ein Fiat Multipla! Da kollidieren nach wie vor gegnerische Kreise, die sich wechselseitig für Schnösel und Banausen halten.

Aber wie in der Welt der Kunst, so gibt es auch bei Autos einen Kanon, durch den manche Werke außer Diskussion gestellt sind. Ein prominentes Beispiel. Die von Roland Barthes in seinen „Mythen des Alltags“ hymnisch gefeierte Citroen Deesse, wenn sie als Cabrio von Chapron vor einem steht, kann man nicht häßlich finden, ohne sich völlig unmöglich zu machen. Und falls man das Prachtstück dennoch unansehnlich findet, schweigt man in der Öffentlichkeit darüber.

Ein eher populistisches Beispiel: Große Schanzflossen drücken eigentlich schlechten Geschmack aus, zugleich noble Distanz zur Zweckmäßigkeit. Nur die Burschen von Mercedes waren so zickig, für die Flossen eine Nützlichkeit zu behaupten und nannten die Dinger „Peilstege“, damit sich der Cederer rückwärts leichter einparken ließe. Aber allein das Wort klingt schon so häßlich, daß man es bloß verschweigen kann.

Also: Schwanzflossen. Nein, Heckflossen! Was ursprünglich Prolo war, ist heute Kult und kann daher nicht mehr geahndet werden. („Achtung! Achtung! Hier spricht die Geschmackspolizei. Fahren Sie sofort rechts ran!“) Was ferner muskelstrotzend und hypertroph beflügelt daherkommt, sollte über High Performance verfügen und renntauglich sein, dann macht es ja nichts, wie die Karre aussieht. Falls aber die quietschgelbe Vette mit dem riesigen Heckflügel bloß ein Cafe Racer ist, also zum Promenieren aufgebrezelt, auch gut, denn oft sind die Autos renntauglich, aber deren Fahrer ganz und gar nicht.

Gastgeber Ingo Alton (links) mit Altmeister Fredi Thaler. (Foto: Martin Krusche)
Gastgeber Ingo Alton (links) mit Altmeister Fredi Thaler. (Foto: Martin Krusche)
Rollender Zierrat vor Nutzfahrzeug: Ein Steyr-Puch Haflinger blickt schräg auf den Caddy herunter. (Foto: Martin Krusche)
Rollender Zierrat vor Nutzfahrzeug: Ein Steyr-Puch Haflinger blickt schräg auf den Caddy herunter. (Foto: Martin Krusche)

Manch Nützliches, manch Schickliches, manche Verrücktheit... Letztlich zählt doch der Wow-Effekt, den man im Auftritt erzielt, oder dessen gänzliches Fehlen. Stichwort: Understatement. The King of Cool, alias Steve McQueen. hat dafür einst die Latte gelegt.

Wenn wir es nicht Kitsch nennen wollen, dann sagen wir mit Susan Sontag dazu Camp. Die amerikanische Essayistin stellte 1964 in ihren „Notes On Camp“ fest: „All Camp objects, and persons, contain a large element of artifice. Nothing in nature can be campy .“ Das meint, alle Camp-Objekte und -personen würden ein erhebliches Element an Kunstgriffen beinhalten, nichts in der Natur könne campig sein.

Anmerkung Nummer 55 ist dazu sehr aufschlußreich, besagt, daß der Camp-Geschmack eine Art des Genusses und der Wertschätzung sei, nicht eine Art des Urteilens. Camp sei großzügig und wolle einfach genießen. („55. Camp taste is, above all, a mode of enjoyment, of appreciation - not judgment. Camp is generous. It wants to enjoy…“) Camp-Geschmack zeigt sich weder als schlechter Geschmack, noch als ernsthafte Angelegenheit. Er hat die besondere Qualität, in bestimmten leidenschaftlichen Mißerfolgen den Erfolg zu finden.

Ich finde das sehr anregend, wenn wir die Autowelt betreten und uns bei manchen Gelegenheiten zwischen Fahrzeugen aus mehreren Epochen bewegen. Damit streunen wir auch durch unsere eigene Sozialgeschichte. Erst seit dem Ende der 1950er Jahre sind Automobile in Europa so preiswert produziert worden, daß sie zur Massenbasis einer Volksmotorisierung werden konnten. Das meint, die Mobilität der Menschen stützte sich ab da zunehmend auf den individuellen Besitz von Kraftfahrzeugen. Davor waren Automobile nur für sehr wohlhabende Menschen leistbar. Bis zum Zweiten Weltkrieg blieben die PKW auf unseren Straßen hauptsächlich Behörden- und Firmenfahrzeuge.

Zugleich hatte Amerika darin einen zeitlichen Vorsprung in der Massenmotorisierung, um dabei ein Phänomen zu entwickeln, das wir in Europa nicht kennen. Auf dem alten Kontinent waren große und repräsentative Automobile für einen kleinen, aber potenten Markt gebaut, den die Upperclass bevölkerte. In den USA hatten derweil Mittelschicht und Arbeiterschaft längst die Möglichkeit, Fullsizer durch die Gegend zu schaukeln, also bei ausreichender Motivation fünf Meter lange Autos zu fahren. Oder mächtige Muscle Cars, wahlweise viel zu große Pickups.

Lotus Seven-Variation vor einem Bugatti T37-Nachbau. (Foto: Martin Krusche)
Lotus Seven-Variation vor einem Bugatti T37-Nachbau. (Foto: Martin Krusche)
620 PS, fesch verpackt: Ferrari 599 Gran Turismo. (Foto: Martin Krusche)
620 PS, fesch verpackt: Ferrari 599 Gran Turismo. (Foto: Martin Krusche)
Amerikanischer Tiefflieger: Chevrolet Corvette C7 Z07 (Foto: Martin Krusche)
Amerikanischer Tiefflieger: Chevrolet Corvette C7 Z07 (Foto: Martin Krusche)

Bis heute sind – da wie dort – Automobile nicht bloß Vehikel, um etwas zu transportieren, sondern haben auch andere Funktionen wie soziale Statements. Dieser symbolische Wettbewerb um Positionen zeigt mitunter kuriose Seiten. Soziologe Gunnar Heinsohn betont gelegentlich: Um Brot bettelt man, um Rang wird geschossen. (Es lohnt sich, über diesen feinen Unterschied in den Posen gründlich nachzudenken!) Das hat dann etwa im Rennsport seine markanten Entsprechungen und äußert sich manchmal sogar als Inspiration im alltäglichen Straßenverkehr, was oft Blutzoll fordert. Ferner liefern Automobildesign und das dekorative Gestalten von Autos übrige Gelegenheiten zur Selbstdarstellung. Nicht zuletzt lassen sich durch Kraftfahrzeuge technisches Verständnis und handwerkliches Geschick ausdrücken.

Ein exquisiter 1938er Ford Eifel. (Foto: Martin Krusche)
Ein exquisiter 1938er Ford Eifel. (Foto: Martin Krusche)

Aus all dem leitet sich eine Reihe von Veranstaltungsarten ab, bei denen Sammler und Schrauber zeigen, worauf sich ihre Leidenschaften beziehen. Wer nun weder ausreichendes Geschick noch genug Geld hat, um so einer Obsession nachzugehen, findet bei solchen Meetings wenigstens Gelegenheit, sich exquisite Fahrzeuge aus der Nähe anzusehen und endlose Benzingespräche zu führen. So oder so blüht derlei Volkskultur in der technischen Welt und verknüpft ganz unterschiedliche soziale Schichten für Stunden, für Tage miteinander.

Zweimal England: Der Swift aus Coventry vor einem Lotus 2 Eleven. (Foto: Martin Krusche)
Zweimal England: Der Swift aus Coventry vor einem Lotus 2 Eleven. (Foto: Martin Krusche)

Ingo Alton ist einer jener steirischen Enthusiasten, die ihre Kontakte nutzten, um einmal im Jahr so ein Klassiker-Treffen zu realisieren. Kein Club, eine Community. Daraus entwickelte sich inzwischen das Festival am Schelchenberg.

Es ist quasi ein Mehrsparten-Ereignis, bei dem jedesmal eine Fahrzeug-Auswahl quer durch mehrere Epochen und Themenbereiche zustande kommt. Neben einem üppigen Youngtimer-Feld rollt immer auch das eine oder andere Vorkriegsmodell daher. Sehr attraktiv die unmittelbare Nachkriegszeit, deren Modellpaletten für viele unter uns die Kindertage belebten. Und ein Extravergnügen ergibt sich bei so manchem Exoten im Bereich der Luxusfahrzeuge.

Für mich waren heuer zwei Fahrzeuge besonders erfreulich. Einerseits der Auburn Speedster aus den 1930er Jahren, mit den fast armdicken Auspuffrohren, welche in jener Zeit ein Hinweis auf einen Kompressormotor waren. Das Design mit dem imposanten Boat Tail (Schiffsheck) stammt von Gordon Buehrig, der auch den markanten Cord 810 (Coffin Nose) und den eleganten Lincoln Continental Mark II entworfen hat. Doch mein eigentlicher Favorit bei dieser Veranstaltung war der Swift of Coventry von 1930. Die englische Stadt Coventry ist als Industriezentrum ein bedeutender Meilenstein der Industriellen Revolution. Die Firma Swift hatte sich erst mit Nähmaschinen, dann mit ihrer Fahrradproduktion profiliert, danach die Motorisierung von Zweirädern und Automobilen begonnen.

Das Steyr Waffenrad, wie es schließlich auch von den Puchwerken produziert wurde, war in den Anfängen ein Lizenzprodukt von Swift in Coventry. Nun ein Auto aus diesem Betrieb vor mir zu haben, füllt daher eine dezente Lücke in meinem Blick auf das 20. Jahrhundert. Klar und unspektakulär geformt, mit Portaltüren ausgerüstet, wie sie auch Karl Jenschkes Steyr 100 erhielt. (Vordere Tür geht nach vorne auf, hintere Tür nach hinten.)

Aufbau vom Stellmacher: 1935er Hotchkiss 411. (Foto: Martin Krusche)
Aufbau vom Stellmacher: 1935er Hotchkiss 411. (Foto: Martin Krusche)
Nichts für Durchschnitts-Piloten: Lamborghini Huracán Super Trofeo. (Foto: Martin Krusche)
Nichts für Durchschnitts-Piloten: Lamborghini Huracán Super Trofeo. (Foto: Martin Krusche)
1953er Fiat Topolino in der Version Giardiniera Belvedere (Foto: Martin Krusche)
1953er Fiat Topolino in der Version Giardiniera Belvedere (Foto: Martin Krusche)

Dieser Swift steht für jene Ära, da sich „Volkswagen“, also erschwingliche Automobile, am Horizont schon abzeichneten. Eine Periode, welche in den Jahren unmittelbar danach von der Erfolgsgeschichte der Stromlinienform überschrieben wurde. Gerade der opulente Auburn mit seinem demonstrativ überzogenen Aufwand rund um zwei Sitzplätze, und der ökonomisch knapp gehaltene, um Kategorien kleinere Swift, beide aus dem gleichen Zeitfenster, machen die unterschiedlichen Welten anschaulich.

Überdies konnte man sich derlei Kontraste beim Festival am Schelchenberg noch genauer anschauen, wenn man den Blick zwischen Steyr-Puch 500 und Trabant 600 hier, sowie McLaren MP 4 Spider und Ferrari 599 hin- und hergehen ließ. So ein Flanieren in einem Zeitfenster von wenigstens 70 Jahren verschafft auch Eindrücke, was unser Leben in permanenter technischer Revolution bedeutet.

Zu einigen Aspekten des Automobil-Designs finden Sie ergänzende Überlegungen und zwei weitere Klassiker mit Boat Tail in "Automotive 9, Eine Frage der Form" (Überlegungen zum Thema Design). Was Lackierung und visuelle Codes angeht, ist in "Automotive 10, Lackierte Kampfhunde" (Jagdgeschwader in Bodennähe und ihre Dekors) skizziert, wie sich einige Konventionen im Ersten Weltkrieg bei Jagdflugzeugen und Kriegsschiffen zeigten, um in der Welt des Motorsports bis heute erhalten zu bleiben.