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Die Letzten ihrer Art#

Es gibt Autos in Wien, die gibt es fast gar nicht mehr. Sie haben den Krieg erlebt, waren Filmstars, haben Spitznamen. Die Statistik Austria hat die am seltensten hier gemeldeten Automarken erfasst.#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 30. März 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Maren Häußermann


Autos mit zwei Rädern: Die Stabilisierung erfolgt durch den Kreiseleffekt einer 354 Kilo schweren Schwungscheibe
Autos mit zwei Rädern: Die Stabilisierung erfolgt durch den Kreiseleffekt einer 354 Kilo schweren Schwungscheibe. Neigte sich das Mobil zur Seite, aktivierte ein System zylindrischer Pendel den Kreisel stabilisator mittels einer kinematischen Kette. Die Firma Wolseley baute so ein Fahrzeug.

Wien. Er schmeißt sich auf den Fahrersitz des amerikanischen Muscle Cars und lässt den Motor an. Nachdem der Wagen zwei durchdringende Brüller ausgestoßen hat, löst James Bond die Bremse und rast im roten AMC Hornet durch die Scheibe des Autohauses. Ab geht die Verfolgungsjagd durch US-Straßen der 1970er. Was 007 kann, können Wiener auch. Von den eindrucksvollen Ami-Schlitten der American Motor Corporation befanden sich 2016 noch acht Stück in Wien. Seltene Exemplare, bedenkt man, dass insgesamt fast 700.000 Pkw in Wien gemeldet sind.

Mit der Ente nach Marokko#

Im direkten Kontrast zu den langen Amerikanern stehen die zwei hier gemeldeten BMW-Isettas. Diese Knutschkugeln, wie man sie liebevoll nennt, gehörten zum Italienischen Automobilhersteller ISO. Die Firma baute Motorräder, Roller und 1953 einen Kleinwagen mit drei Rädern und nur einer Tür, die nach vorne geöffnet wird. Durch die andauernde Suez- und damit verbundene Ölkrise war das Miniauto europaweit begehrt und wurde auf Lizenzbasis auch außerhalb Italiens gebaut. In Deutschland verkaufte BMW 136.000 Isettas. Das Auto war der erfolgreichste BMW der 50er Jahre. Das Schweizer Unternehmen Micro arbeitet momentan an einem Revival der Knutschkugel, als Elektroauto.

Kleine alte Autos seien zurzeit sehr gefragt, sagt Jimmy, Mechaniker bei Lurf & Miller im 16. Bezirk. Ein Kunde sei vor kurzem mit seinem, Citroën 2CV, genannt Ente, nach Marokko gefahren, um einen Freund zum Kaffee zu treffen. Einen Monat war er unterwegs, mit einem Auto, das maximal 100 km/h fährt. Auch die Firma Innocenti hatte Erfolg mit einem kleinen Auto, der italienischen Version des Mini Cooper. In Wien sind aktuell zwölf Innocenti gemeldet. Dabei kann es sich aber auch um Roller handeln. Denn Ferdinand Innocenti hatte 1960 mit dem Motorroller Lambretta seinen Durchbruch. Für viele Leute im Nachkriegseuropa war er das erste Individualtransportmittel. Obwohl die Marke mit dem Tod Innocentis 1976 verschwand, düsen noch 47 Exemplare durch Österreich. Das Unternehmen ging damals an De Tomaso über. Hinter dieser Automarke steckte der Argentinier Alejandro de Tomaso, ein Journalist, der mit Che Guevara bekannt war und 1955 nach Italien kam, um Rennfahrer zu werden. Vier Jahre später begann er selbst Autos zu bauen. Sein erfolgreichstes Modell war der Pantera, ein Sportwagen, der auf 235 km/h kommt. Zehn Jahre nach der Insolvenz gibt es in Wien noch vier Autos dieser Marke.

Wiener Kriegsveteranen#

Oldtimer müssen entweder vor 1956 erbaut oder vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie gelistet sein. Die vier hier gemeldeten Fahrzeuge von Gräf&Stift gehören dazu. Das Wiener Unternehmen wurde von den Brüdern Heinrich, Karl und Franz Gräf gegründet, die nach eigenen Angaben 1897 einen Kleinwagen bauten. Mit der Hilfe des Unternehmers Willy Stift kam die Produktion in Schwung. 1907 verkauften sie den ersten Wagen unter der Marke Gräf&Stift. In einem dieser österreichischen Rolls-Royce, dem bis zu 75 km/h schnellen 28/32HP, wurden Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau erschossen. Das Auto steht im Heeresgeschichtlichen Museum.

Um auf den Namen Gräf&Stift zu stoßen, reicht es allerdings, sich die Busse der Wiener Linien anzuschauen. Als die Pkw-Produktion mit dem Anschluss Österreichs 1938 eingestellt wurde, wandte sich das Unternehmen der Transportmittelproduktion zu, wurde 1971 mit der Österreichischen Automobil Fabriks-AG fusioniert und schließlich von der MAN AG übernommen. Gräf&Stift steht deshalb auch auf modernen Bussen.

Eine weitere Firma, die nach dem Krieg die Automobilproduktion einstellte, war Adler aus Frankfurt am Main. Heinrich Kleyer gründete 1980 die erste Fahrradfabrik Deutschlands und damit die Marke Adler. Bis 1901 hatten die Adlerwerke motorisierte Zwei- und Dreiräder gebaut und waren in die Automobilproduktion eingestiegen. Mit Hilfe des österreichischen Ingenieurs Edmund Rumpler wurden neue Motoren entwickelt. Von 1912 bis 1914 bestand auch ein Montagewerk in Wien, wo der Austro-Adler gebaut wurde. Vor allem in der Zwischenkriegszeit waren Adler-Autos beliebt. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde die Firma in die Rüstungsproduktion eingebunden. Sie stellte Teile für Schützenpanzer her. Die Werke wurden 1944 durch Bomben beschädigt, Arbeiter fehlten. Die Direktionsetage bat um die Zuweisung von KZ-Häftlingen, woraufhin auf dem Firmengelände eine KZ-Außenstelle entstand. Zirka 1600 Insassen arbeiteten dort, nur wenige davon überlebten den Krieg.

Alte Schönheiten#

Nach Kriegsende konzentrierte sich das Unternehmen nur noch auf Zweirädern und Schreibmaschinen. 1998, mit dem aufkommenden Erfolg von Computern, endete die Geschichte von Adler. Trotzdem sind in Österreich noch 20 Adler-Mobile gemeldet. Vier davon in Wien.

Nur 120 Tage darf man im Jahr mit einem "historischen Fahrzeug" fahren. Bei Krafträdern nur halb so oft. Die Fahrten müssen geplant und in einem Buch vermerkt werden. Datum, Zweck der Fahrt und Standort muss der Eintrag beinhalten. Nachträglich sind das Ziel und die zurückgelegte Kilometerzahl anzugeben. Außerdem müssen Oldtimer alle zwei Jahre in die Werkstatt. Bei Luft & Miller hat sich unter anderem ein britischer Wolseley sein Pickerl verdient. Diese Automarke geht zurück auf die Wolseley Sheep Shearing Company, die mechanische Schafschermaschinen herstellte. Nachdem Woseley aufgehört hatte, beeinflusste der ehemalige Mechaniker Herbert Austin das Unternehmen und begann noch vor der Jahrhundertwende mit der Autoproduktion.

1913 baute Wolseley unter anderem ein zweirädriges Fahrzeug, das Platz für sechs Personen bot und einer Kutsche ähnelte. Nachdem Wolseley in Konkurs ging, übernahm Morris die Firma. In der Folge wurde Wolseley für Badge Engineering verwendet, also Morris-Autos auch unter dem Namen Wolseley verkauft, wodurch die Produktpalette des Unternehmens wuchs. 1975 verschwand Wolseley. In Österreich gibt es trotzdem noch 12 Stück, die Hälfte davon in Wien.

In der Hauptstadt gibt es zudem noch drei Wägen der ehemals größten Kutschenfabrik der USA: Studebaker. Ab 1900 begann das Unternehmen auch Rahmen für Autos herzustellen. Die ersten 20 Fahrzeuge fuhren mit Elektromotor. Autos von Studebaker waren eine Innovation in der Nachkriegszeit.

Das Design war geprägt von Nockenwellen, vorgezogenen Scheinwerfern und einem zentralen Lufteinlass. Aber schon ab 1932 hatte die Marke immer wieder finanzielle Probleme. 1965 gab das Unternehmen die Automobilproduktion endgültig auf. In Österreich sind noch 14 Stück gemeldet. Darunter vielleicht ein Studebaker Avanti. Ein Sportcoupé, das Prominente wie Frank Sinatra und Dick Van Dyke kauften. Ein weiterer Fan des 200 PS starken amerikanischen Autos war übrigens Ian Fleming, der Autor von James Bond.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 30. März 2017