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Prominente und fast schon Vergessene #

Was das Musikjahr 2019 alles in Erinnerung ruft. Ein subjektiver Hinweis.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE, 3. Jänner 2019

Von

Walter Dobner


Wilhelm Backhaus
Wilhelm_Backhaus.
Aus: Wikicommons, unter PD
Hector Berlio
Hector Berlioz.
Aus: Wikicommons, unter PD
Franz von Suppé
Franz von Suppé.
Aus: Wikicommons, unter PD
Jacques Offenbach
Jacques Offenbach.
Aus: Wikicommons, unter PD

Jubilare 2019 ist, jedenfalls aus musikalischer Perspektive, ein sehr französisches Jahr. Der beherrschende Jahresregent ist der vor 150 Jahren verstorbene Komponist und Musikkritiker Hector Berlioz. Erinnern kann man aber auch an Jacques Offenbach und Wilhelm Backhaus und Franz von Suppé und Roman Haubenstock-Ramati.

Manche brauchen keine besonderen Daten, sie sind gewissermaßen ewige Jahresregenten. Wie jener Komponist, von dem Beethoven einst meinte, nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen: der große Johann Sebastian Bach. Sein Werk würdigt eine erst vor wenigen Wochen auf den Markt gekommene CDBox. Auf 222 CDs und einer DVD kann man jede Note hören, die Bach geschrieben hat. Zahlreiche Werke werden in stilistisch sehr unterschiedlichen Aufnahmen präsentiert, die darüber spekulieren lassen, welche dieser Einspielungen aus mehreren Jahrzehnten dem jeweiligen Werk am besten gerecht werden.

Interpretennamen extra zu nennen erübrigt sich. Die ausgewählten 750 Solisten, Ensembles und Orchester repräsentieren das „Who is who“ der klassischen Interpretationsgeschichte. Dazu gibt es repräsentative Begleitbände, das überarbeitete Bach- Werke-Verzeichnis miteingeschlossen. Ediert wurde diese von der Deutschen Grammophon und DECCA in Zusammenarbeit mit führenden Bach-Experten zusammengestellte Kassette mit 280 Stunden Musik unter dem Titel „Bach333“, denn im Vorjahr waren es 333 Jahre, dass Bach geboren wurde.

Das Projekt gibt auch gleich einen Vorgeschmack auf das nächste große Musikgedenken: Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag im nächsten Jahr. Man kann darauf wetten, dass ähnlich voluminöse Boxen Ende dieses Jahres seinem Schaffen gewidmet sein werden. Mit wohl ebenso zahlreichen Neu- und instruktiven Vergleichseinspielungen.

2019 ist, jedenfalls aus musikalischer Perspektive, ein sehr französisches Jahr. Der beherrschende Jahresregent ist der vor 150 Jahren verstorbene Hector Berlioz. Darauf hat die Wiener Staatsoper bereits im vergangenen Herbst mit ihrer erfolgreichen Neuproduktion von „Les Troyens“ aufmerksam gemacht, während die Wiener Symphoniker die ganze Saison über, verteilt auf Musikverein und Konzerthaus, besonderes Augenmerk auf das Orchesterwerk dieses genialen Komponisten legen und damit eine Idee ihres Chefdirigenten Philippe Jordan verwirklichen, der bei einigen dieser Abende selbst am Pult steht. So wie die Österreicher Beethoven längst als ihren Landsmann vereinnahmt haben, wenngleich er in Bonn geboren wurde, halten es die Franzosen mit Jacques Offenbach. Für sie ist der als Jakob Offenbach in Köln vor 200 Jahren geborene Komponist, der früh nach Frankreich ging, natürlich Franzose. Zu den populärsten seiner über hundert Bühnenstücke zählt seine Opera bouffon „Orphée aux enfers“, sie spielt man anlässlich seines Geburtstags im Sommer in Salzburg.

Dort fand vor 75 Jahren die Uraufführung von Richard Strauss’ „Liebe der Danae“ statt. Die damaligen Machthaber ließen nur die Generalprobe zu, die tatsächliche Uraufführung folgte erst im Festspielsommer 1952. Apropos Salzburg: Am 16. Juli werden es 30 Jahre, dass Herbert von Karajan im nahe Salzburg gelegenen Anif verstorben ist. Die Festspiele erinnern daran mit Aufführungen des Verdi-Requiems unter Riccardo Muti, der anlässlich von Karajans Tod Mozarts Totenmesse dirigiert hatte. In Salzburg ist im August 1981 Karl Böhm gestorben. Am 28. August wäre der in Graz geborene Dirigent 125 Jahre.

Steinway und Bösendorfer #

Zu den Künstlern, mit denen Karl Böhm gerne im Konzertsaal wie im Studio auftrat, zählt der aus Leipzig stammende Pianist Wilhelm Backhaus, der die letzten Jahre in Salzburg lebte. Gestorben ist er vor 50 Jahren in Villach, nachdem er beim ersten „Carinthischen Sommer“ seinen letzten Soloabend bestritt, den er wegen Unpässlichkeit abbrechen musste. Ein Glück, dass der ORF dieses Finale eines großen Künstlerlebens mitgeschnitten hat, so kann man es auf Schallplatte und CD nachhören. Musiziert hat Backhaus mit Vorliebe auf einem Blüthner- Flügel, auf dem heute immer wieder Sir András Schiff spielt.

Die Flaggschiffe unter den heutigen Konzertflügeln aber stammen aus den Fabriken von Steinway und Bösendorfer. Zufall, dass Vertreter beider großer Dynastien dieses Jahr besondere Gedenktage haben. Ignaz Bösendorfer wurde vor 225 Jahren geboren, sein Sohn Ludwig starb vor 100 Jahren. In der Steinway-Dynastie besonders erfolgreich war der vor 100 Jahren verstorbene Herman Charles Steinway, dem die Firma nicht zuletzt Schauräume in Hamburg und Berlin verdankt. Zu den berühmtesten Pianisten, die so gut wie ausschließlich auf Steinway spielten, gehört der vor 30 Jahren verstorbene Vladimir Horowitz. Heute schwören unter anderem der in Wien ausgebildete Lieblingspartner von Martha Argerich, Nelson Freire, der im Oktober 75 wird, oder die im November ihren 50. Geburtstag begehende Hélène Grimaud auf diese Marke.

Und weil wir schon bei besonderen Geburtstagen prominenter Interpreten sind: die Dirigenten Bernard Haitink, Sir André Previn und Christoph von Dohnányi werden 90, Christian Thielemann 60, Ton Koopman, einer der Vorkämpfer für die historische Musikpraxis, 75, genau wie der auch als Komponist renommierte Peter Eötvös.

2019 bietet aber auch Gelegenheit zu fragen, weshalb man im Konzert die einst so beliebten Balladen des vor 150 Jahren verstorbenen Carl Loewe kaum mehr hört? Oder warum die vor 125 Jahren am Deutschen Theater in Prag uraufgeführte Oper „Donna Diana“ von Emil Nikolaus von Reznicek, deren brillante Ouvertüre einst als populäre Kennmelodie der Fernsehshow „Kennen Sie die Melodie?“ diente, ziemlich in Vergessenheit geraten ist?

Wird man den 200. Geburtstag des Alt-Österreichers Franz von Suppé dazu nutzen, sich seinen Operetten künftig vermehrt zu widmen? Wäre es nicht auch an der Zeit, anlässlich seines 150. Geburtstags öfter Hans Pfitzner auf die Programme von Konzert- und Opernhäusern zu setzen? Warum ist es so still geworden um den vor 25 Jahren verstorbenen Komponisten Roman Haubenstock-Ramati, der dieses Jahr seinen 100. Geburtstag feiert?

Den feiern übrigens auch zwei renommierte Klangkörper aus der Alten und Neuen Welt: die philharmonischen Orchester von Oslo und Los Angeles. Nichts gegen Leopold Mozart: am 14. November jährt sich der Geburtstag von Mozarts Vater zum dreihundertsten Mal.

DIE FURCHE, 3. Jänner 2019