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Die Bitcoin-Party ist zu Ende#

Das virtuelle Geld hat einen enormen Höhenflug hingelegt. Jetzt folgt der Absturz.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 18. Jänner 2018

Von

Michael Schmölzer und Anja Stegmaier


Bitcoin-Grafik
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Grafik: apa / © Illustration: Irma Tulek

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Überall werden Rufe nach Regulierung laut. Das, was als Anarcho-Projekt geplant war, könnte bald in Ketten gelegt werden und seinen Reiz verlieren.
Grafik: apa / © Illustration: Irma Tulek

Wien. Zur Pensionsvorsorge sind sie nicht geeignet. Wer Berg- und Talfahrten liebt und auch mit Totalverlusten umgehen kann, ist begeistert. Derzeit ist Talfahrt angesagt, der Kurs der Kryptowährung Bitcoin verbilligte sich am Mittwoch um weitere sieben Prozent und notierte im Tagesverlauf unter 10.000 Dollar. Spielernaturen waren begeistert, Menschen, die eigentlich ihr Vermögen vermehren wollten, entsetzt.

Doch die, die sich nun verzweifelt die Haare raufen, können nicht behaupten, dass sie nicht gewarnt worden wären. Und das von maßgeblicher Stelle: So meinte der Starinvestor Warren Buffett, er könne beinahe mit Gewissheit sagen, dass es mit den Kryptowährungen ein böses Ende nehmen werde. Er werde niemals Geld in derartige Konstrukte stecken, so Buffett. Kaum ein Notenbanker, der sich diesem Befund nicht angeschlossen hat. Der österreichische Nationalbankgouverneur Ewald Nowotny spricht Bitcoin die Eigenschaft ab, ein Zahlungsmittel zu sein - dafür sei die Kryptowährung viel zu schwankungsanfällig. Außerdem eigne sich die Anonymität des Systems zur Geldwäsche. Dass gerade die Post Gutscheine für Bitcoins anbietet, um "Innovationen auszuprobieren", versteht Nowotny nicht.

Doch das war denen, die Bitcoins kauften, bis dato egal. Sie gaben die Hoffnung nicht auf, dass der Kurs weiter nach oben steigt und die Währung sich von der hochspekulativen Anlage zum Zahlungsmittel etabliert. Doch gilt das noch? Zweifel sind angebracht.

Überall werden Rufe nach Regulierung laut. Das, was als Anarcho-Projekt geplant war, könnte bald in Ketten gelegt werden und seinen Reiz verlieren. China hat dem Kryptowährungshandel bereits 2017 einen Riegel vorgeschoben und ICOs (Initial Coin Offerings) - eine Methode des Crowdfundings, um Start-ups zu finanzieren - verboten. Jetzt erwägt die Volksrepublik laut "Wall Street Journal" die Schließung von Geschäften zur Erzeugung der Kryptowährungen, um den hohen Stromverbrauch zu drosseln, der für das Herstellen von Bitcoin & Co, dem Mining, notwendig ist. Auch das Bitcoin-Mekka Südkorea geht gegen das Phänomen vor. Das Justizministerium will den Börsenhandel mit Kryptowährungen verbieten.

Selbst der US-Senat sieht dem Treiben nicht länger tatenlos zu. Die Kongresskammer wird sich laut Insidern Anfang Februar der Sache annehmen und die Chefs der Börsen- sowie der Derivate-Aufsicht eingehend befragen. Die haben sich bereits klar gegen Bitcoin ausgesprochen. Auch im Land des Wilden Westens und der kapitalistischen Freiheiten drohen Cyber-Devisen die Handschellen.

Auf der anderen Seite ist nicht davon auszugehen, dass das Phänomen einfach so wieder aus der Welt verschwindet. Zu viele Menschen, auch renommierte Banker, sind von der Grundidee begeistert. Sie sagen zwar "Hände weg von Bitcoin", finden den anarchistischen Grundgedanken, eine Währung der Kontrolle von Zentralbanken und Regulierungsbehörden zu entziehen, aber charmant. Dass konkret Bitcoin infolge einer Spekulationsorgie untergeht, ist möglich. Doch die Geister, die 2008 mit der Erfindung der Cyberwährung in die Welt gesetzt wurden, sind so schnell nicht zu vertreiben.

Nationalbanken arbeiten an eigener digitaler Währung#

Denn um Bitcoins zu kaufen, braucht es Broker wie bei Aktien. Länder wie China können den Zugang zu solchen Brokern online verbieten, wie zu anderen Nachrichtenseiten. Auch der Gebrauch der Wallets, der digitalen Geldtaschen bei Onlineanbietern oder auf Endgeräten, kann illegalisiert werden. Ein Staat kann aber trotzdem schwer kontrollieren, ob ein Bürger außerhalb des Landes Bitcoins auf einem virtuellen Konto hat. "Wird der Zugang in immer mehr Ländern erschwert, kommt das einem Verbot gleich", sagt Verhaltensökonom Martin Angerer von der Universität Liechtenstein gegenüber der "Wiener Zeitung". Man könne Bitcoins schlicht nicht mehr in staatliches Geld zurücktauschen, womit der Sinn aufgrund fehlender Anwendbarkeit und allgemeiner Akzeptanz sein Ende fände, so der Finanzexperte.

Laut Angerer wollen Staaten aus zwei Gründen den Bitcoin verbieten: Zum einen wegen der Anonymität, durch die ein Eingreifen und Kontrolle unmöglich ist. Und zum anderen, um die Bürger vor sich selbst zu schützen, weil es ein zu volatiles Instrument der Anlage ist. Ein dritter Punkt scheint aber auch nicht unwesentlich: "Es ist denkbar, dass Behörden die Kryptowährung deswegen verbieten, weil sie in einiger Zeit mit eigenen Lösungen auf den Markt kommen." Notenbanker in Europa gehen davon aus, dass digitale Währungen einen fixen Platz in der zukünftigen Finanzwelt haben werden und arbeiten selbst an Alternativen - ohne anarchistischem Bitcoin-Charme. Denn digitale Währungen eignen sich gut für bestimmte Aufgaben im Zahlungsbereich. Insbesondere wenn eine Transaktion äußerst sicher abgewickelt werden soll oder sonst hohe Gebühren auslösen würde, wie Auslandsüberweisungen.

Bei der Regulierung kommt es auf die Art an, wie die spezifische Kryptowährung gebaut ist. Manche haben einen "proof of stake approach". Das heißt, eine Transaktion wird nicht durch eine Arbeitsleistung gültig gemacht - wie beim Bitcoin -, sondern sie wird an einen anderen, zufällig ausgewählten Rechner im System geschickt, der sie dann validiert. Hier wäre es denkbar, in weiteren Programmierschritten auch zentrale Institutionen einzubinden. Im aktuellen System des Bitcoins ist das nicht möglich.

Sollten Regulierungen weltweit greifen, könnten sich andere Kryptowährungen durchsetzen und der Bitcoin seine dominante Stellung verlieren. Noch ist er die Kryptowährung mit der mit Abstand höchsten Marktkapitalisierung, die also am meisten verwendet wird.

Kryptowährungen sind in Zukunft also kaum noch wegzudenken. Die Suche nach dem idealen Modell werde aber noch einige Jahre weitergehen, meint Angerer. "So wie der Bitcoin jetzt konstruiert ist, ist er nicht zukunftsfähig." Problematisch sieht der Ökonom bei der Währung primär den "proof of work"-Mechanismus, der im Hintergrund läuft. Im Verhältnis zu anderen Zugängen ist dieser zu langsam und zu ressourcenaufwendig. Es stellt sich auch die Frage, wie die Miner für ihre Rechenleistung bezahlt werden, sobald alle 21 Millionen Bitcoins generiert worden sind.

Wiener Zeitung, 18. Jänner 2018

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