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Plastik aus Holz und Milch zum Anziehen #

Manche Technik ist noch grün hinter den Ohren, hat aber großes Potenzial. Was hinter „Bioökonomie“ steckt und wo die Steiermark Chancen hat. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Kleinen Zeitung (Samstag, 15. Oktober 2016)

Von

Ulrich Dunst und Carmen Oster


Lattella lässt grüßen: „Früher wurde Molke weggeschüttet. Heute wird dieser Reststoff der Käseerzeugung im Supermarkt teurer verkauft als Milch.“ Mit diesem einfachen Beispiel versucht Stefan Zwettler zu zeigen, wie fruchtbar es sein kann, in der Verwertung von Lebensmitteln oder nachwachsenden Rohstoffen auch über den ökonomischen Tellerrand zu blicken.

Was ist Bioökonomie? #

Egal, ob Winterreifen aus Löwenzahn, Haartrockner aus Holz, Badeanzüge aus alten Fischernetzen, Outdoorkleidung aus Kaffee oder Mode aus Milch (Beispiele siehe rechts): „Die moderne Wissenschaft macht es immer öfter möglich, eine auf Verbrauch fossiler Rohstoffe aufgebaute Wirtschaft in Richtung Kreislaufwirtschaft umzuwandeln“, so Zwettler, der in seinem „Brotberuf“ steirischer Forstdirektor in der Kammer ist, sich jedoch nunmehr dem Thema Bioökonomie verschrieben hat. Zumal er insbesondere für seinen Haus-und-Hof- Rohstoff Holz enorme Potenziale bis hin zum Autobau sieht. „Es ist noch immer so, dass das Waldland Steiermark jedes Jahr ein Fünftel mehr als die bisherigen fünf Millionen Festmeter Holz auf den Markt bringen könnte, wenn die Preise passen und es genügend Abnehmer gibt.“ Auf dem Gebiet der Bioökonomie passiere derzeit unglaublich viel, auch in der Steiermark (angefangen von universitärer Forschung bis hin zu Holz-, Auto- und Umweltcluster). „Umso dringender ist es, dass sich alle kompetenten Stellen von der Wissenschaft bis zur Urproduktion schnellstens vernetzen, damit wir unsere PS auf den Boden bringen. Denn Deutschland ist gerade dabei, uns in dem Bereich abzuhängen“, so Zwettler, der aus diesem Grund eine internationale Tagung (morgen in Graz) initiiert hat. Während Bioökonomie auch dazu beitragen könne, mancher Überproduktionen (wie zuletzt bei der Milch) durch neue Verwendungsmöglichkeiten zu begegnen, müsse im Gegensatz aber auch darauf geachtet werden, dass es nicht zu Konkurrenzen zwischen Lebensmitteln und stofflicher Verwertung kommt. „Lebensmittel müssen in der Produktion immer an erster Stelle stehen, erst dann kann die stoffliche Verwertung kommen“, so Zwettler.

Garn aus Textilmüll #

„Econyl“ ist zu hundert Prozent regeneriertes Nylongarn, das unter anderem aus alten Teppichen, Textilabfällen oder Fischernetzen gewonnen wird. Marken wie Kunert oder Adidas haben das Garn schon für einige ihrer Kollektionen verwendet. KK,LWK,FOTOLIA

Weiße Weste: Fasern aus Milch #

Anke Domaske
Anke Domaske
Foto: KK

Die Milch macht’s möglich. Mikrobiologin und Designerin Anke Domaske (qmilk) entdeckte ein Verfahren aus den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts neu. Aus den Reststoffen bei der Käseproduktion schafft sie es, Fasern herzustellen – hauptsächlich wird das Milchprotein Casein genutzt. Die Fasern sind antibakteriell, antiallergisch, naturbelassen. Die Stoffe sind geruchsneutral und verderben nicht. Für ein Kleid benötigt man zum Beispiel sechs Liter Milch.

„Katzeklo“ aus Mais #

In der Südoststeiermark haben findige Bauern das große Potenzial des bisherigen Reststoffes Maisspindel entdeckt. Er wird u. a. pelletiert, zu sehr saugfähiger Einstreu oder Katzenstreu weiterverarbeitet. FOTOLIA

Baum
Quelle: Kleine Zeitung

Der Fast-Alleskönner der Zukunft: „Kunststoffe“, Glas und Autoteile aus Holz#

Mit jeder Faser. Schon heute gilt Holz als Fast-Alleskönner und wird neben der Bau-, Energieund Papierindustrie schon intensiv in der Faserherstellung eingesetzt, wo Baumwolle zusehends auch durch Buchenholz ersetzt wird (Viskose besteht aus Zellulose). 500.000 Festmeter steirisches Buchenholz gehen pro Jahr an den Faserhersteller Lenzing. Holz, der neue „Kunststoff“. Biopolymere nennen sich die Kunststoffe der Zukunft, deren Hauptbestandteile im Gegensatz zum „Plastik“ nicht aus fossilen, sondern nachwachsenden Rohstoffen sind. So lassen sich etwa aus der im Holz enthaltenden Zellulose Milchsäure und in weiterer Folge hitzebeständige Biopolymere herstellen – die wiederum in die verschiedensten Formen gebracht (Spritzgussverfahren) werden können. Seit 2009 wird dieses Verfahren bereits verwendet, um u. a. Gehäuse von Haartrocknern herzustellen. Bald sollen so auch Kühlschrankgehäuse, Toaster & Co. hergestellt werden.

Auto aus Holz. Wobei man sich bei einem Holzauto kein Kinderspielzeug vorstellen darf. In der Steiermark arbeiten Holzcluster und Automobilclus ter intensiv zusammen, um mehr Bestandteile eines Autos durch Holzvariationen bzw. durch Biopolymere aus Holz zu fertigen. Hier wird großes Potenzial geortet.

Glas aus Holz. Über ein mehrstufiges Verfahren ist es gelungen, Zellen durchsichtig zu machen und Glas zu produzieren. Derzeit in der Testphase.

Löwenzahn-Reifen
Löwenzahn-Reifen
Foto: LWK,FOTOLIA

Löwenzahn-Reifen #

Schon jetzt ist eine Pflanze zentraler Baustein von Winterreifen – der Milchsaft des subtropischen Kautschukbaumes. Seine Eigenschaften sind gefragt, weil er auch bei niedrigen Temperaturen elastisch bleibt. Das Problem: Der Kautschukpreis unterliegt am Weltmarkt starken Schwankungen, zudem sind viele Plantagen von Pilzen heimgesucht. Nun ist es deutschen Forschern gelungen, den gefragten Stoff auch aus dem Russischen Löwenzahn in respektablen Mengen zu gewinnen. Dieser kann auf Flächen angebaut werden, die für den Ackerbau ungeeignet sind. Die ersten durch und durch getesteten Reifenprototypen aus Löwenzahn gibt es bereits.

Leder aus Ananas und Stoff aus Algen #

Leder aus Ananasblättern. Obst statt gegerbter Tierhaut. Designerin Carmen Hijosa hatte die Idee, Ananasblätter, die bei der Ernte übrig bleiben, zu nutzen. Sie entwickelte das Fruchtleder „Piñatex“, das sofort auf reges Interesse in der Modebranche stieß. Die Schuhhersteller Puma und Camper haben schon Musterschuhe hergestellt (Foto unten).

Leder aus Ananasblättern: „Piñatex'
Leder aus Ananasblättern: „Piñatex"
Foto: KK

Algen, der „Anti-Aging-Stoff“. „SeaCell“ heißt die Viskose, die aus Fasern von Meeresalgen und Zink hergestellt wird. Die Algen, denen eine entzündungshemmende und entgiftende Wirkung nachgesagt wird, stammen aus isländischen Fjorden. Ihr Vorteil: Die Wirkung ihrer Nährstoffe bleibt auch während der Verarbeitung erhalten. Die Kleidung sondert sie während des Tragens ab und wird deshalb gerne auch als „Anti-Aging-Mode“ bezeichnet.

Outdoor-Mode mit Kaffee. Kaffeereste werden zerkleinert und mit Polyesterfasern aus recycelten Plastikflaschen gemischt. Der Stoff wird für Outdoor- Mode verwendet, da er geruchsneutralisierend sein soll. Hersteller wie Northland verwenden die Stoffe.

Es „lebe“ die Pflege #

Mit Bakterien soll es Karies erfolgreich an den Kragen gehen. Zuvor abgetötete Milchsäurebakterien sollen sich an die Karieserreger binden und mit ihnen verklumpen. Die so entstehenden Aggregate können beim Zähneputzen viel leichter entfernt werden. In Kroatien ist die probiotische Zahnpasta bereits erhältlich.

Kleine Zeitung, Samstag, 15. Oktober 2016