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Die fragwürdige Rolle der Informatik#

Von Prof. Dr.-Ing. Manfred Nagl

Einleitung#

Die Informatik[1] ist nicht mehr weg zu denken, sie hat die Welt verändert. Sie eröffnet neue Möglichkeiten und insbesondere Chancen. Sie hat aber auch Entwicklungen eingeleitet, die bedenklich bis hin zu gefährlich sind. Auf letztere wollen wir uns in dieser kurzen Ausarbeitung konzentrieren. Wir teilen die Argumente ein in verschiedenen Rubriken, nämlich Nutzer, Wissenschaft, Firmen und Gesellschaft. In jeder dieser Rubriken geben wir einige Erläuterungen, warum die entsprechende Partei leidet, aber auch, warum sie auch selbst zur Malaise beiträgt. Informatik ist in dieser kurzen Ausarbeitung insbesondere Internet, Kommunikation, Computer für den persönlichen Gebrauch, nicht so sehr- aber auch - der klassische Bereich Software für spezielle Applikationen, Software im eingebetteten Bereich, Unterstützung des Geschäftslebens, etc. Die unten angesprochenen Bereiche betreffen auch die Wissenschaft und wie wir Kenntnisse vermitteln.

Die Nutzer#

Frust der Nutzer: kryptische Bedieneroberflächen und Funktionalität. #

Die Funktionalität und/ oder die Bedieneroberflächen von Systemen sind unverständlich, normale Funktionalität ist versteckt, die Bedieneroberflächen sind nicht eingängig. Der Nutzer irrt erratisch umher.

Festgelegte Prozesse erschweren die Arbeit. #

Bei der Bedienung eines Systems macht der Nutzer meist nicht das, was er will, sondern das, was die Entwickler gemeint haben, was er wollen soll. Nicht der Nutzer bestimmt die Funktionalität, sondern diejenigen, die die Prozesse definiert und die Systeme realisiert haben. Diese wissen meist nicht Bescheid, insbesondere nicht über Ausnahmen und Sonderfälle. Ein Kernproblem ist, dass manuelle Eingriffe (Ergänzungen, Änderungen) nicht mehr möglich sind, die mit der gegebenen Funktionalität überhaupt nicht mehr oder nur mühsam erzielt werden können.

Lästige Hilfen. #

Neben den unerwünschten Festlegungen gibt es – in letzter Zeit zunehmend – auch die Hilfen, die keiner will und die belästigen. Ich nutze ein Programm zur Erstellung von Fotobüchern. Dieses war so einfach zu bedienen, dass ich keine Bedienungsanleitung angesehen habe. In letzter Zeit werden dauern Vorschläge gemacht, die ich verwerfen muss. Sie sind nicht mit dem üblichen Prozess verträglich (erst Grobentwurf, die Details kommen später). Insbesondere die „intelligenten“ Hilfen zerren an den Nerven, weil ich sie nicht brauchen kann.

Mehrarbeit durch Fehleranfälligkeit. #

Wie oft kommt es vor, dass sich Systeme aufhängen, neu gestartet werden müssen und ggf. Reparaturarbeit nötig wird.

Belästigung durch Meldungen.#

Man erhält dauernde Meldungen, die eine Reaktion einfordern, aber man ist nur an normalem Funktionieren interessiert. Man erhält Mails, die man nicht bestellt hat. Das Wegdrücken, Löschen kostet Aufwand und auch dauerndes Anpassen

Gefahr durch Unachtsamkeit.#

Im Internet kann eine Unachtsamkeit teuer werden. Konnte man vor einigen Jahren gefährliche Mails, Anhänge, Links und Mailadressen einfach erkennen, so ist das derzeit nicht mehr so einfach. Die Meldungen sind von guter sprachlicher Qualität und perfektem Layout, es genügt nicht mehr, das Anklicken eines Anhangs zu vermeiden, etc.

Man bekommt, was man nicht bestellt hat.#

Updates erzielen unerwünschte Effekte. Es werden nicht nur Fehler beseitigt und Effizienzverbesserungen oder Funktionalitätserweiterungen durchgeführt, die man gerne hätte. Man erhält Software, die man nicht bestellt hat, vorhandene Software funktioniert eventuell nicht mehr, Voreinstellungen werden geändert/ zurückgesetzt und müssen wiederholt werden.

Jeden Tag ein anderes Erscheinungsbild #

Es gibt Entwickler oder Manager, die Spaß daran haben, das gewohnte Erscheinungsbild eines Services permanent zu ändern. Haben Sie sich mühsam daran gewöhnt, auf mehr oder minder geheimnisvolle Weise einen gewünschten Service zu erhalten, so beginnt in Kürze ein neues Spiel und Sie müssen erneut herumprobieren.

Mit meinen Daten geschieht viel, was ich nicht weiß.#

Kaum jemand weiß, was Google über seine Suchmaschine oder was ein Social Network über die Beobachtung der Kommunikation von seinen Nutzern weiß. Der einzige Grund, hier nicht sehr beunruhigt zu sein, ist der, dass jede dieser Firmen in ihrer Existenz bedroht wäre, würde herauskommen, dass mit diesen Daten etwas geschieht, was zu einem gravierenden Nachteil der Nutzer wäre. Wer aber garantiert, dass Kriminelle, berufsmäßige Voyeure oder totalitäre Staaten nicht an diese Daten herankommen? Im Internet gibt es keinen Anstand, wir kommen auf dieses Thema später zurück. Warum tragen die Nutzer so gerne dazu bei? Warum geben Nutzer in sozialen Netzen so freizügig Information über sich bekannt, auch sehr persönliche? Diese kann von Fremden genutzt werden, auch zum persönlichen Nachteil. Die ohnehin vorhandenen Probleme der missbräuchlichen Datennutzung werden dramatisch verschärft. Muss es in Zukunft einen Nutzer-Führerschein geben? Muss jeder Nutzer erst einen Einführungskurs absolvieren, der ihm klarmacht, dass man misstrauisch, vorsichtig, und behutsam mit der Datenweitergabe sein muss? Ein Auto, eine komplexere Maschine u. s. w. darf man auch erst nach einer entsprechenden Schulung bedienen? Würde ein solcher Kurs denn etwas nutzen, bei der Sucht zur grenzenlosen Kommunikation und auch der gewollten Zurschaustellung intimster Details über die eigenen Persönlichkeit?

Wissenschaften#

Die Informatik ist ein schlechtes Beispiel für die Ingenieurwissenschaften.#

In den Ingenieurwissenschaften hört man gelegentlich den Neid, dass es den Informatik-Firmen gelungen sei, bereits unfertige Produkte an die Kunden zu liefern. Der Kunde wird zum Tester, die Entwicklungskosten vermindern sich, die Release-Frequenz steigt. Das müsse man auch so machen, das fördert Veränderung und steigert den Gewinn. Ich sehe das anders: In meinem Auto gibt es selten einen System- oder Softwareabsturz, im Büro mit dem Computer kommt das recht häufig vor. Sollten sich da nicht die Informatik-Firmen umorientieren und sich ein Beispiel an der Verlässlichkeit der klassischen realen Welt nehmen?

Versprechen in der Wissenschaft.#

Die Taktfrequenz des Erfindens und Einführens neuer Schlagwörter nimmt ständig zu. Jedem Entwickler wird suggeriert, dass er stets etwas neu oder anders machen soll, will er nicht als ewig Gestriger gelten. Dies gilt insbesondere auch für die Softwareentwicklung (Ansätze, Methoden, Werkzeuge, Komponenten für die Lösung). Dabei wäre es doch die Aufgabe des Erfinders einer neuen Richtung, den Beweis anzutreten, dass das Neue besser ist als das Alte.

Der Glaube in der Wissenschaft. #

Der Glaube nimmt in der Wissenschaft (so wie auch in anderen Feldern) permanent zu. Es wird nicht mehr rational argumentiert, man muss nur den richtigen Glauben haben. Das gilt für alle Felder, im Umweltbereich ist es besonders schlimm. Aber auch in der Informatik gibt es diese Strömung. So hat das Gebiet KI/ Maschinelles Lernen in jüngerer Zeit sehr gute Erfolge für spezielle Fragestellungen erzielt. Schon gibt es Gläubige, die weiteres Nachdenken und Erforschen mit dem eigenen Kopf für überflüssig halten, da in Zukunft der Computer das Nachdenken übernähme. Ich habe weniger Angst vor der KI als vor dem unberechtigten Glauben an ihre universelle Verwendbarkeit und Problemlösungsfähigkeit.

Wissenschaft kann nicht durch Marketing ersetzt werden. #

Wir werben derzeit für die Disziplinen der Wissenschaft, für die Qualität der Wissenschaftler, der Institute/ Fakultäten, Universitäten in einem Maße, das es früher nicht gab. Es wird gezählt und permanent gewertet. Oft auf einer unreflektierten Basis, mit unvollständigen Daten, mit fragwürdigen Vergleichen. Um nach vorne zu kommen gibt es entsprechende Anreizsysteme. Anreizsysteme verändern die Welt. Es muss sich niemand wundern, dass es kaum jemand gibt, der eine wichtige Aufgabe übernimmt, für die es im Anreizsystem keinen Parameter und deshalb auch keine Belohnung gibt. Natürlich gehört das Klappern zum Handwerk. Dem Klappern muss aber entsprechende Qualität gegenüber stehen.

Verpflichtung für Niveau. #

In allen obigen Problemen dieses Abschnitts ist die Informatik nur ein Beispiel. Sie ist aber ein Beispiel, bei dem die Tendenzen besonders krass zutage treten. Das unreflektierte Erzeugen von Schlagwörtern, der Ersatz von Fakten durch Glauben, das Abliefern mangelhafter Lösungen, das Werben für eine Lösung, die nicht vorhanden ist oder deren Trivialität keine Werbung verdient. Dies alles führt zum Verlust der Qualität in der Wissenschaft.

Keiner Disziplin geht es in Zukunft besser als der Informatik. #

Aufgrund des wachsenden Anteils der Informatik am täglichen Leben, innerhalb technischer Lösungen und Dienste und somit auch in der Wissenschaft, erben alle Disziplinen auch die Nachteile, mit denen sich die Informatik selbst derzeit herumschlägt.

Firmen in Informatik und außerhalb#

Hacking und Angriffe. #

Firmen sind derzeit großen Gefahren durch Angriffe ausgesetzt. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Durch eine Vielzahl von Anfragen Server in die Knie gehen zu lassen, Gewürm einzusetzen, Webseiten zu verfremden, Firmendaten unzugänglich zu machen etc. Die Vorsorge kostet Aufwand und Kosten, die Reparatur von Schäden ebenfalls. Die Gefahr kann so weit gehen, dass die Existenz eines Unternehmens gefährdet ist. Die übliche Strategie ist, Spezialisten einzusetzen, um die Gefahren zu minimieren oder Schäden zu beseitigen.

Alle Angriffsmöglichkeiten beruhen auf Schwächen der zugrundeliegenden Programmiersprache, Fehler in Betriebssystemen, Schwächen der Internetprotokolle und natürlich auch der Leichtfertigkeit der Benutzer. Die Anfälligkeit der Infrastruktur scheint nicht hinterfragt zu werden, die Gefahren werden als die Kehrseite der Vorteile hingenommen. Warum gibt es keine Initiativen, die Infrastruktur grundlegend zu verbessern (sicherere Sprachen, Betriebssysteme, Protokolle etc.)? Warum gibt es keine Kontrolle bei der Lösungsentwicklung, die die derzeitige und fehleranfällige Infrastruktur nutzen, ob Einfallstore für Angriffe eingebaut werden?

Billige Lösungen, der andere zahlt. #

Wir hatten das schon angesprochen. Das betrifft schlecht entworfene Systeme, solche mit unverständlicher Schnittstelle zum Nutzer, schlecht qualitätsgesicherte Systeme (das Testen macht der Nutzer). Hier tauchen alle Untugenden auf, die wir in Abschnitt 1. beschrieben haben.

Zählt noch der Wille des Nutzers/ Kunden? #

Wir alle kennen das Phänomen, dass sich die uns vertraute Service-Infrastruktur in kurzen Abständen ändert. Plötzlich hat ein System, das wir nutzen, ein anderes Aussehen, eine andere Funktionalität, weitere Dienste, die wir nicht verlangt haben, etc. Es ist natürlich alles weit besser, schneller, sicherer u.s.w. Wir haben das alles nicht bestellt. Oft werden Nachteile so dargestellt, als wenn der Nutzer nur Vorteile hätte. Nur manchmal gelingt es den Nutzern durch Verweigerung der neuen Lösung, die Firma zum Rücksetzen der Änderungen zu bewegen.

Auch diese Untugend gibt es nicht nur in der Informatik. Beispielsweise verändern Drogeriemärkte ihr Sortiment so gravierend, dass sie Artikel oder sogar Artikelgruppen, an die Sie gewöhnt sind, einfach nicht mehr finden. Sie können dann selbst nachsehen, ob es das Gewünschte überhaupt noch gibt und wo. Das ist nicht einfach eine Lappalie: Die Drogeriemärkte haben eine marktbeherrschende Stellung. Stellen Sie sich doch bitte vor, dass sich das Verhalten Ihres Autos alle paar Tage ändert, und Sie dabei nie gefragt werden.

Im Internet gibt es keinen Anstand #

Im Internet, aber auch in der Kommunikation, den Services für den persönlichen Gebrauch, etc., also der gesamten Infrastruktur, die wir täglich nutzen, gibt es weder Moral, Recht noch Anstand. Jedenfalls kann man sich bei den anbietenden Firmen nicht darauf verlassen, dass diese gelten. Es gibt auch keine Möglichkeit, Verstöße zu verfolgen. Die Verletzer sind entweder unbekannt, Organisationen im „Nirgendwo“ oder mächtige Organisationen mit bis auf die Zähne gerüsteten Rechtsabteilungen. Stellen Sie sich vor, Sie gehen mit einer Verletzung zur Polizei. Dort werden Sie nur ein Achselzucken ernten. Da können wir nichts machen: Wir haben weder die Kapazität, die Täter sind nicht im Lande, der Tatbestand kann von uns nicht aufgeklärt werden, gegen diese Firmen können wir nichts ausrichten, diese Lappalie lohnt keine Aufklärung, so werden die Argumente Lauten.

Firmen zahlen keine Steuern.#

Das ist sicher kein Phänomen, das auf die Informatik-Firmen beschränkt ist. Aber unter den bekanntesten Firmen, die Steuervermeidung zum Geschäftsprinzip in hohem Maße erkoren haben, tauchen mit Google, Amazon, Facebook, Apple u. s. w. besonders viele Granden der Informatik oder Firmen mit starkem Informatik-Bezug auf. Diese arbeiten in hohem Maße mit der Infrastruktur, in der es kein Recht, keine Moral und keinen Anstand gibt, wie bereits beschrieben. Ein Lichtblick sind die hohen Spenden (etwa B. Gates), die der Allgemeinheit zugutekommen. Doch wäre es nicht besser, die gewählten Institutionen über die Ausgabe vereinnahmter Steuern entscheiden zu lassen?

Firmen beuten aus.#

Auch hier finden wir wieder viele Firmen aus dem Informatik-Bereich. Hinlänglich bekannt sind die Beispiele bei der Produktion von iPhones von Apple, die unter so großem wirtschaftlichen Druck von Firmen in China gefertigt werden, das die betroffenen Mitarbeiter aufgrund der langen Arbeitszeiten, des schlechten Lohnes und der anderen Lebensumstände zum Selbstmord greifen.

Gesellschaft#

Kostenlos ist teuer.#

Vieles ist kostenlos. Wir laden kostenlose Apps, haben Zugriff auf kostenlose Dienste. Dabei bezahlen wir in einer anderen Währung, durch erzwungene Arbeit und durch dauernde Belästigung. Billig kostet also richtig. Viele wären bereit, etwas zu bezahlen, wenn der Dienst es wert ist. Dazu fehlen auf der Seite der Anbieter aber die Einsicht, dass „Kleinvieh richtig viel Mist machen kann“, eine entsprechende Preisgestaltung und ein entsprechendes System für Micro-Payments, das einfach zu bedienen und sicher ist.

Journalismus aus dem Internet macht die Berichterstattung kaputt. #

Das heißt nicht, dass Online-Berichterstattung schlecht sein muss. Ich lese hauptsächlich die Online Ausgabe der NZZ aus Zürich und des Standard in Wien. Beide sind weit besser als viele Zeitungen. Beide sind auch sorgfältig und sachlich. Natürlich habe ich auch noch meine Zeitung und mein wöchentliches Magazin.

Der Standardfall von Online- und Print-Zeitungen sieht aber mittlerweile anders aus: Sie finden nur abgedruckte Meldungen der Nachrichtenagenturen und Artikel, die aber keine Sachbeiträge sondern Meinungsbekundungen sind. Zudem gibt es immer weniger eine saubere Unterscheidung, zwischen Sachbericht und Meinungsäußerung. Zeitungen stehen derzeit unter enormem Konkurrenzdruck zu Fernsehen und Online-Medien, die weitgehend kostenlos angeboten werden und wo man – wie bereits ausgeführt – in einer anderen Währung zahlt. Wir brauchen aber sorgfältig recherchierte Sachbeiträge und auch pointierte Meinungsäußerungen. Diese sind ein Pfeiler einer gründlichen Diskussion und sie sind unverzichtbar für die Demokratie.

Zunahme des rechtsfreien Verhaltens #

Software, Internet, Telekommunikation kennt in vielen Fällen weder Recht, Moral oder Anstand, wie bereits ausgeführt. Sie finden beliebig viele Verletzungen dieser drei Bereiche im täglichen Umgang mit Informatik. Dies bewirkt aber eine tiefgreifende Änderung der Gesellschaft.

Schlechte Beispiele werden schneller nachgeahmt. #

Welche Konsequenzen hat dieses rechts-, moral- und anstandslose Handeln? Wir bringen einen immer größer werdenden Teil unseres Lebens in einem „virtuellen Raum“ zu. Das rechtslose „virtuelle“ Handeln wird das Handeln im „realen“ Raum immer mehr beeinflussen und auch bestimmen. Kann eine Gesellschaft überleben, in der rechtsloses Handeln unsanktioniert bleibt und sich die Polizeiarbeit nur noch auf Lappalien beschränkt? Das ist doch derzeit schon bei der normalen Kriminalität der Fall. Die Wahrscheinlichkeit für einen Einbruch gefasst und dann noch verurteilt zu werden, ist klein. Die Wahrscheinlichkeit einer Geschwindigkeitsüberschreitung von 10 km/h mit dem Wagen auf einer breiten Ausfallstraße einer Stadt ist – zumindest in Deutschland - dagegen merklich. Die Prioritäten stimmen nicht mehr.

Die Diktatur der Beliebigkeit. #

Vieles ist nicht zufriedenstellend, belästigend, vielleicht sogar gefährlich, aber keiner ist in der Lage, eine Verbesserung zu erzwingen. Wir finden uns damit ab und versuchen, irgendwo eine Lücke zu entdecken, mithilfe derer man in die Nähe des gewünschten Zieles kommt. Es gibt keine Verärgerung oder Erregung mehr, stattdessen Meister de Workarounds. Der Frust ist ein Alltagsphänomen. Wir haben uns an ihn gewöhnt. Deshalb steckt jedes schlechte Beispiel an.

Was können wir tun?#

Es geht an die Wurzeln.#

Die oben beschriebenen Missstände sind keine Kleinigkeiten. Sie gehen an die Wurzeln. Was können wir tun? Wie setzen wir eine breite Diskussion in Gang, die die Notwendigkeit des Handelns aufzeigt? Was können wir denn konkret tun, wenn wir eine Übereinkunft erzielen, dass wir handeln müssen?

Das Prinzip der geringsten Verwunderung. #

Systeme sollten sich dem Nutzer gegenüber nach einem bekannten Prinzip verhalten, dem „Prinzip der geringsten Verwunderung“. Sie sollen sich so verhalten, wie der Nutzer es erwartet, so dass er nicht über das Verhalten verwundert ist. Das ist ein weiches Prinzip, jeder versteht aber, was gemeint ist. Nahezu alle unter Abschnitt 1. aufgeführten Probleme sind Verletzungen dieses Prinzips. Wir predigen dieses Prinzip unseren Studenten in der Vorlesung, offensichtlich aber nur mit mäßigem Erfolg. Die Prüfung der Bedienerschnittstelle durch sensibilisierte “Normalbürger“ sollte ein Schritt bei jeder Softwareentwicklung sein und für alle Funktionalitäten des Softwaresystems gelten .

Finden wir Wege zu einer sicheren Infrastruktur? #

Hacking und professionelle Attacken kosten viel Geld. Der versuchte Schutz kostet, die Beseitigung von Infektionen kostet. Die Reparatur der verursachten Schäden kostet, sie kann Firmen in Existenznöte versetzen. Sind wir alledem schutzlos ausgeliefert? Können wir nur dauernd mit großem Aufwand auf der Hut sein, genügt es graduell nachzubessern, reicht es, den Nutzer und die Entwickler zu sensibilisieren? Oder brauchen wir hier grundsätzlich einen neuen Ansatz für eine sichere oder sicherere Infrastruktur mit der Systeme entwickelt werde und auf der Systeme laufen?

Wiederentdecken und Wertschätzen der Solidität.#

Hier gibt es gleich eine Fülle von Handlungssträngen: (1) keine unfertigen und nicht qualitätsgesicherten Lösungen verbreiten, (2) in Währung bezahlen und somit Arbeit und Belästigung vermeiden, (3) keinen neuen Ansatz verkünden, ohne den Beweis oder zumindest die Plausibilität, dass er besser ist, als das Bestehende, (4) sorgfältiger Umgang mit Zahlen, wie sind sie erhoben, welche Ungeklärtheiten und Ungenauigkeiten gibt es, (5) Vorsicht mit Anreizsystemen, sie verändern das Handeln, (6) tätig werden aus Verantwortung, auch ohne Belohnung, (7) den Nutzer ernst nehmen, nichts aufschwatzen, nicht betrügen, (8) den Nutzer ernst nehmen, nichts aufschwatzen, nicht betrügen, (9) seinen Verpflichtungen nachkommen, Mitarbeiter vernünftig behandeln, seine Steuern bezahlen

Konzentration auf das Wesentliche. #

Auch hier finden wir wieder verschiedene Stränge: (a) Verlangsamung, Beseitigung der sinnlosen Umtriebigkeit, Konzentration auf das Wichtige (s. Xing-Online-Artikel von Christine Walker), Vermeiden von Stress (s. Xing-Online-Artikel 90 Minuten gegen den Stress von Peter Kreuz) (b) Zurückdrängen des Marketings und Neuentdeckung der Glaubhaftigkeit, (c) Normale Kommunikation wieder lernen: Mehr Denken als Glauben, auch wenn man eine Überzeugung hat, sollte eine kritische Diskussion mit Würdigung aller Argumente möglich sein.

Geregelter Pranger? #

Da Fehlverhalten in vielen Fällen nicht offiziell sanktioniert wird, muss anderweitig Druck durch Öffentlichkeit erzeugt werden. Das Einzige, was Firmen daran hindert, unfair mit den Nutzern ihrer Produkte umzugehen, ist ein „Shitstorm“, entfacht durch entsprechende Berichte der Nutzer. Dazu ist ein „moderner Pranger“ vonnöten: Berichte, die über Fehlverhalten berichten, müssen mit Namen gekennzeichnet sein, um wüste und unsachliche Beschimpfungen zu vermeiden. Ob diese Namen dann von der „Prangerverwaltung“ geheimgehalten werden oder in der Kampagne offen ausgetauscht werden wäre zu diskutieren.

Nicht alles ist schlecht, es gibt auch vieles Gute. #

Wir müssen uns hüten, nur noch das Negative zu sehen. (s. NZZ-Online von Hans Widmer vom 17.7.17). Dennoch müssen wir handeln. Das ist auch die Botschaft des Artikels „Das Internet – ein kritischer Spaziergang“ von Hermann Maurer, veröffentlicht im Austria-Forum. Die Informatik prägt, auch negativ. Und das kann weitgehend vermieden werden.
Weitere Beiträge zu den Themen Informatik, IT-Security, Risikomanagement und Ausbildung.

Fußnoten#

[1] Ob man hier Informatik oder besser Computer-Nutzung schreibt, wird hier nicht weiter diskutiert. Wir wollen uns damit nicht aufhalten.