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Reenactment#

Als Reenactment oder Living history bezeichnet man das Nachspielen historischer Ereignisse, wie Schlachten oder Hochzeiten. Die Akteure sind um historische Korrektheit bemüht, wie detailgetreue Wiedergabe (z.B. Kostüme, Requisiten, Unterbringung, Speisen) und Aufführungen an Originalschauplätzen. 

Ähnliches gibt es seit langem. Im alten Rom sah man Historienspiele. Auch Passionsspiele fallen in diese Sparte. Seit 1903 veranstaltet die bayrische Stadt Landshut mit 2000 Teilnehmern in historisierenden Kostümen die mehrtägige "Landshuter Hochzeit". Sie erinnert an die Eheschließung der polnischen Königstochter Hedwig und des Landshuter Herzogssohnes Georg (1475). Die philosophischen Grundlagen für die moderne Spielart schuf der englische Philosoph George Collingwood (1889-1943), in den 1940er- Jahren stellte die US-Armee die Schlacht bei Gettysburg nach.

Seit den 1960er- Jahren gelangt das Bedürfnis nach "erlebbarer Geschichte" von Amerika nach Europa, seit den 1980-er Jahren gefällt auch hierzulande vielen "das physische und psychische Eintauchen in die Vergangenheit", wie die deutsche Ethnologin Barbara Krug-Richter beobachtete. Als Trend-Epoche bezeichnet sie das Mittelalter, "jene ferne Zeit die offensichtlich jede Menge Projektionsfolien für Phantasien bietet". Am Beginn stand eine jugendkulturelle Szene, die "Leben wie im Mittelalter" als Freizeitgestaltung betrieb. Die Akteure bezogen ihre Kenntnisse für möglichst authentische Darstellungen aus der wissenschaftlichen Literatur. Sie nähten Kostüme und fertigten Alltagsgegenstände an, veranstalteten Mittelaltermärkte und Zeltlager. Dadurch fanden sie eine "partielle Heimat und alternative Identität". Zu den historisch interessierten Laien gesellte sich ein kommerzielles "Histotainment" (historical entertainment). In Living-History-Serien im Deutschen Fernsehen müssen Freiwillige wie im längst vergangenen Jahrhunderten leben. Museen folgen dem Trend als "experimentierendes Museumscenter". Allein in Deutschland hat sich die Zahl pseudomittelalterlicher Events zwischen 2000 und 2009 nahezu verdreifacht. Mehr als 1000 derartige Veranstaltungen erwirtschaften einen Gewinn von 240 Mio. Euro.

1994 erfanden vier Eggenburgerinnen als kulturelle und wirtschaftliche Belebung für ihre Stadt die "Zeitreise ins Mittelalter" . Daraus entwickelte sich eines der größten und traditionsreichsten Mittelalterfeste in Österreich. Eggenburg, am Ostrand des Waldviertels in Niederösterreich gelegen, hatte im Spätmittelalter einen wirtschaftlichen und kulturellen Höhepunkt erlebt. Die Organisatorinnen orientierten sie sich an der Geschichte, die in den Straßenverläufen, Platzanlagen und Bauwerken wie Stadtmauer, Pfarrkirche und Franziskaner- (Redemptoristen-)kloster erkennbar ist. Die Durchführung des Festes organsiert der anfangs "Eggenburg Aktiv" genannte "Verein zur Erforschung des Mittelalters in Eggenburg". 2017 standen u.a. Akrobaten, Gaukler, Musikantinnen, Lesungen, Lagerleben, Handwerkerinnen, Vorträge, Bruchenballer, Führungen, Feuershow, Spaziergänge auf dem Programm.

In Hollabrunn (Niederösterreich) engagiert sich das "k.k.Infanterieregiment Nr. 3 Erzherzog Carl" für Schlachtendarstellungen der Napoleonischen Zeit. Das "Napoleonjahr" 2009 war Anlass mehrerer Großveranstaltungen. Zum 100. Jahrestag der Schlacht bei Wagram fanden sich fast 1000 Darsteller aus 20 Ländern zum Krieg-Spielen ein. In den Zeltlagern bei Schloss Marchegg wurde das Soldatenleben mit Markt und Handwerk vor zahlreichen Besuchern nachgestellt.


Quellen:
Barbara Krug-Richter: Abenteuer Mittelalter ? Zur populären Mittelalter-Rezeption der Gegenwart. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde. Wien 2009. Heft 2, S. 53-75
Napoleon in Hollabrunn. Information des IR 3, 2008
Wikipedia: Reenactment (Stand 14.12.2008)
Eggenburg


Siehe auch:
--> Essay Trendepoche Mittelalter