unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
17

Zuviel Wissen macht Kopfweh #

Die Unbildung ist international salonfähig geworden, und die Bildung wird hierzulande nicht allzu ernst genommen. Solange es so schlecht um ihr Image bestellt ist, wird es lediglich bei Reformen ihrer Verwaltung bleiben. Ein Weckruf. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 3. August 2017).

Von

Christoph Augner


Stein am Kopf
Foto: Shutterstock

Einen Euro ins Phrasenschwein: „Eine Investition in Wissen bringt immer noch die besten Zinsen.“ Der arme Benjamin Franklin muss glücklicherweise die Inflation seines Zitats in den Sonntagsreden von Bildungsexperten, -managern, und -politikern nicht mehr erleben. Neben Floskeln wie diesen blieb von Bildungsreformen bisher wenig mehr als Clusterleiter, Laptops für Volksschüler, Ganztags-, neue Mittelschule und eine sterile Zentralmatura. Das Ersetzen der Noten durch blumige Verbal-Berurteilungen ist ein weiterer Meilenstein der neuen Bildungslandschaft. Der Fokus auf kosmetische, allenfalls verwaltungstechnische und formale Veränderungen ist nicht verwunderlich: Bildung wird hierzulande nicht allzu ernst genommen, ist entgegen vielfacher Beteuerungen gar mächtig in der Defensive.

Je unbedarfter, desto besser #

Keine Rede von einer „Kultur der Bildung“ oder gar einer „Wissensgesellschaft“, wie gern formuliert wird: In der Eurobarometer- Umfrage geben 70 Prozent der Österreicher an, sie fühlen sich in der Wissenschaft nicht gut informiert. Was schlimmer ist als das: 55 Prozent haben auch kein Interesse daran, dass sich das ändert. Und so kann es uns kaum verwundern, dass die Haushalte mehr Geld für Sexspielzeug ausgeben als für Bildung, wie kolportiert wird. Politiker, die Pokemon Go spielen, ohne Berufsausbildung in höchste Staatsämter kommen und Abschlussarbeiten aus dem Internet zusammenzimmern, sind nicht gerade jene Zutaten, in denen Bildungsaffinität in einer Gesellschaft entsteht. Zugegeben: Bildungsfeindlichkeit ist ein internationaler Trend. US-Präsident Donald Trump meinte knapp: „Ich mag die Ungebildeten“.

Bildungsgleichgültigkeit oder sogar -feindlichkeit kommt nicht von ungefähr. Der Psychiater Roger Walsh kritisierte schon in den 1980er-Jahren die ständige Beschäftigung mit Belanglosigkeiten, die verhindern, sich ernsthaften Auseinandersetzungen zu stellen. Allen voran die ökonomisch immer mehr unter Druck kommenden Medien: Auf der Titelseite einer Zeitung die Geschichte eines Hundes, der einen Kern verschluckt hat (nicht den Bundeskanzler!). Im Fernsehen: in einer Reality-Show (ein Oxymoron) soll die Protagonistin eine Kuh mit dem Mund melken. Man schaltet um: Nackte lernen auf einem Südsee-Strand den Partner fürs Leben kennen. Die Botschaft: Jeder kann es ins Rampenlicht schaffen – je unbedarfter, desto besser. Unbildung ist medial salonfähig. Das Problem ist dabei nicht, dass in den Medien Unterhaltung präsentiert wird, sondern, dass jedes Thema zu Unterhaltung gemacht wird.

Noch vor wenigen Jahren wagten Experten von digitalen Bildungsrevolutionen zu träumen – der einfach Zugang zu Wissen und Informationen käme nicht nur gebildeten Eliten, sondern der gesamten Bevölkerung zugute. Diese Hoffnungen haben sich nicht er- füllt, im Gegenteil. Auch das Internet und technologische Entwicklungen haben ihren Anteil an der mangelnden Bildungskultur.

Verändertes Leseverhalten #

Während geringer Gebildete im Internet auf Unterhaltung zurückgreifen, nützen es höher Gebildete aktiv als Informationsmedium. Die Aussagen von Bildungsexperten, dass Bücher weitgehend an Bedeutung verlieren werden, weil ja alles online gelernt werden kann, haben sich ebenso als trügerisch herausgestellt. Noch immer sind jene Kinder am erfolgreichsten unterwegs, bei denen zu Hause das größte Bücherregal steht. Die Vorstellung, Bildung sei überflüssig, wenn es gelänge, das Gehirn mit Google zu verbinden, hat sich als naiv herausgestellt. Nicolas Carr, Autor von „Is Google Making Us Stupid“, konstatiert, dass sich das Leseverhalten durch das Internet dramatisch verändert hat. Im Vordergrund steht das Scannen von Texten, das Springen von einer Seite zur nächsten. Kaum etwas wird in die Tiefe gelesen. Dabei ist das aktive Lesen, das Entwickeln eigener Ideen, Schlussfolgerungen, Assoziationen und Analogien die Grundlage intellektueller Auseinandersetzung.

Selbst in den Bildungsinstitutionen scheint Bildung groteskerweise auf dem Rückzug zu sein. In den Bollwerken des Intellektualismus ist weniger von großen Denkern die Rede, dafür mehr von Bildungsmarkt, Bildungsmanagement und Bildungsökonomie. Die ökonomische Verwertbarkeit der im Bildungsprozess erworbenen Kompetenzen steht im Mittelpunkt der Überlegungen. Dass ökonomisches Denken in den verstaubten Klassenzimmern und Seminarräumen Einzug hält, sollte zu erfrischenden Veränderungen führen. Effektivität, Effizienz, Qualität, Bildung als Produkt – das klingt zunächst einmal ganz gut. Bildungsergebnisse werden standardisiert überprüft und verglichen.

Doch zu oft ist die Evaluierung Selbstzweck. Auch wenn wie im PISA-Test nur wenige „Kompetenzen“ geprüft werden, sind die Ergebnisse die Grundlage, ganze Bildungssysteme in Frage zu stellen. Doch ist mehr als fraglich, ob so gewonnene Vergleichsdaten großen Erkenntnisgewinn bringen: Europäische PISA-Spitzenreiter wie Finnland, Irland und Estland haben trotz hervorragender Lesekompetenz weitaus höhere Jugendarbeitslosigkeit als ein Mittelständler wie Österreich. Weltklasse ist Singapur – aber ob das Schulsystem eines Landes, in dem Bürger wegen Bagatelldelikten verprügelt werden, nachahmenswert ist, sei dahingestellt. Die hohen Schüler-Suizidraten in anderen asiatischen PISA-Favoriten sind seit Langem Gegenstand der einschlägigen Forschung.

„McDonaldisierung der Bildung“#

Zudem ist bei all den Evaluationen und der Inflation an Tests Vorsicht geboten: Evaluierungssituationen hemmen unsere Kreativität. Studien zeigen, dass Schulkinder in den USA heute weitaus weniger kreativ sind als ihre Altersgenossen vor zwanzig Jahren. Das könnte an einem Prozess liegen, den der Soziologe Richard Münch als „McDonalisierung der Bildung“ bezeichnet hat: Bildungsangebote werden standardisiert und modularisiert. Übrig bleiben vorgefertigte Bildungshäppchen. Was nicht unmittelbar nützlich ist, braucht nicht mehr gelernt zu werden. So kommt es nicht von ungefähr, dass die Geisteswissenschaften an einigen Universitäten in Japan und den USA bereits abgeschafft wurden.

Wirtschaftliches Denken in dieser Form hat den Bildungsmarkt zwar quantitativ, aber nicht qualitativ reichhaltiger gemacht. Wer ein Wirtschaftsstudium berufsbegleitend absolvieren möchte, hat im deutschen Sprachraum hunderte Angebote. Wer Philosophie studieren will, tut sich schwer, überhaupt fündig zu werden. Das Ergebnis sind Wirtschaftsabsolventen von der Stange, die zwar alle Business-Sprech drauf haben, aber das Leben und Arbeiten in Organisationen monotoner machen – nicht unbedingt erfolgreicher: Laut KSV1870 scheiterten die Hälfte der pleitegegangenen Betriebe in Österreich an den fachlichen Defiziten ihrer Manager.

Freude am Lernen entsteht nicht durch das ständige Fragen nach Nützlichkeit oder die andauernde Überprüfung von Kompetenzzielen, vielmehr durch das Interesse am Inhalt selbst. Daher wäre eine Diskussion über Bildungsinhalte wichtiger als das stete Hinterfragen von Organisationsformen. Das bedarf vor allem eines: einer Bildungskultur, in der Wissen und Forschung als etwas nicht nur Nützliches gesehen werden. Die besten Zutaten sind tolle Lehrende mit hoher Leistungs- und Weiterbildungsbereitschaft; anspruchsvolle Medien; die Sichtweise, dass Technologien kein Selbstzweck sind; die richtige Balance von Kooperations- und Konkurrenzfähigkeit als Lernziel. Nicht zuletzt die Grundhaltung, dass Bildung nicht nur der Aneignung von Wissen dient, sondern die Grundlage für ein gelingendes Leben ist.

Der Autor ist Arbeits- und Organisationspsychologe und Hochschullehrer.

DIE FURCHE, Donnerstag, 3. August 2017