Seite - 313 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
Bild der Seite - 313 -
Text der Seite - 313 -
21.9.1989: Bericht Botschafter Grubmayr und Gesandter Sajdik Dok. 58
313
Dok. 58: Bericht. Sowjetische Haltung zur Fluchtwelle aus der DDR, 21.9.1989
Botschafter Herbert Grubmayr und Gesandter Martin Sajdik an BMAA, Moskau, 21. September 1989, BMEIA, ÖB Berlin
(Ost), RES-1989 (1–10), GZ. 43.02.40/34-II.3/891
DDR-Emigranten über Ungarn, sowjetische Haltung (Info)
Laut Darstellung der ho. ungarischen Botschaft sei Ungarn sowjetischerseits of-
fiziell zu seiner Haltung hinsichtlich der Emigration von DDR-Bürgern von Un-
garn über Österreich in die BRD nicht angesprochen worden. Inoffiziell habe es
sehr wohl verschiedene sowjetische inhaltliche Reaktionen gegeben. Grundsätz-
lich dominierte Verständnis für die ungarische Entscheidung. Die UdSSR habe
gegenüber Ungarn zum Ausdruck gebracht, dass man über die Entwicklung in
dieser Frage durch die DDR laufend informiert worden sei, während Ungarn die
SU mit seiner Entscheidung, die Grenzen für DDR-Bürger zu öffnen, vor ein „fait
accompli“ gestellt habe.
Keinerlei Missfallen habe die Sowjetunion im Zusammenhang mit dem Abbau
der „Sicherheitsanlagen“ an der österreichisch-ungarischen Grenze gegenüber
Ungarn geäußert, dass theoretisch auch SU-Bürgern nun über die österreichisch-
ungarische Grenze die Flucht in den Westen gelingen könnte, habe man sowjeti-
scherseits nie zur Sprache gebracht.
Im Allgemeinen, stellte der ungarische Gesprächspartner fest, beschäftigt sich
die SU intensiv mit der Entwicklung in Ungarn. Von einigen Aspekten sei die
UdSSR gerade in den letzten Monaten überrascht worden und habe Probleme mit
ihrer Wertung. Dies gilt insbesondere für die derzeitige Situation in der USAP.
In Moskau gebe es eine „ungarische Lobby“, zu dessen Kern, so der ungari-
sche Gesprächspartner wörtlich, der derzeitige KGB-Chef Krjutschkow2 zählt,
der fließend Ungarisch spreche und sich noch laufend mit Ungarn intensiv
beschäftige. (Krjutschkow wurde vom gestrigen ZK-Plenum3 zum Politbüro Voll-
mitglied befördert).
Insgesamt musste Ungarn feststellen, dass die SU durch den Konflikt DDR-
Ungarn sehr beunruhigt war und immer durchblicken ließ, welche Bedeutung
die DDR für die SU habe.
1 Der Bericht wurde als Funkdepesche Nr. 25378 mit Bezug auf den fernschriftlichen Erst-
bezugsbericht Nr. 25564 und im Verfolg des Fernschreibens Nr. 25378 vom 15. September
1989 erstattet und war an die Sektion II, das Generalsekretariat und das Kabinett des Minis-
ters gerichtet. Im BMAA veranlasste die Abteilung II.3 die Weiterleitung des Berichts an die
österreichischen Vertretungsbehörden in den Warschauer-Pakt-Staaten gemäß Liste „WP“
(außer Budapest), an die österreichischen Botschaften in Bonn und Belgrad sowie an die öster-
reichische Delegation Berlin.
2 Wladimir Krjutschkow, Leiter des KGB (1988–1991), siehe Personenregister mit Funktions-
angaben.
3 Das ZK-Plenum fand vom 19. bis 20. September 1989 statt und war primär der Nationalitäten-
politik gewidmet.
zurück zum
Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99