Seite - 319 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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29.9.1989: Bericht Botschafter Bauer Dok. 59
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DDR-originären innenpolitisch negativen Auswirkungen einer allfälligen Re-
striktion bedacht, nicht jedoch die vom Ausland kommenden negativen Rück-
wirkungen auf die DDR).
Der für die Deutschlandpolitik im BKA zuständige höchste Beamte15 erwartet
dennoch keinen Reformprozess vor dem nächsten Parteitag,16 Bonn könne auch
wenig zur Absicherung von Reformversuchen progressiverer SED-Kräfte tun: Ein
„großer Wurf“ (etwa ein Marshall-Plan) sei nicht finanzierbar, innenpolitisch
vermutlich nicht durchsetzbar und in der DDR wahrscheinlich nicht absorp-
tionsfähig. An der Politik der kleinen Schritte werde sich deshalb im Augenblick
nichts ändern, wiewohl die Bundesregierung sicherlich zum Einsatz finanzieller
Mittel (Verkehrsinfrastruktur, Umweltprojekte usw.) zur Abstützung eingeleite-
ter Reformen bereit wäre.
Die Bundesregierung ist an einer Stabilisierung des labilen und risikoreichen
Status quo und Entwicklungen in diese Richtung interessiert. Hiezu bedürfte es
aber Veränderungen in der DDR von oben und unten, die Führung müsste einen
ehrlichen Dialog mit der Bevölkerung über die gemeinsam in Angriff zu nehmen-
den Probleme und Veränderungen einleiten und dadurch dem völligen Vertrau-
ensverlust wegen der ständigen Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit
entgegenzutreten versuchen. Der BKA-Gesprächspartner bewertet allerdings die
DDR-„Opposition“ als sehr heterogen, zersplittert, politisch und organisatorisch
unerfahren – auch deswegen ist der Vorwurf an die SPD einer Vernachlässigung
der Opposition zu plakativ, wiewohl der Wunsch nach Stabilisierung Osteuropas
zwecks Ermöglichung evolutiver Veränderungen tatsächlich zu große Vorsichtig-
keit im Umgang mit Osteuropa (vergleiche auch die weitgehende Nichtbeachtung
der Solidarität) bewirkt haben mag.
Wie Gespräche mit BKA, AA, SPD, FDP und dem Sekretär des innerdeutschen
Ausschusses des Bundestages17 zeigen, besteht also in der BRD in Wirklichkeit in-
tern Einigkeit über die Deutschlandpolitik sowie Einsicht in die geringen eigenen
Beeinflussungsmöglichkeiten (weder hinsichtlich Systemreformen noch bezüg-
lich der Verhinderung einer möglichen Eskalation). Der Vorsitzende des inner-
deutschen Ausschusses18 bemüht sich um Wiederherstellung auch der äußeren
deutschlandpolitischen Einigkeit durch Einrichtung eines Arbeitskreises unter
Einbeziehung aller Parteien; auf diese Weise soll dieses Thema von nationaler Be-
deutung möglichst aus dem künftigen Wahlkampf herausgehalten werden.
15 Claus-Jürgen Duisberg, Leiter des Arbeitsstabs 20 (Deutschlandpolitik) im Bundeskanzleramt
der Bundesrepublik Deutschland (1987–1990), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
16 Der XII. Parteitag der SED wurde zunächst vom Mai 1991 auf 15. bis 19. Mai 1990 vorverlegt.
Nach dem Mauerfall wurde er auf Dezember 1989 vorverlegt. Siehe dazu Dok. 93 und 97.
17 Günther Hinrichs, Sekretär des innerdeutschen Ausschusses des Deutschen Bundestag (1987–
1990), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
18 Hans-Günter Hoppe, Mitglied des Deutschen Bundestages (1972–1990) und hier Vorsitzender
des innerdeutschen Ausschusses (1987–1990), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99