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9.11.1989: Bericht Botschafter Wunderbaldinger und Gesandter Graf
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Dok. 67
Dok. 67: Bericht. 10. Tagung des ZK der SED, 9.11.1989
Botschafter Franz Wunderbaldinger und Gesandter Lorenz Graf an BMAA, Berlin (Ost), 9. November 1989, BMEIA, ÖB
Berlin (Ost), RES-1989 (1–10), Karton 241
10. Tagung des Zentralkomitees des SED: 1. Tag2
Seit gestern, 8. November 1989, besteht das Politbüro der SED nur mehr aus 11 an-
statt wie bis gestern aus 21 Mitgliedern (siehe FS 25112 von 8.11.1989).3 Erstmalig
in der Geschichte der SED ist ein Politbüro geschlossen zurückgetreten. Einerseits
sind damit zwei Drittel (14) der Mitglieder mit einem Schlag ausgeschieden, an-
dererseits gibt es im neuen Politbüro nur vier neue Gesichter, wobei der SED-Be-
zirkssekretär in Dresden, Hans Modrow, der einzige neue ist, der der Bevölkerung
und den Parteimitgliedern Optimismus vermittelt.
In seinem Referat ging der Generalsekretär der SED, Egon Krenz, mit seinem
Vorgänger Honecker und dem früheren Politbüromitglied und Wirtschaftsfach-
mann Günter Mittag mit scharfen Worten in Gericht. Während Mittag Honecker
während dessen Erkrankung vertreten habe, habe es an der Spitze der Partei
Sprachlosigkeit gegeben. Als Ende August die zunehmende Ausreisewelle im
Polit büro behandelt worden sei, habe er es nicht für nötig befunden, die gesamte
Partei
– wie es die Politbüromitglieder gefordert hätten
– darüber zu informieren,
in der Öffentlichkeit entsprechend Stellung zu beziehen und sich mit den ersten
Sekretären der SED-Bezirksleitung zu treffen.4
Hinsichtlich der Ausreisewelle gesteht Egon Krenz ein, dass die eigentlichen
Ursachen in der DDR selbst zu suchen seien. Die Ausgereisten seien weder Gegner
des Sozialismus noch Kriminelle. Sie seien Bürger, die keine oder nur begrenzte
Möglichkeiten für die Entfaltung ihrer Persönlichkeit sahen.5
1 Der Bericht erging (im Verfolg von Fernschreiben Nr. 25112 vom 8. November 1989) als Fern-
schreiben Nr. 25113 an das BMAA und war an die Sektion 2, das Generalsekretariat und das
Kabinett des Bundesministers gerichtet.
2 Für das Protokoll des ersten Beratungstags der 10. Tagung des ZK der SED am 8. November
1989 siehe: Das Ende der SED, S. 135–242. Auf dieser trat gleich zu Beginn das amtierende
Politbüro zurück, Egon Krenz wurde einstimmig als Generalsekretär wiedergewählt, die bis-
herigen Mitglieder Hermann Axen, Horst Dohlus, Kurt Hager, Günter Kleiber, Werner Kroli-
kowski, Erich Mielke, Erich Mückenberger, Gerhard Müller, Alfred Neumann, Horst Sinder-
mann, Willi Stoph und Harry Tisch wurden nicht in ihren Funktionen bestätigt und schieden
aus. Wolfgang Herger, Wolfgang Rauchfuß, Gerhard Schürer und Hans Modrow wurden als
neue Mitglieder des Politbüros gewählt, Günter Schabowski wurde ZK-Sekretär für Medien.
3 Mit diesem Fernschreiben hatten Wunderbaldinger und Graf eine Namensliste der neuen
Politbüromitglieder und -kandidaten übermittelt. Zudem wurde darauf hingewiesen: „Das
Zentralkomitee hat weiters empfohlen, Dr. Hans Modrow zum Vorsitzenden des Ministerrates
der DDR vorzuschlagen.“ Botschafter Franz Wunderbaldinger und Gesandter Lorenz Graf,
Berlin (Ost) an BMAA, 8. November 1989, ÖB Berlin (Ost), RES-1989 (1–10), Karton 24.
4 Für Krenz’ Kritik an Mittag siehe: Das Ende der SED, S. 194.
5 Für Krenz’ Ausführungen dazu siehe: ebd., S. 190–191.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99