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10.11.1989: Bericht Gesandter Graf Dok. 68
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Dok. 68: Bericht. Die Maueröffnung, 10.11.1989
Gesandter Lorenz Graf an BMAA, Berlin (Ost), 10. November 1989, 267-RES/89, BMEIA, ÖB Berlin (Ost), RES-1989
(1–10), Karton 241
Das Volk übernimmt die (Reise)Führung
Nach der bei der gestrigen Pressekonferenz von Günther Schabowski2 angekün-
digten und vom Westen als sensationell eingestuften Bestimmungen für Rei-
sen ins Ausland wurde innerhalb weniger Stunden die Wirklichkeit vom Volk
bestimmt. Bereits in den Abendstunden gelangten zahlreiche Ostberliner über
die einzelnen Übergänge nach Westberlin. Die Volkspolizei verhält sich bis zur
Stunde besonnen und beschränkt sich in ihrem Bemühen darauf den PKW- und
Personenverkehr in halbwegs geordnete Bahnen zu lenken. Viele Menschen prob-
ten den Übergang, der Großteil [kehrte] auch nach einem kurzen Schnupperaus-
flug in den Westteil der Stadt sofort zurück in den Osten, um sich zu überzeugen,
dass die Reisemöglichkeit tatsächlich vorhanden ist. Die Bestimmungen des Mi-
nisterrates bis zum Inkrafttreten eines Reisegesetzes sahen (selbstverständlich)
die kurz fristige Ausstellung von Reisepässen und Visa vor.3
Die Mauer steht Kopf. Ostberliner stehen im Westen an der Mauer, haben zum
Teil die ganze Nacht über mit Sekt auf der Mauer gefeiert. Volkspolizisten zeigen
bei der Verkehrsregelung Berliner Witz. Zur Zeit ist es keineswegs abzusehen,
wie sich die nächsten Stunden gestalten werden. Wie bekannt wurde, toleriert die
Führung den von der Bevölkerung geschaffenen Ist-Zustand über das ganze Wo-
chenende. Dann werde man einen geregelten Grenzverkehr mit Pass zumindest
versuchen herzustellen.
Für das Ländermatch Österreich-DDR am Mittwoch, dem 15.11. muss mit
einem in Tausende gehenden Massenansturm gerechnet werden. Bereits am heu-
tigen Vormittag wurde der Botschaft ein Personalausweis mit DDR-Ausreisesicht-
1 Der Bericht erging fernschriftlich als Depesche in Ziffern Nr. 25114 an das BMAA und war
an das Kabinett des Bundesministers, das Generalsekretariat und die Sektionen II, IV und VI
gerichtet.
2 Am 9. November 1989 stellte der damalige 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin und Mit-
glied des Politbüros des ZK der SED, Günter Schabowski, auf einer Pressekonferenz, in welcher
die Ergebnisse der 10. Tagung des ZK der SED verkündet wurden, die neue Reiseverordnung
der DDR vor. Auf die Frage eines Journalisten, wann denn die Verordnung in Kraft trete,
sprach Schabowski die berühmten Worte: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort,
unverzüglich“.
3 Diese Annahme ist unzutreffend. Die geplante neue Reiseverordnung (siehe Dok. 65, Anm. 13)
sah zwar „rasche“ Entscheidungen vor, tatsächlich hatten die Behörden aber 30 Tage Zeit,
um über Anträge zu entscheiden, in dringenden Fällen drei Tage (wobei undefiniert blieb
was unter „dringend“ zu verstehen sei). Zudem wurde ausdrücklich festgehalten, dass die
Bewilligung einer Reise nicht auch Anspruch auf Devisenmittel zur Durchführung der Reise
bedeute. Bei Anträgen auf dauerhafte Ausreise war eine Bearbeitungszeit von drei bis sechs
Monaten vorgesehen.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99