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10.11.1989: Gespräch Mock – Eyskens
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Dok. 70
Der HBM erwähnt den Antrag Ungarns auf Mitgliedschaft im ER.4 Man
müsse die Kriterien der Aufnahme sehr strikt einhalten. Sodann berichtet er vom
bevorstehenden „Vierer-Treffen“ in Budapest.5
AM Eyskens erklärt, der Vlasi-Prozeß in Kosovo6 verstoße gegen die KSZE-
Regeln.
Die Entwicklung in Ungarn sei gut, es gelte aber, die Wahlen abzuwarten. Des-
halb werde König Baudouin (den er begleiten werde)
Ungarn erst nach den Wah-
len (ca. Ende Juni)7 den vorgesehenen Besuch abstatten.
Zur Situation in Polen äußert AM Eyskens die Besorgnis, daß die „Solidarität“
zerbrechen könnte. Er befürchte auch die Formierung einer extremen Rechten.
Zentrales Anliegen der Politik Polens müsse es sein, ausländischen Investoren
einen klaren Plan vorzulegen, wohin sich das Land entwickle. Dies beinhalte Fra-
gen wie Währungsreformen, Abschaffung der Monopole, uneingeschränktes Pri-
vateigentum, Umbau des Rechtssystems etc.
Wien, am 13. November 1989
Eichtinger m. p.
auch auf die DDR auszudehnen. Zudem wurde eine Arbeitsgruppe mit der Ausarbeitung eines
Berichts über das sicherheitspolitische Umfeld im Zeitraum 1991–1995 beauftragt und die
Gründung eines Europäischen Instituts für Sicherheitsfragen mit Sitz in Paris beschlossen.
4 Am 8. Juni 1989 war Ungarn der Beobachterstatus im Europarat gewährt worden (Siehe dazu
bereits Dok. 45, Anm. 4). Am 29. Januar 1990 stellte Ungarn seinen Antrag auf Mitgliedschaft
im Europarat und wurde noch im gleichen Jahr am 6. November 1990 als 24. Mitgliedsstaat
und erstes Transformationsland in den Europarat aufgenommen.
5 Am 11. und 12. November 1989 trafen die Außenminister bzw. stellvertretenden Minister-
präsidenten Italiens, Jugoslawiens, Österreichs und Ungarns in Budapest zusammen und es
erfolgte die Gründung der „Viererkooperation“ im Rahmen derer auch die Schwerpunkt-
themen und die Koordinierungsverantwortlichkeiten der Partnerstaaten festgelegt wurden.
Kurz darauf schloss sich auch die Tschechoslowakei dieser Gruppe an. Die als „Pentagonale“
bekannt gewordene Staatengruppe leitete in einer lockeren Form der Zusammenarbeit Koope-
rationen in Bereichen der Kultur und Wissenschaft ein, die auf zahlreichen Gemeinsamkeiten
aus der Geschichte aufbauen konnte.
6 Der vormalige Vorsitzende des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens des Autonomen Ge-
bietes Kosovo, Azem Vlasi, und weitere 14 Angeklagte mussten sich im Oktober 1989 in Titovo
Mitrovica (Kosovo) einem Gerichtsverfahren stellen. Den Angeklagten wurde laut Nachrich-
tenagentur Tanjug zur Last gelegt, nationalistisch-separatistische Kundgebungen veranstaltet
zu haben, die zu bewaffneten Aufständen und dem Tod von 20 Personen geführt hätten.
7 Die erste Runde der ungarischen Parlamentswahlen (den ersten freien Wahlen seit mehr als
40 Jahren) fand am 25. März 1990, die zweite Runde am 8. April statt. Das „Ungarische Demo-
kratische Forum“ erreichte 165 von 386 Sitzen. Die „Allianz Freier Demokraten“ wurde mit 92
Sitzen zweitstärkste Partei geworden. József Antall wurde zum Ministerpräsident gewählt.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99