Seite - 360 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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14.11.1989: Bericht Botschafter Bauer und Gesandter Loibl
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Dok. 71
der EG damit zusätzlich geschwächt wird (Militärinterventionen in Osteuropa
ausgenommen) – jedenfalls in der BRD – und stattdessen verstärkt WEU-Rolle12
betont würde. Gleichzeitig dürfte Bundesregierung für weitere EG-Integration bei
gleichzeitiger Betonung deren grundsätzlicher Offenheit eintreten, um Verdacht
eines Abdriftens entgegenzuwirken. Modellspielerein über „politische Union“
dürften zurücktreten, um „Phantasie der Geschichte keine Zwangsjacke“ anzu-
legen (Genscher).13 Außenminister spricht lt. zuständiger FDP-Parteiquelle nun
vorwiegend von Europäischer Union (dem in EEA-Präambel14 verwendeten Be-
griff, der dort nur mit Wirtschafts- und Währungsunion verbunden ist) und
vermeidet politische Union (weil dieser Begriff, im Gegensatz zur Europäischen
Union, auch als Einbeziehung militärischer Komponente verstanden würde). Wie
hoch diese, jedenfalls noch nicht bis auf Referatsleiter-Ebene im AA durchgedrun-
gene, sprachliche Feinheit auch zu bewerten ist
– Botschaft hat keinen Zweifel an
Genschers Linie einer Freihaltung der EG von militärischen Elementen, die er
durch umso stärkeres Drängen auf Wirtschafts- und Währungsunion (als Mess-
latte für tatsächliche Integrationsbereitschaft der Mitgliedstaaten) zu kompensie-
ren trachtet.
Bauer / Loibl
12 Zur WEU in diesem Kontext siehe Dok. 34, Anm. 10 und 11.
13 In einem am 20. Oktober 1989 veröffentlichten Interview in Die Zeit sagte Genscher: „Nie-
mand weiß, was im nächsten Jahrhundert sein wird. Die Europäische Union allerdings wird
bestehen und sich weiterentwickeln. Im übrigen sollten wir der Phantasie der Geschichte auf
dem Wege zur gesamteuropäischen Friedensordnung keine Zwangsjacke anlegen.“ Sehr ähn-
lich bereits am 25. September 1989 in Der Spiegel. Am 27. Oktober schrieb Die Zeit: „Unter
dem Stichwort ‚Blaupause‘ findet zur Zeit eine geschichtsphilosophisch interessante Kontro-
verse statt. Außenminister Genscher meint, man dürfe die Phantasie der Geschichte nicht in
eine Zwangsjacke stecken, man müsse ihr vielmehr freien Lauf lassen. Mit dieser Argumen-
tation wehrt er sich dagegen, Aussagen zur Wiedervereinigung zu machen und sich durch
Spekulationen über die Zukunft Deutschlands festlegen zu lassen.“ Genscher verwendete diese
Worte in weiterer Folge oft.
14 Die „Europäische Union“ fand in den ersten beiden Absätzen der Präambel der Einheitlichen
Europäischen Akte Erwähnung: „ […] VON DEM WILLEN GELEITET, das von den Verträ-
gen zur Gründung der Europäischen Gemeinschaften ausgehende Werk weiterzuführen und
die Gesamtheit der Beziehungen zwischen deren Staaten gemäß der Feierlichen Deklaration
von Stuttgart vom 19. Juni 1983 in eine Europäische Union umzuwandeln,
GEWILLT, diese Europäische Union auf der Grundlage der nach ihren eigenen Regeln
funktionierenden Gemeinschaften einerseits und der Europäischen Zusammenarbeit zwi-
schen den Unterzeichnerstaaten in der Außenpolitik andererseits zu verwirklichen und diese
Union mit den erforderlichen Aktionsmitteln auszustatten, […]. Vgl. Amtsblatt der Europä-
ischen Gemeinschaften Nr. L 169/13 vom 29. Juni 1987.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99