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24.11.1989: Gespräch Vranitzky – Modrow
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Dok. 78
die finanzpolitische Zusammenarbeit gefunden und könne für gemeinsame In-
vestitionsprojekte und joint ventures etc. eine gesunde Basis anbieten. Österreich
würde sich auch in den internationalen Gremien zugunsten der osteuropäischen
Staaten aktiv engagieren. Leider seien in letzter Zeit einige Wirtschaftsprojekte in
der DDR für Österreich verloren gegangen (z. B. BUNA, Leuna),14 und er wolle auch
gerade deshalb das österreichische Interesse an der Verstärkung der wirtschaftli-
chen Zusammenarbeit deponieren.
MPr Modrow nahm dann noch kurz zur Frage der Wiedervereinigung Stel-
lung. Diese habe verschiedene Aspekte: sie entspreche einerseits einem natürli-
chem Bedürfnis der Menschen, habe aber andererseits auch einige chauvinistische
Aspekte (Wiederherstellung der deutschen Grenzen von 1937).15 Die Situation in
Europa sei heute an die Existenz zweier deutscher Staaten gebunden, und das sei
das Verständnis, von dem man auszugehen habe. Selbstverständlich müsse man
die Geschichte als einen Prozess sehen, der nicht stehenbleibe, aber jede diesbe-
zügliche Veränderung werde viel Zeit brauchen und internationales Denken über
weite Phasen. Er selbst könne sich eine Lösung dieses Problems höchstens inner-
halb der „föderativen Strukturen eines größeren Europa“ vorstellen. Es sei in die-
sem Zusammenhang für ihn besonders wichtig, den Prozess der inneren Erneue-
rung mit allem zu verbinden, was europäische Verantwortung zeige.
Der Herr Bundeskanzler ist am Nachmittag des 24.11. noch zu Gesprächen
mit Herrn de Maizière (CDU),16 Herrn Steffen Reiche (SPD)17 und Herrn Prof. Jens
Reich (Forum)18 sowie mit Bürgermeister Momper19 zusammengetroffen.20
14 Die Aktenlage lässt keine Rückschlüsse auf die konkreten Projekte zu.
15 Es ist unklar, worauf sich Modrow hier bezieht. Die Wiederherstellung der Grenzen von 1937
wurde nicht angestrebt, die grundsätzliche Position der Bundesrepublik bestand darin, dass
erst ein geeintes Deutschland endgültig über seine Grenze befinden könne. Siehe zu dieser
Problematik und den einschlägigen Verträgen grundsätzlich Dok. 1, Anm. 17.
16 Lothar de Maizière, Vorsitzender der CDU in der DDR (1989/90), siehe Personenregister mit
Funktionsangaben.
17 Steffen Reiche, Oktober 1989 Mitbegründer der SPD in der DDR, siehe Personenregister mit
Funktionsangaben.
18 Jens Reich, September 1989 Koautor des Aufrufs „Aufbruch 89 – Neues Forum“, siehe Per-
sonenregister mit Funktionsangaben.
19 Walter Momper, Regierender Bürgermeister von Berlin (1989–1991), siehe Personenregister
mit Funktionsangaben.
20 Zu den Gesprächen Vranitzkys mit de Maizière, Reiche und Reich liegen keine Aufzeichnun-
gen vor. Über das Gespräch Vranitzky-Momper berichtete Generalkonsulin Gabriele Matzner
am Rande eines allgemeineren Berichts über die Lage in Berlin. Siehe Dok. 79.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99