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27.11.1989: Bericht Generalkonsulin Matzner Dok. 79
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Dok. 79: Bericht. Berlin im November 1989, 27.11.1989
Generalkonsulin Gabriele Matzner an BMAA, Berlin (West), 27. November 1989, Zl. 162-RES/89, ÖStA, AdR, BMAA, II-
Pol 1989, GZ 518.01.13/1-II.1/891
Berlin im November 1989; Das Ende der Idylle; Neue Chancen und Probleme; Ge-
spräch Bundeskanzler F. Vranitzky mit dem Regierenden Bürgermeister W. Mom-
per am 24. November 1989
Noch stehen sie, die 43,1 km lange Mauer und die sonstigen Grenzbefestigungen,
die Berlin-West von Berlin-Ost und vom Umland mehr als 28 Jahre abgetrennt
haben. Doch über 22 Übergänge, 10 davon in den letzten Tagen neu geschaf-
fen, strömen täglich viele Tausende DDR-Bürger in die Stadt. 350 Millionen DM
„Begrüßungsgeld“ (100 DM pro Personen) wurden bisher – aus Bundesmitteln –
an sie ausbezahlt. In den Hauptgeschäftsstraßen herrscht, vor allem an den Wo-
chenenden, großes Gedränge. Anbieter von Lebensmitteln und billigeren Ge-
brauchswaren freuen sich über Umsatzzuwächse, Geschäfte mit teueren Waren
verzeichnen Umsatzrückgänge, zumal manche westliche Kundschaft wegen des
Gedränges ausbleibt. Die Präsenz von „Trabis“ auch in ausgesprochenen Wohn-
straßen bezeugt, dass der Besucherstrom nicht nur den Geschäften, sondern auch
Verwandten und Bekannten gilt.
Logistisch erwies sich der Westteil der Stadt relativ gut gerüstet. Vorbereitun-
gen für eine – ursprünglich erst für Anfang Dezember erwartete – Öffnung der
Grenzen waren bereits angelaufen, Zeitpunkt und Ausmaß des Ansturms ka-
men freilich unerwartet. Trotz begreiflicher Euphorie, trotz anfänglicher Ver-
kehrsprobleme verliefen die ersten Tage in bemerkenswerter Disziplin.
Doch wie wird es weitergehen in dieser Stadt? Vieles ist neu zu denken, darf neu
gedacht werden. Das Ende der Idylle, die das geschützte, begrenzt und subventio-
nierte Berlin (West) für viele trotz allem bot, ist offenbar. Der goldene Käfig ist
aufgebrochen. Ein frischer, rauherer Wind hebt an.
Für die Zukunft mangelt es nicht an Ideen, Vorstellungen, Vorschlägen, in
denen Hoffnungen und Befürchtungen zum Ausdruck kommen. Sie betreffen
ganz praktische, stadtpolitische Fragen wie Verkehr, Bauwesen, Umwelt und Ar-
beitsmarkt. Jahrzehntelang stillgelegte Straßen-, S-, U-Bahn- und Schifffahrts-
verbindungen wurden neu geknüpft, andere sollen es noch werden. Die Diskus-
sion um den Flugverkehr hat neue Nahrung erhalten, darunter auch die Idee, den
West-Berliner Flughafen Tegel und den Berlin-nahen DDR-Flughafen Schönefeld
arbeitsteilig gemeinsam für Reisende aus Ost und West nutzbar zu machen bzw.
1 Der Bericht wurde im BMAA dem Generalsekretariat, dem Kabinett des Bundesministers und
der Abteilung II.1 vorgelegt. Auf Nachfrage von Legationsrat Marius Calligaris vom 1. De-
zember 1989 („Schon erledigt?“) veranlasste Abteilungsleiter Gesandter Johann Plattner am
11. Dezember 1989 die Weiterleitung des Berichts an die österreichischen Botschaften in Bonn
und Berlin (Ost), Calligaris zeichnete den Akt am 12. Dezember 1989 noch einmal ab.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99