Seite - 384 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
Bild der Seite - 384 -
Text der Seite - 384 -
27.11.1989: Bericht Generalkonsulin Matzner
384
Dok. 79
auszubauen oder einen neuen Großflughafen außerhalb Berlins zur gemeinsamen
Nutzung zu schaffen. Der Wohnungsknappheit könnte durch bauliche Nutzung
von Flächen in der DDR begegnet werden. Umweltprobleme, die die gesamte Stadt
betreffen (Smog) könnten gemeinsam angegangen werden. Ungleichgewicht auf
dem Arbeitsmarkt könnte in Zusammenarbeit ausgeglichen werden (z. B. arbeits-
lose West-Berliner Ärzte im Osten arbeiten, der Facharbeitermangel im Westen
durch im Osten lebende Kräfte gelindert werden) und dgl. mehr. Das „Umland“
könnte für West-Berliner touristisch erschlossen werden. Mittelfristig wird da-
mit gerechnet, dass die „Metropole“ Berlin, Ost und West, auf 5 Mio. Einwohner
(derzeit zusammen 3,2) anwachsen wird. Eine gemeinschaftliche Stadtplanung
ist im Gespräch.
Auch der Phantasie sind keine Grenzen mehr gesetzt, allerdings fehlt es für
vieles noch an rechtlichen Voraussetzungen.
Vorläufig gilt für die West-Berliner nach wie vor Visumspflicht und Zwangs-
umtausch. Vielleicht nur vorübergehend ist ihre Lebensqualität durch den Mas-
senansturm, die schadstoffreichen Abgase der „Trabis“ und die verstopften Tran-
sitwege in den Westen beeinträchtigt.
Zwar ist die Zuwachsrate der Übersiedler aus der DDR, deren Berlin (West)
1989 bisher 40.000 aufgenommen und zum Teil nur notdürftig in Lager und Turn-
hallen untergebracht hat, seit Öffnung der Grenzen nicht mehr gestiegen, doch
melden sich derzeit immer noch täglich rund 500 Übersiedlungswillige bei den
West-Berliner Behörden. Momper spricht von einer „stabilen Fluchtlage“. Der Se-
nat sieht sich schon dadurch vor große finanzielle Probleme, da Bonn für 1990 er-
betene zusätzliche Finanzhilfe in der Höhe von rund 1 Milliarde DM bisher nicht
positiv beschieden hat. Diese Angelegenheit wird voraussichtlich auch Thema der
für 1. Dezember d. J. geplante Unterredung des Regierenden Bürgermeisters mit
Bundeskanzler Kohl und anderen Mitgliedern der Bundesregierung sein.2 Der
Ausbau der städtischen Infrastruktur, insbesondere öffentlicher Verkehrsmittel
und des Wohnbaus, werden im kommenden Jahr weitere Kosten in Höhe von vie-
len Millionen DM verursachen.
Fundamentale Veränderungen im wirtschaftlichen und sozialen Gefüge ste-
hen aller Voraussicht nach noch bevor: Solange keine Grundlage für eine aus-
reichende Versorgung der reisewilligen DDR-Bevölkerung mit Devisen geschaf-
fen wird (diesbezüglich gibt es bekanntlich verschiedene Ideen und Vorschläge),
ist insbesondere in Berlin mit einem Aufblühen von Schwarzhandel und Schwarz-
arbeit, Spekulationen und Devisenschieberei zu rechnen, die nicht nur eine wei-
tere Schwächung der Währung und Wirtschaft der DDR und soziale Probleme
dort, sondern wirtschaftliche und soziale Schwierigkeiten auch in diesem Teil der
Stadt verursachen könnten. Der sogenannte „Polenmarkt“, auf dem seit gut einem
Jahr wöchentlich ca. 80.000 polnische „Touristen“ illegal, aber geduldet, Waren
aller Art polnischen und DDR-Ursprungs verkaufen, könnte eine gewaltige Ver-
2 Siehe Gespräch des Bundeskanzlers Kohl mit dem Regierenden Bürgermeister Momper, Bonn,
1. Dezember 1989 (= Dokument Nr. 103), in: Deutsche Einheit, S. 578–579.
zurück zum
Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99