Seite - 387 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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27.11.1989: Bericht Generalkonsulin Matzner Dok. 79
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SED noch die „Blockparteien“, noch die im Aufbau begriffenen oppositionellen
Gruppen und Parteien in der DDR die „Wiedervereinigung“ wünschen bzw. zum
Gesprächsthema haben. Momper ist gegen eine rasche Abhaltung freier Volks-
kammer-Wahlen in der DDR, da dort alle politischen Gruppierungen noch Zeit
zu Reform und Organisation bräuchten. Auch Vorschlägen aus der eigenen Partei,
zur Erörterung eine „Vier-Mächte-Konferenz“ einzuberufen,8 widerspricht der
Regierende Bürgermeister mit der Begründung, dass Rechte der Alliierten oder
Statusfragen durch die derzeitige Entwicklung und die zu lösenden praktischen
Fragen nicht berührt seien. Seine Positionen sind in der beiliegenden Regierungs-
erklärung vom 16. November 1989 zusammengefasst.9 Er hat sie auch gegenüber
Bundeskanzler Vranitzky anlässlich des Gespräches am 24.11. dargelegt.
Momper und der Berliner Senat pflegen intensive Kontakte mit Entscheidungs-
trägern und Oppositionellen auf der anderen Seite der Mauer und vermeinen
deshalb, im Besitz eines Informationsvorsprungs gegenüber Bonner Politikern zu
sein. Es wäre dies übrigens kein neues Phänomen der Berliner Politik.
Der Spielraum Berlins, deutschlandpolitisch eigene Akzente zu setzen, ist frei-
lich
– finanziell und rechtlich
– eng begrenzt. Unter Vorsitz des Wirtschaftssena-
tors10 haben sich kürzlich immerhin Vertreter der Berliner Wirtschaft zusam-
mengefunden, um jene Möglichkeiten wirtschaftlicher Hilfe und Kooperation
zu sondieren, die man auch ohne und vor Bonner Entscheidung in Angriff neh-
men kann. Dabei ist die Gesprächsrunde zu der Überzeugung gelangt, dass die
wirtschaftlichen Probleme der DDR, beispielsweise im Vergleich zu denen Polens
„nicht so dramatisch“ seien.
Wir beurteilen die alliierten Schutzmächte die neue Lage? Dazu ergab ein
„Briefing“ für ho. Missionschefs kürzlich folgendes:11
Wie auch die Berliner Politiker erklären sie den Status der Stadt und ihre Rolle
als durch die neue Lage nicht berührt und deshalb unverändert. Sie halten es ihrer
schützenden und praktische Fortschritte fordernden und fördernden Funktion in
der Vergangenheit zugute, dass es nunmehr zu diesen Entwicklungen kommen
konnte. Sie leisten Hilfe bei der Bewältigung gegenwärtiger Probleme z. B. Un-
terbringung von Übersiedlern, sie betonen die gute Kooperation mit Berliner
8 Insbesondere Egon Bahr und Günter Gaus waren mit diesem, auch von einigen CDU-Ver-
tretern ausgesprochenen, Gedanken an die Öffentlichkeit getreten, der aber selbst im SPD-
Präsidium keine Unterstützung fand. Mehrheitlich wurde eine Vier-Mächte-Konferenz als
nicht zeitgemäß angesehen. Zu Bahrs Überlegungen zum Thema Friedensvertrag Ende der
1980er-Jahre siehe auch Dok. 20, dort auch Anm. 16.
9 Die „Regierungserklärung des Regierenden Bürgermeisters Walter Momper in der Stiftung
Abgeordnetenhauses am 16. November 1989“ liegt dem Bericht bei. In dieser hatte Momper
ausgeführt: „Wir wollen auch nicht vergessen, daß die Freiheit, die wir jetzt wieder haben,
nicht möglich geworden wäre ohne die Standhaftigkeit der Alliierten Schutzmächte.“ Sonst
erwähnte er die Alliierten nicht.
10 Peter Mitzscherling, Senator für Wirtschaft Berlins (1989–1991), siehe Personenregister mit
Funktionsangaben.
11 Es konnte nicht aufgelöst werden, wann dieses „Briefing“ der Alliierten stattfand.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99