Seite - 401 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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30.11.1989: Bericht Botschafter Bauer und Gesandter Loibl Dok. 84
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gebaut, vgl. Baker – gemeinsame Verteidigung als Merkmal einer Konföderation
deshalb nicht möglich).10
Selbst „föderalistische Strukturen“ wie gemeinsame Ausschüsse usw. wären lt.
BKA „relativ schwierig“ zu verwirklichen und würden zudem DDR-Staatlichkeit
stärken: andererseits könnten gemeinsame Gremien Faktensammlung und Ein-
sicht in gegenwärtige Strukturen und Verhältnisse der DDR bringen, was auch im
Interesse künftiger demokratischer DDR-Regierungen sein müsste (bisher fehlt
Einblick in tatsächliche DDR-Gegebenheiten). Opposition habe wegen Kürze
der gegebenen Zeit kein demokratisches Konzept, BRD könnte in gemeinsamen
parlamentarischen Ausschüssen beraten und für Demokratisierung einwirken.
Diese Vorteile würden Legalitätszuwachs für SED (DDR)
– die deshalb an solchen
Strukturen Interesse zeige – durch zwischenstaatliche Zusammenarbeit aufwie-
gen. Außerdem bestünden schon bisher bilaterale Politikerbegegnungen.
BKA-Vertreter unterstrich Gratwanderung der Bundesregierung zwischen Sta-
bilisierung der DDR (im Interesse der dort lebenden Deutschen) und Wiederver-
einigung: Stabilisierungs-Argument wiege weniger, weil Veränderungsdynamik
in DDR ohnedies nicht aufhaltbar.
Stabilisierung zunächst auch deshalb erforderlich, um Bevölkerung in der DDR
und damit anderen deutschen Staaten als Partner für Veränderung zu erhal-
ten – obwohl wirtschaftliche Verschlechterung DDR-Rufe nach Wiedervereini-
gung fördern könnten. Zusammenbruch der DDR würde allerdings BRD kurzfri-
stig innenpolitisch stark belasten („Deutschlandpolitik ist Innenpolitik“): derzeit
noch täglich etwa 1000 DDR-Übersiedler, alleine 1989 bisher 250.000!11 Dadurch
würden freilich andererseits (trotz wirtschaftlicher Belastung für beide deutsche
Staaten) verwandtschaftliche Beziehungen und Wiedervereinigungswunsch ge-
stärkt. Nur etwa 10 Proz.12 der Übersiedler (nicht die Besten) kehrten zurück.
Gesprächspartner erwähnte auf Frage der Botschaft westliche Umfragen in
DDR, wonach 85 Proz. der DDR-Bevölkerung13 für Wiedervereinigung wären. In
der BRD ergäben Sondierungen konstant 70 bis 8014 Proz. Zustimmung. Auf Zu-
satzfrage ging er davon aus, dass hauptsächlich evangelische DDR-Bewohner in
der BRD mehrheitlich sozialdemokratisch und liberal wählen würden, hielt aber
innenpolitische Extrapolationen für den Fall einer Wiedervereinigung als weit
verfrüht.
10 Dieser Absatz wurde im BMAA links und rechts am Seitenrand handschriftlich markiert. Für
die in Rede stehenden Ausführungen Bakers siehe den Auszug: Pressenkonferenz des ame-
rikanischen Außenministers James A.
Baker am 29. November 1989 in Washington (=
Doku-
ment 14), in: Deutschlands Vereinigung, S. 169.
11 Im Jahr 1989 sind offiziell 343.854 Übersiedlungen von der DDR in die Bundesrepublik
erfolgt. Am 21. November sprach Kohl gegenüber dem südkoreanischen Präsidenten Roh
Tae Woo noch von bis dato 170.000 Aussiedlern. Vgl. Dokument 96, in: Deutsche Einheit,
S. 561–563, hier S. 562.
12 Handschriftliche Unterstreichung im BMAA.
13 Handschriftliche Unterstreichung im BMAA.
14 Handschriftliche Unterstreichung im BMAA.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99