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30.11.1989: Bericht Botschafter Bauer und Gesandter Loibl
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Dok. 84
BKA-Vertreter wusste nicht, ob DDR nötige radikale Wirtschaftsreform (Preis-
reform, Kapital- und Eigentumsbeteiligung, Marktwirtschaft, Investitionsschutz,
Gewinntransfer, Joint ventures, usw.) rasch durchführen würde, weil notwendige
drastische Verstärkung der Arbeitsleistung bei gleichzeitigen wirtschaftlichen
Opfern die Arbeiterschaft zunächst stark belasten würde – der es bisher relativ
gut gehe und die sich deshalb wenig an Demonstrationen beteilige (kein Gene-
ralstreik!). Vorstellung der DDR-Oppositionsgruppen über BRD vergleichbaren
Wirtschaftsstandard und Demokratie bei ausgedehntem sozialem Netz und nied-
rigen Arbeitsleistung (heute bedingt durch ständige Materialknappheiten) wären
nicht realistisch.
BKA macht umfassende Hilfe von grundlegendem, unumkehrbarem Wandel
des politischen und wirtschaftlichen Systems in der DDR abhängig, d. h. von Ver-
ständigung auf Verfassungsänderung und neues Wahlgesetz (Punkt 3 seiner Er-
klärung). Dies wäre allerdings kein grundlegender Wandel des wirtschaftlichen
Systems: diesbezüglich scheinen interne Meinungsunterschiede in der BRD zu be-
stehen zwischen Befürwortern sofortiger umfassender Hilfe (zwecks Vermeidung
des DDR-Zusammenbruchs durch Bevölkerungsausblutung) und Befürwortern
des Abwartens vorheriger Reformen (Hilfe darf nicht versickern!)
Soforthilfemaßnahmen der Bundesregierung konzentrieren sich auf Reise-
fonds, dessen Höhe noch mit daran sehr interessierter DDR diskutiert werde.
Nach bisher vorläufigen Vorstellungen sollen DDR-Bürger jährlich DM 300 bis
500 im Verhältnis etwa 1:4 erwerben können, wobei DDR pro Kopf etwa DM 100,
BRD den Rest in den Fonds einzahlen würde. Begrüßungsgeld für DDR-Ein-
wohner (a DM 100.- jährlich pro Person) und Mindestumtausch für BRD-Bürger
(DM 25.- pro Tag, das bringt jährlich über DM 500 Mio.) müssten wegfallen.
Bonn erwartet außerdem Reiseerleichterung für seine Staatsangehörigen (z. B.
6 Monate-SV, vereinfachte Antragsstellung, bis hin zu SV-Freiheit – letzteres lt.
Gesprächspartner wohl nicht leicht oder rasch zu verwirklichen). Staatsminister
Seiters könnte diesbezüglich nächste Woche nach Ost-Berlin fahren.15 Einigung
gilt als Voraussetzung für DDR-Besuch des BK am 19.12.16 (den er aus innenpo-
litischen Gründen gut brauchen könnte, um nicht von Mitterrand17 „geschlagen“
zu werden).
Lt. Gesprächspartner sei jedenfalls in der DDR Wiedervereinigung noch nicht
das Thema. Dies sei auch gut, weil Wiedervereinigungsdebatte kein neues DDR-
System schaffe: Zuerst müssten freie Wahlen und neue Führung kommen. Alle
Gesprächspartner sind sich im Übrigen bewusst, dass tatsächliche Entwicklung
unüberschaubar und, jedenfalls derzeit nicht von Regierung geführt wird.
Bauer / Loibl
15 Seiters besuchte die DDR erneut am 5. Dezember 1989. Siehe Dok. 88.
16 Kohl besuchte die DDR vom 19. bis 20. Dezember 1989. Siehe Dok. 101–102.
17 Mitterrand besuchte die DDR vom 20. bis 22. Dezember 1989. Siehe Dok. 103.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99