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30.11.–1.12.1989: Amtsvermerk Gesandter Sucharipa
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Dok. 86
optimistisch; SU bleibe ein wesentlicher Faktor der DDR-Politik, man wolle den
Beziehungen jedoch auf allen Gebieten eine neue Qualität geben.
RGW brauche völlig neue Grundlage der Zusammenarbeit, alte Basis nicht
mehr brauchbar. Bestehende Mechanismen sehr schwerfällig. Konvertibilität im
Intra-RGW-Handel nötig. Konkrete Vorstellungen habe man noch nicht.
4. „Neue“ Außenpolitik der DDR: Nier informierte kurz über folgende Aktivi
täten:
– Übermittlung von Schreiben des Staatsratsvorsitzenden an Gorbatschow
und Bush vor dem Gipfel,12 um Standpunkte der DDR darzulegen
– Schreiben von MP Modrow an Mitterrand und andere EG-Gipfelteilneh-
mer:13 Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit EG sowie zu gesamteuropä-
ischer Zusammenarbeit
– Mitterrand habe positive Antwort übermittelt. Mittlerweile gebe es auch ein
EG-Verhandlungsmandat für ein Handels- und Kooperationsabkommen14
– Interesse an Kontakten mit dem Europäischen Parlament
– Interesse an Annäherung an ER; Beitritt zur Kulturkonvention wird ge-
prüft. (HSL sagte entsprechende Informationen österreichischer Parlamen-
tarier und der ÖV Straßburg zu)15
12 Bush und Gorbatschow trafen am 2./3. Dezember 1989 an Bord des sowjetischen Kreuz-
fahrtschiffs „Maxim Gorki“ vor Malta zu einem Gipfeltreffen zusammen. Siehe dazu bereits
Dok. 81, Anm 3. und Dok. 80, Anm. 7. Krenz hatte sein Schreiben in Reaktion auf den Zehn-
Punkte-Plan Kohls verfasst. Über das Schreiben an Bush notierte er in seinen Erinnerungen
an den Herbst 1989: „Ich entschließe mich, im Zusammenhang mit dem Zehn-Punkte-Plan
von Kohl einen Brief an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu schreiben.
Ich teile ihm mit, daß die gesellschaftlichen Veränderungen in der DDR unumkehrbar sind.
Ich verweise darauf, daß alle Bürger der DDR inzwischen die uneingeschränkte Reisefreiheit
haben. Damit, so betone ich, hat die DDR die Bestimmungen und Vereinbarungen der KSZE
umfassend verwirklicht. ‚Die DDR geht davon aus‘, schreibe ich, ‚daß niemand an einer De-
stabilisierung der Lage in Europa, zumal noch im Zentrum dieses Kontinents, interessiert
sein kann. Dementsprechend wird sie handeln und bleibt als sozialistischer, antifaschistischer
und demokratischer Staat ein berechenbarer wie auch verläßlicher Partner … In diesem Ver-
ständnis ist auch die Existenz von zwei deutschen Staaten in den bestehenden Grenzen und
ihre Bündniszugehörigkeit ebenso ein Grundelement europäischer Sicherheit wie die strikte
Einhaltung und Anwendung des Vierseitigen Abkommens. Nationalismus, die Wiederbele-
bung nazistischer Ideen und das Streben nach einer Revision der Ergebnisse des Sieges der
Anti-Hitler-Koalition wären einem gesicherten Frieden in Europa zutiefst abträglich.‘“ Siehe:
Egon Krenz, Herbst ’89, 3. Auflage Berlin 1999, S. 332.
13 Das Schreiben wurde am 17. November übersandt. Siehe Dok. 81, Anm. 6–7.
14 Der EG-Ministerrat ermächtigte die EG-Kommission erst am 21. Dezember 1989 zur Auf-
nahme von Verhandlungen zu einem Abkommen über Handel und wirtschaftliche Zusam-
menarbeit mit der DDR.
15 Zu diesem Punkt wurde am Seitenrand handschriftlich III notiert, womit die zuständige Sek-
tion des BMAA eingebunden wurde.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99