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4.12.1989: Bericht Botschafter Wunderbaldinger und Gesandter Graf Dok. 87
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Dok. 87: Bericht. Entwicklungen in der SED, 4.12.1989
Botschafter Franz Wunderbaldinger und Gesandter Lorenz Graf an BMAA, Berlin (Ost), 4. Dezember 1989, Zl. 301-RES/89,
BMEIA, ÖB Berlin (Ost), RES-1989 (1–10), Karton 24, GZ. 43.03.00/28-II.3/891
Das Volk und die Basis (der SED) (Info)
Einige Sprengwirkung erzeugte der Zwischenbericht des zeitweiligen Ausschus-
ses zur Überprüfung von Fällen des Amtsmissbrauchs, der Korruption und
der persönlichen Bereicherung bei der Tagung der Volkskammer am Freitag,
dem 1. Dezember 1989 für das Wochenende.2 Der CDU-Abgeordnete Heinrich
Toeplitz schilderte, dass Häuser von Stoph,3 Kleiber4 und Krolikowski5 gebaut
wurden. Unter der (früheren) Führung gab es Sonderjagdgebiete, die als Armee-
sperrgebiete abgeschirmt waren. Ein Flugpark von 15 Düsenmaschinen stand
nur der Staats- und Parteiführung zur Verfügung. Höhepunkt der Sitzung war
zweifellos die Anfrage über den „Devisenbeschaffer“ Schalck-Golodkowski6 und
sein Imperium. Der formell übergeordnete Außenhandelsminister Beil konnte
über den Tätigkeitsbericht und die Verantwortlichkeit von Schalck-Golodkowski
keine Auskunft geben.
Die Bombe platze dann am Wochenende als bekannt wurde, dass sich Schalck-
Golodkowski, der noch am Samstag in der BRD Verhandlungen führte, ins Aus-
land abgesetzt hat.7 In einem Telefongespräch hat er Rechtsanwalt Prof. Dr. Vogel
mit seiner Vertretung betraut. Über Druck der empörten Basis traten am Sonntag
1 Der Bericht erging als Fernschreiben Nr. 25136 an das BMAA und war an die Sektion II, das
Generalsekretariat und das Kabinett des Bundesministers gerichtet. Dort wurde er von der
Abteilung II.3 in Bearbeitung genommen und den österreichischen Vertretungsbehörden im
Ausland gemäß Liste Warschauer Pakt, den österreichischen Botschaften in Belgrad und Bonn
sowie der Delegation Berlin zu Kenntnis gebracht.
2 Für den Bericht und die darauffolgende Diskussion siehe: Neues Deutschland, 2./3. Dezember
1989, S. 4.
3 Willi Stoph, Vorsitzender des Ministerrates und stellvertretender Vorsitzender des Staatsrates
(1976–1989), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
4 Günther Kleiber, Mitglied des Politbüros des ZK der SED (1984–1989), siehe Personenregister
mit Funktionsangaben.
5 Werner Krolikowski, Mitglied des Politbüros des ZK der SED (1971–1989) und des Staatsrates
(1988/89), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
6 Alexander Schalck-Golodkowski, Leiter des Bereichs Kommerzielle Koordinierung (KoKo)
(1966–1989), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
7 Alexander Schalck-Golodkowski konnte, nachdem die Machenschaften des Bereichs KoKo
zunehmend ans Licht kamen (siehe auch Anm. 12), trotz Vorliegen eines Haftbefehls am
2. Dezember 1989 gemeinsam mit seiner Frau in die Bundesrepublik reisen. Daraufhin kehrte
er kurzfristig noch einmal in die DDR zurück, um sich nach einigen „Aufräumarbeiten“ in
seinem Büro bereits in den frühen Morgenstunden des 3. Dezember nach West-Berlin ab-
zusetzen, wo er sich am 6. Dezember den Behörden stellte.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99