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4.12.1989: Bericht Botschafter Wunderbaldinger und Gesandter Graf Dok. 87
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Handfeuerwaffen und Munition festgestellt wurden, die für den Export bestimmt
waren. Chef dieses Unternehmens war Schalck-Golodkowski.
Nach der „Selbstköpfung“ der Partei erwartet den Arbeitsausschuss bis zum
außerordentlichen Parteitag in 11 Tagen eine riesige Aufgabe. In der Partei selbst
spricht man davon, dass die Vertreter der Kreisdelegiertenkonferenz wohl die ein-
zige Chance wären, die drohende Parteispaltung zu verhindern. Offen spricht die
SED-Basis davon, dass selbst eine erneuerte Partei den arg beschmutzen Namen
der SED wohl nicht mehr weiter führen wird.
Die Hinhaltetaktik der aus Resten der früheren Parteiführung gebildeten
Übergangsmannschaft zur Aufklärung von Korruption und Übergriffen der Si-
cherheitskräfte hat die labile Lage weiter verschärft. Die Empörung des Volkes
und der Parteibasis, die versucht, sich wiederum in das Volk zu integrieren, kom-
plizieren die Situation noch mehr. Seit 9. November sind die staatlichen Ord-
nungskräfte deutlich in den Hintergrund getreten. Das durch die kopflos ge-
wordene SED entstandene Vakuum kann nur durch Besonnenheit der Straße
kurzfristig stabil gehalten werden und müsste am außerordentlichen Parteitag
als letzte Chance wenigstens teilweiße aufgefüllt werden. Dem runden Tisch am
7. Dezember12 kommt plötzlich großes Gewicht zu.
Unerwartet emanzipiert hat sich das nicht demokratisch gewählte Parlament
der DDR. Der Regierung und hier vor allem ihrem Chef Hans Modrow kommt
größeres Gewicht zu. Es bleibt zu wünschen, dass er in dieser weiterhin verschärf-
ten Situation in der Lage sein wird, ein Umkippen der Verhältnisse zu verhindern.
Wunderbaldinger / Graf
der im arabischen, asiatischen und lateinamerikanischen Raum. Zweck der Geschäfte war die
Devisenerwirtschaftung durch Exporte. Das Lager in Kavelsdorf war am 2. Dezember 1989
von Zivilpersonen gestürmt worden.
12 Siehe Dok. 94.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99