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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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18.12.1989: Bericht Botschafter Frölichsthal Dok. 96 435 verweisen können. Der sozialistische Parteichef habe auch dem amerikanischen Präsidenten gegenüber  – sich von Andreotti distanzierend  – seine eigene Meinung zum Ausdruck gebracht: das Zweistaatenproblem solle nach dem Willen des deut- schen Volkes gelöst werden. Dieses müsse in die Lage versetzt werden, über seine Zukunft, seine Einheit und die Gestaltung seiner Einheit selbst zu entscheiden. Das müsse freilich in einem internationalen Kontext der Art erfolgen, dass keine negativen Auswirkungen einträten, und der ganze Prozess müsse sich in eine neue europäische Realität einfügen. Auf Andreottis Version „Eine Nation, zwei Staaten“ kam auch der stellvertre- tenden Ministerpräsident Martelli gegenüber seinen Gesprächspartnern in der Bundesrepublik Deutschland (Dregger, Schäuble, Brandt)6 zu sprechen: Die aus verschiedenen Äusserungen Ministerpräsident Andreottis hervorgehende Mei- nung zur deutschen Wiedervereinigung stelle nicht die offizielle Haltung der ita- lienischen Regierung dar, die sich übrigens mit diesem Problem bisher offiziell gar nicht befasst habe. Die einzige bisherige offizielle Aussage von Regierungsseite sei die Stellungnahme der Farnesina (vgl. oz. Bericht).7 Diese entspreche in etwa der Haltung des deutschen Aussenministers Genscher und liege zwischen der Vorei- ligkeit Kohls und der Zurückhaltung Andreottis. Unter dem Eindruck der Kritiken aus dem Inland und aus dem Ausland  – die italienische Presse brachte u. a. eine geharnischte Stellungnahme des Bundes- tagssprechers der CDU-CSU Eduard Lintner zu Andreottis „Aversion gegen die Selbstbestimmung des deutschen Volkes“8  – trat Ministerpräsident Andreotti aus seiner Reserve heraus und erklärte: Wenn er vor drei Jahren von zwei deut- schen Staaten gesprochen habe, dann sei das nichts Ungewöhnliches gewesen. Honecker habe sich damals gerade angeschickt, als Repräsentant Ostdeutsch- 6 Alfred Dregger, Wolfgang Schäuble, Willy Brandt. Zu Andreottis Äußerungen siehe Dok. 85, Anm. 12. 7 Siehe Dok. 85. Palazzo della Farnesina, der Sitz des italienischen Außenministeriums. 8 Siehe dazu als indirekte Wiedergabe: „Der eigenwillige Umgang des italienischen Politikers mit dem Selbstbestimmungsrecht rief nun den Protest von Eduard Lintner, dem deutschland- politischen Sprecher der CDU / CSU-Bundestagsfraktion, hervor. Andreottis Aussagen kann man nur mit Verwunderung registrieren. Andreotti will offenbar nicht einsehen, so sagte Lintner, daß niemand legitimiert sei, dem deutschen Volk das Recht auf Selbstbestimmung zu verwehren. Die deutsche Bundesregierung hat den europäischen Nachbarländern angeboten, gemeinsam im europäischen Rahmen den Weg zur Wiedervereinigung des deutschen Volkes konkret mitzugestalten. Wer dieses Angebot absichtlich ausschlägt oder als Möglichkeit einer Verhinderung des Selbstbestimmungsrechts mißbrauchen will, stärkt in der Bundesrepublik Deutschland jene Kräfte, die ohnehin immer den Zusicherungen der Verbündeten mißtraut und deshalb behauptet haben, zumindest einzelne Verbündete würden nicht daran denken, sich an jene Verpflichtungen zu halten, die sie gegenüber dem deutschen Volk in völkerrecht- lich verbindlicher Form eingegangen sind. Auch Andreotti muß bekannt sein, was er selber im Rahmen der EG, NATO und bei sonstiger Gelegenheit feierlich bekräftigt und unterschrie- ben hat. Doch sein jetziges Verhalten berechtigt zu Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit.“ Ralf Loock, „Separatistische Tendenz“. Andreotti kritisiert Bonner Politik, in: Das Preußenblatt, 6. Jänner 1990, S. 5.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
Titel
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Untertitel
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
Herausgeber
Michael Gehler
Maximilian Graf
Verlag
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
Ort
Göttingen
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-ND 4.0
ISBN
978-3-666-35587-5
Abmessungen
15.5 x 23.2 cm
Seiten
792
Kategorien
Geschichte Nach 1918

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
  2. I. Vorbemerkungen 7
  3. II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
    1. 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
    2. 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
    3. 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
    4. 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
    5. 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
  4. III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
    1. 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
    2. 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
    3. 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
    4. 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
    5. 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
    6. 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
    7. 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
    8. 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
  5. IV. Editorische Vorbemerkungen 99
    1. Verzeichnis der Dokumente 103
    2. Dokumente 111
    3. Abkürzungsverzeichnis 723
    4. Literaturverzeichnis 731
    5. Personenregister 735
    6. Sachregister 773
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