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18.12.1989: Bericht Botschafter Frölichsthal
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Dok. 96
lands einen Besuch in Westdeutschland zu absolvieren. Nun aber stehe Andreotti
völlig auf dem Boden der Deutschlanddoktrin des jüngsten Strassburger EG-
Gipfels,9 die er selbst mitgestaltet habe.
Um jegliche Unklarheit in diesem Zusammenhang zu beseitigen, formulierte
Aussenminister De Michelis, unter ausdrücklicher Berufung auf eine vorherige
Abstimmung mit Ministerpräsident Andreotti, die „italienische Doktrin zur
deutschen Wiedervereinigung“ und liess sich diese vom Ministerrat bestätigen:
1) Der Wunsch des deutschen Volkes nach Wiedervereinigung kann nur unter
vollständiger Beachtung der bestehenden Verträge und Abmachungen sowie aller
in Helsinki vereinbarten Prinzipien (Unverletzlichkeit der Grenzen bzw. Gren-
zänderungen nur einvernehmlich usw.) erfüllt werden.
2) Der Wiedervereinigungsprozess muss mit dem Willen der Bevölkerung der
DDR im Einklang stehen
3) Die Annäherung zwischen den beiden deutschen Staaten kann nur schritt-
weise erfolgen und muss in enger Verbindung zum europäischen Integrations-
prozess stehen.
4) Die Demokratisierung im Osten und der Abschluss der Wiener Abrüstungs-
verhandlungen werden die Voraussetzungen für eine zweite Helsinki-Konferenz
schaffen. Die dadurch erhöhte Sicherheit werde den Einigungsbestrebungen des
deutschen Volkes entgegenkommen.
Aussenminister De Michelis fügte noch hinzu – Andreotti unterstrich es an
anderer Stelle –, dass die einzige veränderbare Grenze die deutsch-deutsche sei,
die durch eine Wiedervereinigung beseitigt würde.
Schenkt man den Meinungsumfragen Glauben, dann kann man unter der
italienischen Bevölkerung eine massive Unterstützung der deutschen Wiederver-
einigung (zwischen 70 % und 80 %) feststellen.
Der Botschafter:
Frölichsthal
9 Der EG-Gipfel in Straßburg hatte am 8. und 9. Dezember 1989 stattgefunden. Die „Schlußfol-
gerungen des Rates“ in dieser Frage lauteten: „Wir streben die Stärkung des Friedens in Europa
an, in dem das deutsche Volk in freier Selbstbestimmung seine Einheit wiedererlangt. Dieser
Prozeß muß sich auf friedliche und demokratische Weise, unter Wahrung der Abkommen
und Verträge sowie sämtlicher in der Schlußakte von Helsinki niedergelegten Grundsätze
im Kontext des Dialogs und der Ost-West-Zusammenarbeit vollziehen. Er muß auch in die
Perspektive der europäischen Integration eingebettet sein.“ Europa-Archiv 1990, D 5–D 18,
hier D 14.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99