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20.12.1989: Gespräch Mock – Hurd
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Dok. 98
AM Hurd erklärt, dass es klar sei, dass Österreich mit Ungarn und Polen nicht
in einem Atemzug genannt werden könne, Österreichs demokratische Tradition
sei „much admired“. Der österreichische Antrag werde sicher nicht diskriminie-
rend behandelt, aber selbst dann werde das Verfahren langsam vor sich gehen, da
die EG durch die Verwirklichung des Binnenmarktes weitgehend in den nächsten
Jahren eine „great work load“ habe. Der Antrag werde „reasonable proper treat-
ment“ erhalten, „I can’t go further at this stage“.
Botschafter Scheich3 verweist auf Notwendigkeit, das „Momentum“ der Ver-
handlungen zu bewahren, um in der Öffentlichkeit den Eindruck einer Verzö-
gerung oder Verschiebung des Beitrittes zu vermeiden. AM Mock verweist auf
österreichisches Interesse, bereits vor dem Beitritt in einzelnen Bereichen mit den
EG zusammenzuarbeiten (europäische Umweltorganisation, europäisches Wäh-
rungssystem, Forschungsprojekte und -programme).
Auf die Frage der Neutralität ging AM Hurd nicht näher ein. HBM erläutert
dazu den österreichischen Standpunkt und zeigt (z. B. österreichischer Beitritt
zur UNO) die Möglichkeit der Vereinbarkeit von Neutralität und übernomme-
nen rechtlichen Verpflichtungen auf. Aufgrund eines „bona-fide“-Abkommens
könnte die Problematik überbrückt werden.
Botschafter Scheich verweist darauf, dass eine derartige Regelung nur für den
hypothetischen Fall erforderlich sei, dass das Neutralitätsrecht angesprochen
wird, das sehr genau definierte Verpflichtungen enthalte. Eine pragmatische Lö-
sung sei sicher zu finden, wenn auch nicht alle Fälle der Zukunft vorausgesehen
werden können.
AM Hurd unterstreicht die Bedeutung der EPZ für die EG und fragt, ob dies-
bezügliche Probleme gesehen werden.
BM Mock erläutert die bereits vorhandene Mitwirkung Österreichs an der
EPZ4 und verweist auf die bisherige Erfahrung, wonach alle EG-internen Be-
schlüsse und auch alle UNO-Abstimmungen von Österreich mitgetragen werden
könnten. Die österreichische Mitwirkung hätte im gegenwärtigen Rahmen kei-
nerlei Probleme und könnte sogar noch darüber hinausgehen.
Undersecretary Ratford5 fragt nach Problematik von Sanktionen etwa gegen
Libyen und Iran.
Botschafter Scheich verweist einerseits darauf, dass Sanktionen aus menschen-
rechtlichen Gründen die Neutralität nicht berühren sowie darauf, dass Österreich
UNO-Sanktionen mittragen könnte und nur einen bescheidenen „Manövrier-
raum“ für hypothetische Fälle benötige, da auch innerhalb der EG diesbezüglich
nicht immer Einstimmigkeit bestünde.
3 Manfred Scheich, Leiter der wirtschaftspolitischen Sektion (Sektion III) im BMAA (1987–1993),
siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
4 Siehe Dok. 51b, Anm. 3.
5 David Ratford, Assistant Under-Secretary of State im Außenministerium Großbritanniens,
siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99