Seite - 451 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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22.12.1989: Bericht Botschafter Wunderbaldinger Dok. 103
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nach Kohl3 und fährt vor Öffnung des Brandenburger Tores, an der Kohl teil-
nimmt.4
Trotzdem scheinen beide Seiten mit den bisher vorliegenden Ergebnissen zu-
frieden zu sein.
Mitterrand wurde direkt – noch vor der offiziellen Information aus Bonn –
vom Ergebnis der Gespräche Kohl / Modrow in Kenntnis gesetzt.
Für die derzeitige Regierung Modrows ist dieser Besuch sowie der des ame-
rikanischen Außenministers5 vergangene Woche in Potsdam ein Zeichen, dass
man bei der notwendigen und gewünschten Hilfe nicht allein auf den Bruder
in der BRD angewiesen ist. Besonders wurde hervorgehoben, dass Mitterrand
in dreifacher Funktion, als Staatsoberhaupt Frankreichs, als Vertreter einer der
westlichen Siegermächte des 2. Weltkrieges und als Präsident der Europäischen
Gemeinschaft6 im Gegensatz zu Kohl, Berlin, Hauptstadt der DDR besuchte.7
Mitterrand unterstrich mit seinem Besuch die Verantwortung Frankreichs als
Siegermacht für Deutschland. Er sprach sich für das Selbstbestimmungsrecht der
Deutschen aus, erklärte jedoch, dass ohne Vertrauen der Europäer einschließlich
der Sowjetunion es die deutsche Einheit nicht geben kann.8 Frankreich werde
sich der Wiedervereinigung der deutschen Staaten nicht widersetzen, wenn die
Deutschen sie wollten. Jedoch nur freie, offene und demokratische Wahlen er-
lauben es zu wissen, was die Deutschen auf beiden Seiten wollen. Derzeit garan-
tieren die beiden Militärbündnisse das Gleichgewicht in Europa, das nach seiner
Auffassung nicht verletzt werden dürfe. Diese Realitäten können von den Deut-
schen nicht einfach ignoriert werden. Der pragmatische Ansatz9 der Vertrags-
gemeinschaft, die Kohl und Modrow in Dresden anstrebten, wurde von ihm als
Schritt gelobt, der ebenso zu einer echten Selbstständigkeit der DDR führen kann,
wie zur Einheit der Deutschen in einem Staat. Diese Vertragsgemeinschaft bilde
die beste Gewähr, dass der Prozess kontrollierbar bleibt und dass er mit den Nach-
barn in Ost und West abläuft und nicht gegen sie.
Mitterrand lobte den Umbruch, dessen Geschwindigkeit und Reife die ganze
Welt beeindrucke. Allerdings könne kein Land sein politisches System einem an-
deren aufzwingen. Er betonte die Unverletzlichkeit der Grenzen und verwies auf
die Rolle Frankreichs als europäische Ordnungs- und Friedensmacht, wobei er in
diesem Zusammenhang den Vorschlag unterbreitete, den nächsten KSZE-Gipfel
in Paris zu veranstalten, nachdem der KSZE-Prozess 1976 [sic!] so viele erfreuliche
Veränderungen in Osteuropa brachte.
3 Kohl besuchte die DDR vom 19. bis 20. Dezember 1989. Siehe Dok. 101–102.
4 Siehe dazu Dok. 101, Anm. 3.
5 James Baker traf am 12. Dezember mit Modrow zusammen. Siehe Dok. 95, Anm. 6.
6 Frankreich hatte im zweiten Halbjahr 1989 den EG-Ratsvorsitz inne.
7 Dieser Satz wurde am Seitenrand handschriftlich markiert.
8 Dieser Satz wurde am Seitenrand handschriftlich markiert.
9 Nebst Unterstreichung auch handschriftliche Markierung am Seitenrand.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99