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9.1.1990: Abschlussbericht Botschafter Wunderbaldinger Dok. 105
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Kirchen
Daß es zu diesem friedlichen Umsturz des politischen Systems kam, ist Ausdruck
der politischen Reife der Menschen, die es bewirkten. Daran haben die Kirchen,
unter deren schützendem Dach die politische Moral der aus der Friedens
bewegung
hervorgegangenen Protestbewegung geformt wurde, einen wesentlichen Anteil.
Parteien
Die durch die Nationale Front mit der SED verbundenen „Blockparteien“ haben
dieses Bündnis, allen voran die CDU, verlassen. Die SED7 und die CDU haben
auf vorverlegten Sonderparteitagen neue Vorsitzende gewählt,8 die LDPD9 und
die DBD10 werden dies Ende Jänner bzw. Anfang Februar machen. Die NDPD hat
in einer erweiterten Parteileitungssitzung einen neuen Vorsitzenden bestimmt.11
Auf Veranstaltungen der SED und der ehemaligen Blockparteien, die sich nun
auf ungewohnte Weise gegeneinander zu profilieren suchen, kann man die selbst-
kritische Einsicht hören, daß die Wende leider nicht von der Partei sondern vom
Volk ausgegangen sei.
Die SED ist in der Gesellschaft so gescheitert, wie der Begriff Sozialismus in der
Gesellschaft diskreditiert ist. Sie hat binnen weniger Monate eine halbe Million
Mitglieder verloren. Amtsmißbrauch und Korruption und die persönlich statt-
gefundene Feststellung, daß der Lebensstandard des anderen Deutschlands weit
höher ist als der eigene, obwohl man auch hier 40 Jahre fleißig arbeitete, haben
das Volk in Wut und Empörung versetzt und teilweise zu Übergriffen auf Ämter
und Bedienstete, besonders Parteizentralen und Staatssicherheitsbüros, geführt.
Eine Erneuerung, deren Notwendigkeit die Partei unter ihrem neuen Vorsitzen-
den Rechtsanwalt Dr. Gregor Gysi angesichts der schwindenden Mitgliederzah-
len eingesehen hat, kann jedoch nur auf dem Weg einer völligen Umgestaltung
der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Institutionen erfolgen.
Die SED, seit dem außerordentlichen Parteitag SED-PDS (Partei Demokratischer
Sozialismus)12 hat in der Praxis die Zügel fest in der Hand. Dies trifft nicht nur
bei Regierung und Staat, Militär, Polizei und Sicherheitsbehörden, sondern auch
beim Wirtschafts- und Informationswesen zu. Sie hat zwar die Führung personell
erneuert und sich zu einem Programm des „humanen Sozialismus“ verpflichtet,
7 Siehe dazu Dok. 93 und 97.
8 Lothar de Maizière wurde am 16. Dezember 1989 auf einem zweitägigen Sonderparteitag zum
Vorsitzenden gewählt.
9 Die LDPD hielt vom 9. bis 10. Februar 1990 einen außerordentlichen Parteitag, ab auf dem
die Umbenennung in LPD beschlossen wurde. Rainer Ortleb folgte Manfred Gerlach als Vor-
sitzender nach.
10 Die DBD hielt vom 27. bis 28. Jänner einen außerordentlichen Parteitag ab, auf dem Günter
Maleuda als Parteivorsitzender wiedergewählt wurde.
11 Die 6. Tagung des NDPD-Hauptausschusses am 7. November 1989 hatte den bisherigen Stell-
vertreter Günter Hartmann zum neuen Vorsitzenden gewählt. Er wurde am vom 20. bis
21. Jänner 1990 stattfindenden 14. außerordentlichen Parteitag durch Wolfgang Glaeser er-
setzt, der bereits am 23. Jänner wieder zurücktrat.
12 Korrekt: Partei des Demokratischen Sozialismus.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99