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9.1.1990: Abschlussbericht Botschafter Wunderbaldinger Dok. 105
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neuerung der politischen Struktur der DDR sich nicht konsolidieren kann, wenn
sie vom Nationalismus und Materialismus der Massen überholt wird. Dafür gibt
es schon wieder Anzeichen. Überhaupt ist die Nationale Frage in der DDR viel vi-
rulenter als in der BRD, weil viele hier angesichts der ökonomischen Rückstände
und des politischen Vakuums nur noch in der Vereinigung eine Zukunft zu Leb-
zeiten sehen.
Eine Vorhersage über den Wahlausgang vermag ich heute nicht zu geben, da
noch nicht einmal das Wahlrecht bekannt ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird
aber keine Partei viel über 20 % erhalten können.
Außenpolitik
Die Übergangsregierung Modrow ist naturgemäß mehr mit den innerdeutschen
Beziehungen als mit Außenpolitik beschäftigt. Sie versucht daher den Status quo
aufrechtzuerhalten, hat jedoch als neuen Schwerpunkt in ihrer Außenpolitik
Europa.16
Das künftige Haus Europa17 muß ein Haus gemeinsamer Sicherheit werden.
Sie tritt für die Schaffung systemübergreifender politischer Strukturen der Ko-
operation sowie einen ständigen Dialog ein.
KSZE
Der KSZE-Prozeß wird unterstützt, da er auch zur Überwindung der Spaltung
Europas beitragen kann. Ein Gipfeltreffen „der 35“ wird befürwortet, Wien als
Austragungsort war bis zum Besuch Mitterrands Favorit.18
Abrüstung
Die Voraussetzungen haben sich nach Ansicht der DDR wesentlich verbessert. Sie
ist auch bereit, im Jahre 1990 weitere Vorleistungen zu erbringen.
EG und Binnenmarkt
Die DDR will zur EG möglichst bald Beziehungen aufnehmen. Ein Verhandlungs-
mandat wurde ihr angeblich seitens Frankreichs in Aussicht gestellt.19 Der Bin-
nenmarkt wird einerseits als Herausforderung, andererseits aber auch als große
Chance angesehen.
BRD
Berechenbare, stabile Beziehungen zwischen beiden Staaten werden als Voraus-
setzung des Friedens in Europa angesehen. Die Regierung strebt mit der BRD
eine Vertragsgemeinschaft, die über den Grundlagenvertrag hinausgeht, an. Das
Selbstbestimmungsrecht als sozialer, souveräner Staat wird für die Bürger der
DDR ausdrücklich anerkannt.
16 Das Wort „Europa“ wurde bereits durch Wunderbaldiger hervorgehoben.
17 Hierbei handelt es sich um eine Anspielung auf Gorbatschows „Gemeinsames Haus Europa“.
Siehe dazu Dok. 20, Anm. 25.
18 Mitterrand besuchte vom 20. bis 22. Dezember 1989 die DDR und zwar Ost-Berlin und Leip-
zig. Im Rahmen seines Besuches brachte er Paris als möglichen Veranstaltungsort der kom-
menden KSZE-Gipfelkonferenz ins Spiel. Siehe Dok. 103.
19 Siehe dazu bereits Dok. 103, und dort auch Anm. 10 sowie Dok. 104, Anm. 7.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99