Seite - 463 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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10.1.1990: Bericht Botschafter Grubmayr Dok. 106
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5) Die Frage der Wiedervereinigung kann keine Frage von heute auf morgen sein.
Wenn man sich ein vereinigtes Deutschland vorstellt, so tauchen eine Unzahl von
Fragen auf, die vorläufig ungelöst sind. Er erwähnte in diesem Zusammenhang
die Erkenntnisse des deutschen Bundesverfassungsgerichtes betreffend des Wei-
terbestandes des Deutschen Reiches.6 Ein solches Deutsches Reich wäre dann an
die vertraglichen Verpflichtungen, die die Bundesrepublik auf sich genommen
hat, nicht gebunden. So habe Bundeskanzler Adenauer 1955 in einem side-letter
zu den Pariser Verträgen7 auf die Entwicklung von Atomwaffen verzichtet. Ein
wiedervereinigtes Deutschland könne dann also z. B. in Verletzung dieser ver-
traglichen Bestimmungen Atomwaffen erzeugen?
6) Bevor solche Entwicklungen überstürzt eintreten, müssten die anderen euro-
päischen Staaten Garantien für die Zukunft erhalten. Hierbei berührt er auch das
Problem der polnischen Westgrenzen und stellte die gegensätzlichen Auffassun-
gen von BK Kohl und AM Genscher zu dieser Frage als wesentliches Element für
die durch die gegenwärtige Situation ausgelösten Unsicherheiten hin. (Er zitierte
hierbei Genscher: „Wer die Frage der Grenzen offenlässt, der verschließt den Weg
zur deutschen Einheit.“)8
7) Herr Bondarenko nahm das Wort „Kommunismus“ oder „Sozialismus“ nicht
ein einziges Mal in den Mund, sprach auch kein Wort über die Zukunftschancen
der SED-PDS. Seine Gedankengänge bewegten sich ganz eindeutig in den Gleisen
traditioneller Machtpolitik, wobei er mehrmals „alle vernünftigen Politiker West-
europas“ (darunter nannte er auch MP Thatcher) als Zeugen dafür zitierte, dass
die europäische Stabilität nicht zugunsten einer überhasteten Wiedervereinigung
Deutschlands gefährdet werden darf. Niemand wolle die Deutschen unterjochen
oder sie irgendeiner Sache berauben, aber das deutsche Problem könne wie die
Geschichte zeigt, nicht isoliert betrachtet und behandelt werden.
8) Auf eine gleich zu Beginn unserer Unterhaltung gestellte diesbezügliche Frage
Bondarenkos ließ ich mich hinsichtlich der österreichischen Haltung zur deutsch-
deutschen Frage im Sinne des letzten Absatzes des da. Erl. Zl. 22.17.01/8-II.1/899
6 Gemeint ist das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zum Vertrag über die Grundlagen der
Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR vom 31. Juli 1973. Siehe Dok. 61,
Anm. 6.
7 Siehe dazu Dok. 63, Anm. 4.
8 Es konnte nicht eruiert werden, wann und ob diese wörtliche Aussage Genschers gefallen ist.
In seinen Memoiren hielt Genscher für diesen Zeitraum fest: „In der Tat sah ich in der Ver-
bindung des Selbstbestimmungsrechts mit der Unverletzlichkeit der Grenzen seit langem
schon eine unverzichtbare Voraussetzung für die Lösung der deutschen Frage.“ Hans-Dietrich
Genscher, Erinnerungen, Berlin 1995, S. 690. Mit Blickrichtung Polen hatte er dies vor der
UN-Vollversammlung in New York am 27. September 1989 klargestellt. Siehe dazu bereits
Dok. 69, Anm. 22.
9 Für die Sprachregelung des BMAA siehe Dok. 69.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99