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24.1.1990: Bericht Botschafter Binder
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Dok. 110
eine Entwicklung eingetreten ist, die immer schwerer zu beherrschen sei. Die Re-
gierung sehe derzeit als ihre wichtigste Aufgabe an, die Stabilität im Land zu wah-
ren. Im Grunde genommen wird nur von Woche zur Woche regiert und was in
zwei bis drei Wochen passiert, sei einfach unvorhersehbar. Die seinerzeitige Vor-
aussage, dass bei den Wahlen die SED etwa 35 % und die anderen Blockparteien ca.
7 % erhalten würden sei längst überholt. Es hat sich gerade in den letzten Tagen ge-
zeigt, dass die Situation eine Eigendynamik entwickelt hat, die von der Regierung
nicht leicht zu kontrollieren ist. In einer Gemeinde habe sich der, der SED ange-
hörige Bürgermeister so bedroht gefühlt, dass er in die BRD ausgewandert ist.2 In
zwei Kreisen habe die SED keine Leitung mehr und sei praktisch aufgelöst. Echte
Besorgnis klang aus seinen Worten auch bezüglich der Rechtsextremisten wobei
er meinte, dass diese bei der Wahl am 6. Mai3 nicht unter 15 % erhalten werden.
Auch auf wirtschaftlichem Gebiet sehe die Situation nicht gut aus. ⅔ der
Wirtschaft sind an die Länder des RGW gebunden und von dort gebe es kaum
mehr, wie er sagte, Kräftezuwachs. So habe etwa die Sowjetunion erklärt, dass
sie nicht in der Lage ist im ersten Quartal die Erdöllieferungen, so wie vereinbart,
durchzuführen.
Herr Modrow ersuchte, dass Österreich der DDR ebenso wie Polen und
Ungarn,4 wirtschaftliche Unterstützung gewährt, um mitzuhelfen, hierzulande
die politische Stabilität zu gewähren und mitzuhelfen, dass die DDR nicht alleine
an die BRD gebunden wird. Der Mitredner sagte wörtlich, dass sein „Job hier im-
mer schwerer werde“.5 Er versuche zwischen den verschiedenen Kräften einen
Ausgleich zu finden. Was die Volkspolizei und die Streitkräfte betrifft, bestehe bei
diesen eine gewisse Unsicherheit. Deren Einsatz wäre in der derzeitigen Situation
äußerst problematisch. Der Ministerpräsident meinte: „In der derzeitigen Situa-
tion schließe ich nichts aus“. Er setzt große Hoffnung auf die Gespräche mit dem
Herrn Bundeskanzler6 und das in Kürze stattfindende Treffen mit BK Kohl7
und glaubt daraus eine gewisse Stabilisierungswirkung auf die DDR ableiten zu
können. Er betrachte sich als eine „Figur des Überganges“, wobei er hofft, bis zum
6. Mai, dem Wahltag, über die Runden zu kommen. Was nachher sein wird, sei
unmöglich vorherzusagen.8
2 Der Name des Bürgermeisters konnte nicht ausfindig gemacht werden.
3 Der zunächst beabsichtigte Wahltermin für die Volkskammerwahlen am 6. Mai 1990 wurde
schließlich auf 18. März 1990 vorverlegt.
4 Im November 1989 hatten Bundeskanzler Franz Vranitzky und Finanzminister Ferdinand
Lacina die Bildung eines „Ost-West-Fonds“ in der Höhe von fünf Milliarden Schilling ange-
kündigt. Dieser sollte Garantien bei der Umwandlung der Schulden osteuropäischer Länder in
Beteiligungen österreichischer Firmen in diesen Ländern übernehmen. Von der Konstruktion
her war der Fonds insbesondere auf Polen zugeschnitten, es sollten aber auch Garantien für
andere Länder, darunter die DDR, übernommen werden. Siehe dazu bereits Dok. 78, Anm. 13.
5 Dieser Satz wurde am Seitenrand handschriftlich markiert.
6 Siehe Dok. 111 und 112.
7 Modrow und Kohl kamen bereits am 3. Februar 1990 in Davos zu einem Gespräch zusammen.
Der Besuch Modrows in Bonn erfolgte am 13./14. Februar 1990. Siehe Dok. 123.
8 Dieser Satz wurde am Seitenrand handschriftlich markiert.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99