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5.2.1990: Aktenvermerk Botschafter Schmid
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Dok. 117
12) Schewardnadse habe sich also für ein einheitliches, friedliebendes Deutsch-
land ausgesprochen, das aber das europäische Gleichgewicht nicht stören
und keine Gefahr für seine Nachbarn darstellen dürfe.
Der Herr Bundesminister erwiderte:
1) Österreich sehe für sich keine besondere Beziehung zu diesem Problem,
welche über dessen Bedeutung für alle europäischen Staaten hinausgehen
würde.
2) Der Eindruck der Bevormundung der Deutschen müsse vermieden wer-
den, daher sei auch die Idee eines internationalen Referendums nicht
zielführend.
3) Es stehe außer Frage, daß die Entwicklung unter voller Respektierung der
bestehenden Verträge und der Schlußakte von Helsinki vor sich gehen
müsse. Der KSZE-Prozeß biete Ansatzpunkte für eine neue Sicherheits-
partnerschaft in Europa. Die Bereitschaft der BRD-Politiker, diesen euro-
päischen Rahmen zu beachten, sollte genützt werden.
Schikin kam dann auf kritische Bemerkungen des HBM zur Frage der Neutra-
lisierung Deutschlands9 zu sprechen und wies darauf hin, daß die Sowjetunion
den Eintritt der DDR in die NATO nicht hinnehmen könnte. Der HBM stimmte
zu, daß keine Verschiebung des Gewichtes der militärischen Allianzen erfolgen
sollte. Andererseits wäre eine Entlassung Deutschlands aus seinen Bindungen
durch Neutralisierung gefährlich. Botschafter Schikin wies neuerlich auf die Ver-
antwortung der vier Alliierten hin und meinte, daß im Falle einer Vereinigung
auch ein Friedensvertrag geschlossen werden müsse.
Der HBM bekannte sich abschließend zu einer Überwindung der Grundhal-
tung nach dem II. Weltkrieg (Überführung aus einem System der Patronanz über
Deutschland in einen Status der Normalität) und setzte sich dafür ein, daß dieser
Prozeß konfliktfrei erfolgen solle.
Wien, am 6. Februar 1990
E. M. Schmid m. p.
9 Alois Mock hatte die von Modrow vorgeschlagene Neutralisierung bzw. Neutralität eines ge-
einten Deutschlands in einem Fernsehinterview als „irreal“ und „nicht verwirklichbar“ be-
zeichnet. Dies sorgte auch für innerösterreichische Kontroversen. SPÖ-Klubobmann Heinz
Fischer forderte eine „sorgfältige Prüfung des Plans“, im Kabinett von Bundeskanzler Franz
Vranitzky soll man über die frühe Festlegung Mocks „gelinde gesagt erstaunt“ gewesen sein.
Vgl. Peter Pelinka, Modrow-Plan erregt auch Wien. Harte Kritik an Stellungnahme von
Außenminister Alois Mock, in: Neue AZ – Wiener Tagblatt, 3. Februar 1990. Weiterführend
dazu: Gehler, Eine Außenpolitik der Anpassung an veränderte Verhältnisse, S. 512–515.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99