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6.2.1990: Bericht Gesandter Loibl Dok. 118
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Aus diesen Überlegungen ist Modrows Besuch in Bonn, der Ministerpräsi-
denten tendenziell aufwertet, eigentlich unwillkommen, wird aber aus Rücksicht
auf die ihn begleitende Opposition (8 bis 9 Minister ohne Portefeuille) nicht ab-
gesagt. Protokoll wird allerdings niedrigstmögliche Stufe haben.
Am wichtigsten ist lt. Gesprächspartner rasche Gestaltung der Wirtschafts-
und Währungsunion nach DDR-Wahl, was jedoch vermutlich nicht so rasch ge-
hen würde: erst müsse sich neue DDR-Regierung formieren, das Regieren lernen
usw. Voraussetzung einer Währungsreform durch Einführung der West-Mark
wären nach hiesigen Fachministerien darüber hinaus durchgreifende marktwirt-
schaftliche Reformen! – somit eine kurz- und mittelfristig fast ausweglose Situa-
tion. Zudem verfüge konsolidierte und gestärkte SED über gute Wahlposition: sie
habe nach eigenen Angaben noch 800.000 Mitglieder und darüber hinaus Sym-
pathisanten, die „um ihr Leben wählen“ würden, was bei 9 Mio. Wahlberechtig-
ten mindestens 10 Proz. der Stimmen ausmache. SED spiele zudem geschickt mit
Angst der Rentner, die etwa weitere 15 Proz. der Wähler ausmachten („Kapita-
lismus = soziale Einbußen“ bei Mieten, Renten, Sparguthaben usw.) und werde
bis Wahltermin auch noch auf soziale Marktwirtschaft und Konföderation ein-
schwenken – um sich dadurch koalitionsfähig zu machen.
Pessimistischer Gesprächspartner rechnet daher mit 15 bis 20 Proz. für SED
und etwa 30 Proz. für SPD. Rest würde sich auf übrige, zersplitterte und schlecht
organisierte, Parteien verteilen (Quorum von 1000 Unterschriften für Wahllisten
lt. Wahlrechtsgesetzentwurf sei zudem zu hoch).
Alle Parteien in der DDR (noch mit Ausnahme der SED) treten für deutsche
Einheit über Konföderation, meist auch Neutralität und Entmilitarisierung ein.
Modrow habe diese Vorstellung in mit Moskau abgesprochenem Vorschlag11 zu-
sammengefasst und dabei, zum Teil wörtlich, auf DDR / sowjetische Gedanken
aus 1956/57 zurückgegriffen.12 Von Neutralität sei er angesichts geschlosse-
ner Ablehnung in BRD etwas abgerückt,13 u. a. um nicht in DDR als bewusster
Verhinderer deutscher Einheit zu erscheinen: dennoch räumt Gesprächspart-
ner ein, dass in DDR-Bevölkerung nach WP-Erfahrungen wenig Begeisterung
für „NATO-Eintritt“ vorhanden sein dürfte. Nach Ansicht der Botschaft könnte
Neutralisierungsgedanke auch in BRD zu stärkeren Auseinandersetzungen füh-
ren, wenn andernfalls Vereinigung daran scheitern sollte. Betonung der NATO-
Mitgliedschaft zwar im eigenen BRD-Interesse (auch Gesamtdeutschland würde
nicht gerne zwischen SU und Rest-NATO geraten), soll aber vor allem westlichen
Verbündeten und kleineren osteuropäischen Staaten Furcht vor Deutschland
nehmen.
11 Siehe dazu Dok. 115–116.
12 Siehe dazu bereits Dok. 84, Anm. 9.
13 Siehe Dok. 116, Anm. 5.
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Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99