Seite - 507 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
Bild der Seite - 507 -
Text der Seite - 507 -
9.2.1990: Bericht Gesandter Loibl Dok. 120
507
Der AA-Vertreter ist von seinen Äußerungen zur Ausbildung und Bündnis-
treue der deutschen Offiziere innerlich überzeugt. Dennoch können, wie die heu-
tigen deutschland- und europapolitischen Entwicklungen belegen, unvorher-
sehbare Entwicklungen auch Undenkbares möglich machen. Und die ständigen,
bemühten Bonner Versicherungen von NATO-Treue und Ablehnung der Neutra-
lität müssen als Mittel zum Ziel der Erleichterung der deutschen Einheit gewertet
werden
– sind es aber deshalb nur Schutzbehauptungen, die über eine längere hi-
storische Periode ebenso Makulatur würden wie die Überzeugung von der „deut-
schen Frage, die nicht auf der TO der Geschichte steht“?
Die Stationierung deutscher Truppen in der DDR würde lt. AA Probleme auf-
werfen: wann würde der sog. „Bündnisfall“ eintreten? Würde die gemeinsame
Verteidigungsverpflichtung an der Oder-Neisse oder an der heutigen deutsch-
deutschen Grenze ausgelöst? Mangels einer drohenden Gefahr seien dies zwar
theoretische Fragen, die aber eines Tages im Bündnis beantwortet werden müssten.
Gorbatschows deutschlandpolitischer Wandel belege die normative Kraft des
Faktischen; Modrow habe ihm gewiss den bevorstehenden totalen Systemzusam-
menbruch in der DDR klar gemacht (als MP Späth18 bei seinem DDR-Besuch vor
etwa 10 Tagen einen Zusammenbruch befürchtete, habe ihm Modrow geantwor-
tet, „wir stehen schon mitten darin“).19
Bonn argumentiere gegenüber Moskau, dass die Entwicklung aus folgenden
Gründen auch im SU-Interesse liege:
– Die Bundeswehr schrumpfe
– Die Masse der ausländischen Truppen in der BRD ziehe ab (einige, wie Bel-
gien und Holland, aufgrund einseitiger Beschlüsse)
– Deutschland in der NATO sei eine Sicherheitsgarantie für die SU, nicht zu-
letzt angesichts der weiter bestehenden besonderen Supermachtsbeziehungen
(Moskau hätte also über die NATO-Führungsmacht USA Einflussmöglichkeiten
auf ein NATO-gebundenes Deutschland)
– Die DDR bleibe frei von westlichen Streitkräften (ausgenommen kleinere
Einheiten des deutschen Territorialheeres), während die sowjetischen Streitkräfte
schrittweise zurückgezogen würden.
– Ein neutrales Deutschland liege in niemandes Interesse: Da Neutralität im
Spannungsfeld anderer Systeme stehe, könnte ein geeintes neutrales Deutschland
ein schwankender Instabilitätsfaktor werden (weder Polen noch die ČSSR wollten
z. B. derzeit ein neutrales Deutschland)
18 Lothar Späth, Ministerpräsident von Baden-Württemberg (1978–1991), siehe Personenregis-
ter mit Funktionsangaben.
19 Späth und Modrow waren am 2. Februar 1990 in Berlin zusammengetroffen. Vgl. dazu Hans-
Peter Mengele, Wer zu Späth kommt … Baden-Württembergs außenpolitische Rolle in den
Umbruch-Jahren, Tübingen / Stuttgart 1995, S. 198–203; Neues Deutschland, 3. Februar 1990,
S. 1. Späth übermittelte seine Eindrücke angeblich telefonisch an das Kanzleramt, was die Ent-
scheidung zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion beschleunigte und auch Gegenstand
des Treffens Kohl-Modrow in Davos am 3. Februar 1990 (siehe dazu Dok. 104, Anm. 6) war.
zurück zum
Buch Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit"
Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99