Seite - 519 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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19.2.1990: Bericht Gesandter Loibl Dok. 125
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Schlecht betonte, Bonn dürfe nicht den Eindruck erwecken, als dränge es die
DDR zur Einheit; er räumte gleichzeitig ein, dass der DDR-Wahlkampf fast durch
bundesdeutsche Politiker bestritten und die krisenhafte Situation im Lande täg-
lich schlechter würde. Die – aus bundesdeutscher Sicht verständliche – Verwei-
gerung einer solidarischen Soforthilfe (über bereits beträchtliche Zahlungen wie
Devisenreisefonds usw. hinaus) könnte freilich aus Sicht der Botschaft der DDR-
Bevölkerung ein Zusammengehen mit der BRD zwecks rascher Einlösung ihrer
Wohlstandserwartung dringlicher nahelegen. Aber wer drängt dann eigentlich
–
die Bundesregierung oder die DDR-Bevölkerung?
Die Botschaft ist sich nicht sicher, wie weit die konkreten Überlegungen über
die der DDR angebotene Währungs- und Wirtschaftsunion in der BRD bereits
gediehen sind. Schlecht verwies auf den seinerzeitigen Beitritt der Saar mit der
vom Bundestag datumsmäßig festgelegten Geltung des Grundgesetzes für das
Saarland; die tatsächliche Übernahme des bundesdeutschen Rechtes erstreckte
sich dann über etwa 3 Jahre.7 Mindestens so lange Übergangsregelungen wä-
ren auch für die DDR notwendig, und die Frage scheint berechtigt, ob nicht ent-
sprechende Übergangsvereinbarungen auch im Verhältnis zur EG getroffen (aus-
gehandelt) werden müssten. Der ebenfalls anwesende, für den EG / EFTA-Prozess
zuständige Ministerialrat Dr. Streit8 fragte jedenfalls laut, ob nicht auch in ein
EG / EFTA-Abkommen entsprechende Anpassungs- und Übergangsbestimmun-
gen betreffend die DDR aufgenommen werden müssten.
Die Saar war aber ein verhältnismäßig kleines Land (1 Mio. Einwohner) mit
marktwirtschaftlichem System; die DDR dürfte hier Probleme ganz anderer Grö-
ßenordnungen stellen, wozu nicht zuletzt die Frage kommt, ob und inwieweit die
Eingliederung einer 40 Jahre sozialistisch geschulten Bevölkerung ideologisch-
soziale Reibungen und politische Bewusstseinsveränderungen dieser neuen Ge-
samtnation bewirken würde?
Staatssekretär Schlecht hielt die Einführung der DM als gesetzliches Zahlungs-
mittel in der DDR zum Scheitern verurteilt, sofern nicht mindestens gleichzeitig
umfassende Reformen in Richtung Marktwirtschaft durchgeführt werden: wenn
diese Reformen nicht auch sofort „bis in die letzten Verästelungen“ erfolgen müs-
sten, gehörten hiezu jedenfalls Wettbewerb, Preisfreigabe und Subventionsabbau,
Gewerbefreiheit, Zulassung von Privateigentum, Aufbau eines privatrechtlichen
7 Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Saarland ein Teil der französischen Besatzungs-
zone. Zwischen 1947 und 1956 war es als Teil der französischen Militärregierung im besetzten
Deutschland einer eigenen Behörde unterstellt. Am 27. Oktober 1956 schlossen die Bundesre-
publik und Frankreich den Vertrag von Luxemburg (Saarvertrag), der die Eingliederung des
Saarlandes in die Bundesrepublik zum 1. Januar 1957 ermöglichte. Vorausgegangen war eine
Volksabstimmung am 23. Oktober 1955, in der die Mehrheit der Saarländer gegen das Saar-
statut votierte, das ein europäisches Statut des Saarlands im Rahmen der Westeuropäischen
Union vorsah. Eine wirtschaftliche Übergangszeit, in der Frankreich und das Saarland wei-
terhin eine Zoll- und Währungsunion darstellten, dauerte bis Juli 1959.
8 Streit, Mitarbeiter im Referat E A 3 (EG, Außenwirtschaftspolitik, Beziehungen zu den EFTA-
Staaten) im Bundesministerium für Wirtschaft.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99