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19.2.1990: Bericht Gesandter Loibl
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Dok. 125
Bankensystems und die Zulassung freier Gewerkschaften. All dies wäre durch
einen Beitritt gem. Art. 23 GG wesentlich leichter zu bewerkstelligen als durch Ei-
nigungsverhandlungen mit der DDR. Dennoch hielt Schlecht auch ein „Leitsätze-
Gesetz“ (wie bei der Währungsreform 1948)9 für denkbar, das alle darin nicht
ausdrücklich bestätigten Gesetze aufheben würde.
Ein weiteres Problem bildet Schlecht zufolge der mit der Währungsunion ein-
zuführende Wechselkurs für laufende Zahlungen und für Vermögensbestände.
Die DDR dürfe nicht mit zu hohen Lohn- und Produktionskosten beginnen;
da aber sowohl Produktivität wie Löhne bei etwa 40–50 % der entsprechenden
BRD-Werte liegen, könnte für die laufenden Zahlungen ein Kurs 1:1 riskiert
werden. Angesichts der zu erwartenden kräftigen Preissteigerungen (Preisfrei-
gabe und Subventionsabbau) und der planwirtschaftlich bestimmten, mit dem
Markt nicht übereinstimmenden Lohnstruktur müssten dann über Betriebsver-
einbarungen und Kollektivverträge branchenmäßig angepasste, marktkonforme
Lohnniveaus hergestellt werden.
Der bundesdeutsche Steuerzahler müsse eine Arbeitslosenversicherung für die
in „nennenswertem Ausmaß“ zu erwartende Friktionsarbeitslosigkeit in der DDR
aufbauen, und die DDR-Renten müssten angesichts ihrer Minimallöhne besser als
1:1 umgerechnet werden (ebenfalls zu Lasten des bundesdeutschen Steuerzahlers).
Weiters bedürfe es erheblicher Hilfestellung für die öffentliche, wirtschaftsnahe
Infrastruktur, was aber nicht nur aus Haushaltsmittel bestritten, sondern durch
langfristige, zinsgünstige Anleihen mitfinanziert werden könnte.
Kein bundesdeutscher Politiker will in diesem Zusammenhang die Notwen-
digkeit von Steuererhöhungen zugeben; statt dessen wird von längerfristigen In-
vestitionen, möglichen „Abgaben“ usw. gesprochen. Auch Schlecht wollte zu-
nächst abwarten (bis nach den BRD-Wahlen 1990?!),10 ob nicht der zu erwartende
Wachstumsschub (lt. EG-Berechnungen jährlich 1 % zusätzliches Wachstum für
die BRD, und 0,25 bis 0,5 % für die gesamte EG), die Einstellung von Förderungs-
maßnahmen (Zonenrand, Berlin usw.) und andere Haushaltsumschichtungen die
DDR-Sanierung weitgehend selbst finanzieren könnten; gleichzeitig erwähnte er,
dass der Finanzausgleich zwischen den Ländern völlig neu geregelt werden müs-
ste (während z. B.
Niedersachsen nach den bisherigen Kriterien DM 3 Mrd. erhält,
würden diese Mittel in Hinkunft alle in die DDR gehen usw.).
Für Vermögenswerte müsste der Wechselkurs wegen des großen Geldüber-
hanges (bezogen auf die künftige Kaufkraft) eigentlich etwa bei 1:2 liegen, wobei
ein Sockelbetrag mit 1:1 gewechselt werden könnte. Eine solche Abwertung wäre
der DDR-Bevölkerung aber vermutlich nicht „zu vermitteln“ (die legendäre Wäh-
9 Das „Gesetz über Leitsätze für die Bewirtschaftung und Preispolitik nach der Geldreform“
(24. Juni 1948) ist nach wegweisenden Vorgaben der US-Besatzungsmacht eng mit dem Namen
Ludwig Erhard verknüpft und regelte u. a. die Freigabe der Bewirtschaftung und der Preise.
Ludwig Erhard, Bundeskanzler der Bundesrepublik (1963–1966), siehe Personenregister mit
Funktionsangaben. Zu Artikel 23 des Grundgesetzes siehe bereits Anm. 3.
10 Am 2. Dezember 1990 fanden bereits die ersten gesamtdeutschen Wahlen statt.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99