Seite - 526 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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19.2.1990: Bericht Botschafter Wagner
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Dok. 127
Reserven ist. Ein vereinigtes Deutschland stelle einen wirtschaftlich übermächti-
gen Nachbarn dar, der das westliche Polen Stück für Stück „aufkaufen“ und jeder-
zeit auf die Grenzfrage, nicht zuletzt unter Hinweis auf die nunmehr anerkannte
deutsche Minorität in Polen,6 zurückkommen könnte. Ein Chefredakteur sagte
mir vor einigen Tagen, dass seine Zeitung Hunderte von Leserbriefen zu dieser
Frage erhält. Für die innenpolitisch bedingte Haltung von BK Kohl zur Frage der
polnischen Westgrenze (bei und nach seinem Besuch in Warschau)7 hat man
hier kein Verständnis. Man hatte polnischerseits ein vorbehaltloses, eindeutiges
Wort zur Oder-Neisse-Grenze, wenn nicht gar eine vorweggenommene völker-
rechtliche Anerkennung erwartet, wobei die endgültige Garantie einem Vertrag
mit Deutschland hätte vorbehalten bleiben können. Natürlich fürchtet die pol-
nische Regierung auch, dass die Vereinigung die wirtschaftliche und politische
Kraft der BRD so sehr in Anspruch nehmen wird, dass für Polen nur wenig der
erwarteten Hilfe übrig bleibt.
Wiewohl die BRD für den Großteil der polnischen Bevölkerung sehr attraktiv
ist, zeigt eine vor kurzem durchgeführte Meinungsumfrage,8 die durchaus re-
präsentativ sein dürfte, deutlich, wie man hier über die Vereinigung Deutschlands
denkt. Nur 7 % der Polen stünden ihr positiv gegenüber, für 35 % wäre sie unange-
nehm, 17 % würden sie als sehr unangenehm betrachten. Der Unterfertigte kennt
die Zahlen von ähnlichen Sondagen in anderen Nachbarstaaten der BRD nicht,
kann sich aber ein ähnlich negatives Ergebnis nicht vorstellen.
3.) Polen beansprucht ein moralisches und politisches Recht auf eine Garantie sei-
ner Westgrenze und möchte an den diesbezüglichen Verhandlungen, soweit seine
Interessen berührt sind, aktiv teilnehmen.9
Mazowiecki und Skubiszewski haben dazu deutlich Stellung genommen, und
auch Präsident Jaruzelski10 hat in die Debatte eingegriffen. Während allerdings
Skubiszewski ursprünglich die Meinung gelten ließ, nach dem Vertrag von
Warschau 197011 und dem von Görlitz12 genüge der kommende KSZE-Gipfel,
6 Erst nach Abschluss des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags vom 17. Juni 1991 erhielt
die deutsche Minderheit in Polen auch gesetzlich volle Rechte als nationale Minderheit.
7 Bundeskanzler Kohl war am 9. November 1989 zu einem mehrtägigen, aufgrund der Grenz-
öffnung unterbrochenen, und schließlich erst am 14. November abgeschlossenen Arbeits-
besuch nach Polen gereist. Vgl. Dok. 76.
8 Für die Ergebnisse der Umfrage siehe: Mieczysław Tomala, Polen und die deutsche Wieder-
vereinigung, Warschau 2004, S. 42–43.
9 Das dritte Ministerreffen der 2+4-Gespräche fand am 17. Juli 1990 unter polnischer Betei-
ligung in Paris statt. Siehe dazu Dok. 166.
10 Wojciech Jaruzelski, Präsident Polens (1989–1990), siehe Personenregister mit Funktions-
angaben.
11 Zum „Warschauer Vertrag“ siehe Dok. 1, Anm. 17 und Dok. 57, Anm. 10.
12 Abkommen zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Republik Polen über
die Markierung der Oder-Neiße-Grenze vom 6. Juli 1950 („Görlitzer Vertrag“), siehe Doku-
mente zur Deutschlandpolitik II/3, S. 249–252.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99