Seite - 546 - in Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 - Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
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23.–25.3.1990: Aktenvermerk Gesandter Prohaska
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Dok. 131
Ein Problem, das auch die Polen sehen, bestehe darin, dass vorläufig der Ein-
druck besteht, dass die Sowjetunion die einzigen sein könnten,20 die die Inter-
essen Polens vertreten. Niemand will das.
HBM vertrat die Auffassung, dass die KSZE der Rahmen sei, der den polnischen
und deutschen Bedürfnissen und Besorgnissen am ehesten entgegenkomme.
Eagleburger meinte, dass die Frage in erster Linie von den Deutschen selbst zu
lösen sei, dann, was die Außenprobleme anlangt, von den 4 Hauptmächten –
für die es auch eine rechtliche Basis gebe – dann, in weiterer Hinsicht, wenn
überhaupt, allenfalls die 16 oder die 35 des KSZE-Prozesses. Die Deutschen
sollten jedenfalls nicht den Eindruck bekommen, man würde sie behindern
(„slow down“).
Zu Rumänien: Für Eagleburger besteht starke Vermutung einer „high jacked
revolution“
Zu Jugoslawien vertrat Eagleburger eine sehr pessimistische Haltung: „If they
expect us to help them in any way they have to start acting sensibly“. In einer
Zeit der Reform und der Perestroika die Kosovofrage hochzuspielen, sei unver-
antwortlich. Ein Mehrparteiensystem in Jugoslawien sei ein Risiko, aber ein
Risiko, das man eingehen müsse.
Europa vor und nach dem Aufbruch in Osteuropa wurde von Eagleburger auf
folgende Formel gebracht:
vorher: WEU + [N+N]
nachher: WEU + [N+N] + [Hu + P + ČSSR] + [Ru + Bul].21
Schließlich unterbreitete Eagleburger einen Vorschlag, künftighin einen Mei-
nungsaustausch zwischen den USA und Österreich auf diesem Gebiet auf eine
festere Basis zu stellen und zweimal im Jahr auf Expertenebene durchzuführen:
im Frühjahr 1990 soll noch eine US-Delegation kommen, im Herbst 1990 eine
österreichische Delegation nach Washington fliegen. Auch der politische Un-
dersecretary Kimmit22 soll nach Wien kommen. HBM nimmt den Vorschlag
gerne an.
Eagleburger führt weiter aus, dass noch im März die US-Seite in Wien ein Zu-
sammentreffen zwischen Angehörigen der US Botschaft in Osteuropa mit Ver-
tretern von NGOs aus Amerika veranstalten werde (diskret und ohne publicity).
Österreich sei in der idealen Lage, das Denken und Fühlen in Ost und West
jeweils der anderen Seite verdolmetschen zu können.
Österreich
– EG: US für österreichischen Beitritt „but we would have
a problem
to bring in Eastern European countries“.
20 So im Original.
21 Eckige Klammern im Original. WEU =
Westeuropäische Union; N+N-Staaten =
Neutrale und
Nichtpaktgebundene Staaten; Hu = Ungarn; P = Polen; ČSSR = Tschechoslowakische Sozia-
listische Republik; Ru = Rumänien; Bul = Bulgarien.
22 Robert M. Kimmitt, Under Secretary of State for Political Affairs im US-Außenministerium
(1989–1991), siehe Personenregister mit Funktionsangaben.
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Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Titel
- Österreich und die deutsche Frage 1987–1990
- Untertitel
- Vom Honecker-Besuch in Bonn bis zur Einheit
- Herausgeber
- Michael Gehler
- Maximilian Graf
- Verlag
- Vandenhoeck & Ruprecht Verlage
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-666-35587-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 792
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Österreich und die deutsche Frage 1945–1990 7
- I. Vorbemerkungen 7
- II. Ausgangsbedingungen und Vorgeschichte: Von der „doppelten Staatsgründung“ zur Perpetuierung deutscher Zweistaatlichkeit (1949–1987) 11
- 1. Die Entwicklung bis zum Entscheidungs- und Zäsurjahr 1955 11
- 2. Gescheiterte Vermittlungsversuche (1958–1963) 19
- 3. Die Entwicklung bis zum Grundlagenvertrag 1972 23
- 4. Österreich, die europäische Integration und die Anerkennung der DDR im Zeichen der Entspannung (1961–1972) 28
- 5. Das Verhältnis Österreichs zu den beiden deutschen Staaten bis zum Bonn-Besuch Honeckers (1972–1987) 32
- III. Österreich und die deutsche Frage 1987–1990 38
- 1. Österreich und die scheinbare Stabilität des SED-Regimes 38
- 2. Die Grenzöffnung im Kontext der Langzeitentwicklungen und ihre direkten Folgen 43
- 3. Österreichs Annäherungen an das gemeinschaftliche Europa, die Bundesrepublik und die deutsche Frage 50
- 4. „Mauerfall“ und „Wiedervereinigung“: Die Haltung Österreichs bis Ende 1989 63
- 5. Österreich und die deutsche Frage Anfang 1990 75
- 6. Der Einigungsprozess und seine internationale Durchsetzung aus österreichischer Sicht 86
- 7. Österreichs Abschied von der DDR 92
- 8. Österreich, die deutsche Einheit und der Weg nach Europa – Bilanz und Ausblick 95
- IV. Editorische Vorbemerkungen 99